DER STANDARD-Kommentar "Eine Ära am Pranger" von Eric Frey

"Fall Julius Meinl V." - Ausgabe 4./5.4.2009

Wien (OTS) - Auch Österreich hat nun einen Banker, über den sich der Volkszorn über Anlageverluste und Wirtschaftskrise entladen kann. Julius Meinl V. ist das heimische Gegenstück zu den AIG-Managern, deren Millionenboni die Amerikaner empören, und den britischen Bankenbossen, deren Fenster von Demonstranten eingeschlagen werden.

Meinl muss zwar nicht um sein Leben fürchten, aber die Emotionen, die seine Verhaftung und teuer erkaufte Freilassung hierzulande ausgelöst haben, sind Teil eines weltweiten populistischen Trends, für den man zwar Verständnis haben kann, der allerdings Grund zur Sorge gibt.

Auch im Fall Meinl führen viele Reaktionen am Kern der Sache vorbei. Enthaftung auf Kaution ist vor allem bei Eigentumsdelikten Teil der österreichischen Strafprozessordnung. Dass ein Milliardär 100 Millionen Euro in wenigen Stunden auftreiben kann, sollte niemanden verwundern: Wofür hat man denn ein Vermögen, wenn nicht für eine Notsituation wie diese? Dass Meinl sein Geld in Stiftungen in Liechtenstein geparkt hat, ist keine Neuigkeit. Und die Kultur der Diskretion, die er dort genießt, wird energisch von der österreichischen Regierung gegen alle Angriffe verteidigt - Stichwort Bankgeheimnis. Was soll also der Zorn?

Ganz anders steht es um die Praktiken der Meinl Bank, die nun im Visier der Justiz stehen. Für die strafrechtlichen Vorwürfe gilt die Unschuldsvermutung, aber selbst wenn keine Gesetze gebrochen wurden, steht es außer Zweifel, dass die Marketing- und Verkaufsmaschinerie der Meinl European Land (MEL) den Kunden Gewinne und Sicherheit vorgaukelte, dabei aber vor allem in die eigenen Taschen arbeitete. Der Mann mit dem Hang zum Luxus und der auffälligen Schmalzlocke ist das perfekte Symbol für die Auswüchse einer Ära, deren Folgen nicht nur geschädigte Anleger nun schmerzhaft zu spüren bekommen.

Mit der Anklage gegen Julius Meinl und Mitarbeiter sollte das ganze System am Pranger stehen: Bank- und Vermögensberater, die der Provisionen wegen ihren Kunden die Meinl-Papiere aufschwatzten; Finanzmarktaufseher, die sich in Wegschauen übten; und die Medien, die kaum kritische Fragen stellten. Aber auch frühere Kunden - viele von ihnen lebenserfahrene Akademiker - könnten sich überlegen, warum sie damals der Werbung mit dem Sparschwein aufgesessen sind. Dass 11 Prozent Rendite nicht mündel_sicher sein können, hätte man eigentlich wissen können. Geblendet wurden sie nicht nur von der eigenen Gier, sondern auch von der Mär, dass Immobilienanlagen besonders sicher sind. Sie haben das System Meinl erst möglich gemacht.

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