• 15.03.2009, 18:06:47
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"Die Presse"-Leitartikel: Achtung: Öl kann Ihre Gesundung gefährden von Michael Prüller

Ausgabe vom 16.03.2009

Wien (OTS) - Der Ölpreis kann eine Gefahr für den Wiederaufschwung
werden. Die Opec hat damit wenig zu tun.

Einer der großen Unterschiede zwischen der Wirtschaftskrise jetzt und
der Großen Depression der 30er-Jahre ist: Damals ging der Krise ein
Preisverfall bei den wichtigsten Handelsgütern voraus. Als danach im
Verlauf des Wirtschaftsabschwungs - kräftig unterstützt von allerlei
protektionistischen Unsinnigkeiten - die Mengen knapper wurden, sank
die Gesellschaft erst recht ins Depressionsloch.
Vor der jetzigen Krise hingegen gab es Rekordpreise für Lebensmittel
und Öl, deren Kurse seit dem Herbst 2008 eine rasante Talfahrt
angetreten haben. Für Rohöl zahlt man heute etwas weniger als 50
Dollar pro Fass, ein Drittel von dem, was das Zeug noch vor einem
halben Jahr gekostet hat. Dieser Preisverfall federt ein wenig die
Krise ab, weil sie wie eine Steuersenkung für Industrie und
Verbraucher wirkt.
Mal sehen, ob es so bleibt. Die Gefahr steigender Ölpreise geht dabei
nicht unbedingt vom Ölproduzentenkartell Opec aus, das gerade in Wien
tagt. Diese Treffen haben zwar immer den netten Effekt, dass sich der
unserer Eitelkeit wohltuende "Blick der Weltöffentlichkeit" auf Wien
richtet. Aber es ist nicht so, dass sich der undisziplinierte Ölpreis
auch wirklich regelmäßig an die Beschlüsse der Ölminister hält.
ss-18;0Manche Länder, vor allem die Ölsupermacht Saudiarabien, auf
die ein Drittel der gesamten Opec-Ölförderung entfällt (und deren
Herrscherfamilie mittlerweile so stark im Westen investiert ist, dass
sie auch von maßvollen Ölpreisen profitiert), haben sich in der
Vergangenheit immer wieder als antizyklische Marktberuhiger
profiliert, die in Boomphasen die Partner in der Opec zu größerer
Ölproduktion überreden und in kargen Zeiten zum Gegenteil. Diese
regulierende Kraft der Opec beruhte aber immer mehr auf dem
tatsächlichen Verhalten der Saudis und anderer großer Spieler
(darunter zunehmend auch des Nichtmitglieds Russland) als auf den
formellen Beschlüssen des Kartells, wie viel Öl jedes Opec-Land
produzieren darf, die die einen nicht einhalten wollen und die
anderen nicht einhalten können.
Diese für den Weltmarktpreis oft segensreiche Disziplinlosigkeit der
Opec-Regierungen wird zunehmend durch einen anderen Faktor
konterkariert: Billig auszubeutende Ölquellen werden rar. Alte
Lagerstätten können nur zum Preis sehr teurer Investitionen ersetzt
werden. Man sah sowohl in Saudiarabien als auch in Russland in den
letzten Jahren eine deutlich abnehmende Fördereffizienz - während die
Nachfrage neuer Wirtschaftswunderländer wie China und Indien
dramatisch anstieg.
Es ist daher relativ nebensächlich, dass die Opec diesmal keine
offizielle Förderkürzung beschlossen hat. In jedem Fall sieht es nach
sinkenden Fördermengen aus. Das muss nicht gleich heißen: höhere
Preise. Denn auch die Nachfrage sinkt noch weiter, weil die
Wirtschaftskrise nicht an ihrem Tiefpunkt angelangt ist. Es spricht
aber vieles dafür, dass genau dann, wenn allererste Anzeichen für
einen Aufschwung zu spüren sind, der Ölpreis zu einem schmerzhaft
steilen Höhenflug ansetzen wird.
Die Tragödie dabei ist, dass es nicht danach aussieht, als würden wie
in den frühen Achtzigerjahren nach dem letzten Preisboom auch diesmal
die Notierungen wieder bald nach dem Höhenflug auf Talfahrt gehen,
wenn neue Quellen das Angebot vergrößern. Denn die dazu notwendigen
Investitionen in Kapazitätserweiterungen sind nirgendwo zu sehen.
Viele ölreiche Regierungen haben bisher schon zu wenig getan (wie
etwa jene in Moskau) und werden auch in der näheren Zukunft froh
sein, wenn der Ölexport genug Mittel abwirft, um die Gesamtwirtschaft
am Laufen zu halten. Und vielen Ölkonzernen ist derzeit auch nicht
nach Investieren zumute, weil ihnen die Finanzkrise die Kredite
abgeschnürt hat.

So kann sich der anfängliche Vorteil, dass die Ölpreisentwicklung die
Krise gedämpft hat, genau in sein Gegenteil verwandeln, wenn der
Ölpreis in genau jenem Moment wieder anzieht, in dem die jetzt noch
so stimulusgeilen Regierungen am Ende ihrer Spendierfähigkeit
angekommen sein werden und auf Steuererhöhungen oder
Leistungskürzungen umschwenken müssen. Auch Präsident Obamas
Versuche, die US-Energiewirtschaft zu begrünen, werden dann erst
einmal viel Geld gekostet, aber noch keine Entlastung von der
Ölabhängigkeit gebracht haben. Und wenn dann auch noch die Inflation
steigt (was auch wegen der gewaltigen in die Wirtschaft gefluteten
Geldmengen nicht ausgeschlossen ist) und die Zinsen erhöht werden
müssen . . .
Es wäre also ganz gut, wenn die Weltöffentlichkeit mehr auf das Öl
schaute. Und wenn die Opec wenigstens beim Investieren die Disziplin
aufbrächte, die sie beim Produzieren zu haben vorgibt.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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