- 04.03.2009, 08:45:00
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Mangelnde "Europäisierung" der nationalen Konjunkturzyklen als Risiko für den Euro-Raum
Wien (WIFO) - Während über die ersten 10 Jahre der Wirtschafts-
und Währungsunion eine größtenteils positive Bilanz zu ziehen ist,
stellt die weltweite Finanzkrise die Funktionsfähigkeit der WWU auf
die Probe. Die Überlebensfähigkeit der Währungsunion steht aufgrund
des guten Zusammenspiels der für die Politikgestaltung zuständigen
Institutionen außer Frage. Zwar hatten die Einführung der gemeinsamen
Währung und die damit verbundenen politischen Anpassungsprozesse
bereits eine Harmonisierung des Konjunkturzyklus im Euro-Raum zur
Folge. Da eine völlige Harmonisierung aber nicht zu erreichen sein
wird, zwingen einschneidende Ereignisse wie der gegenwärtige
Finanzkrisen-Schock die Geld- und Fiskalpolitik zum flexiblen
Handeln. Mangels anderer Mechanismen zur Abfederung solcher Schocks
(z. B. Fiscal Federalism in den USA) sind eine konsequentere
Koordination der Wirtschaftspolitik und eine noch stärkere
Zusammenarbeit zwischen den Ländern des Euro-Raums und der EZB
dringend geraten.
Vor dem Hintergrund der weltweiten Finanzkrise mit ihren immer
schwerwiegenderen Folgen für die Realwirtschaft ist die Einschätzung
der Zukunftsfähigkeit der Wirtschafts- und Währungsunion der EU
zunehmend gespalten. Einerseits wird ein Zerfallen der WWU
befürchtet. Andererseits gewinnen gerade in Zeiten der Krise die
Währungsunion und der Euro an Attraktivität - vor allem in jenen
Ländern, die am stärksten von der Finanzkrise betroffen sind (Island,
Großbritannien) und bisher der gemeinsamen Währung und der EU
skeptisch gegenüberstanden.
Tatsächlich ist die gegenwärtige Finanzkrise - ähnlich der
Weltwirtschaftskrise von 1929 - nicht auf wenige Länder beschränkt
(wie z. B. die Asien-, Russland-, Schweden-, Argentinienkrise in den
1990er-Jahren), sondern hat sich weltweit ausgebreitet. Eine solche
Konstellation tritt selten auf, ihre Auswirkungen sind aber wegen der
sehr stark globalisierten Wirtschaft mit ihren vielfältigen
Verflechtungen gravierend. Mit der Erfahrung um die negativen Folgen
einer Nicht-Reaktion bzw. der Verstrickung in nationalen
Protektionismus in den 1930er-Jahren greifen fast alle
Industrieländer massiv politisch ein. Dies gilt sogar für China, aber
nicht zuletzt für die größten Wirtschaftsräume USA und Europa. Europa
kann im Gegensatz zu den USA nicht einheitlich agieren, weil es
einerseits gespalten ist in EFTA- und EU-Länder und letztere sich
wiederum danach unterscheiden, ob sie an der Währungsunion
teilnehmen. Wegen dieser Heterogenität der Ausgangslage ist es umso
überraschender, dass innerhalb der erweiterten EU sehr rasch eine
koordinierte Krisenpolitik versucht wird. Allerdings sind weitere
Anstrengungen der Koordination notwendig, um nicht durch
Protektionismus (Förderung nationaler Champions und Banken) den
Zusammenhalt des Binnenmarktes und der Währungsunion zu gefährden.
Die gegenwärtige Weltkrise offenbart zudem viele Schwächen des
politischen Designs der WWU, vor allem den Mangel, dass die Rolle des
Lender of Last Resort nicht explizit geregelt ist; sie wurde ad hoc
von EZB und EU-Ländern in Anspruch genommen. Eine direkte Hilfe
(Bail-out) im Falle des Staatsbankrotts eines Euro-Raum-Landes ist
vertraglich ausgeschlossen. Finanzhilfen aus dem EU-Haushalt können
zurzeit laut EGV nur für Zahlungsbilanzprobleme gewährt werden (z. B.
Ungarn), nicht aber zur Stützung des Staatshaushalts eines
Mitgliedslandes.
Der große von den USA ausgehende Finanzmarktschock betrifft die
Länder des Euro-Raums wegen ihrer jeweiligen Wirtschaftsstruktur und
des nicht ganz harmonisierten Konjunkturverlaufs unterschiedlich
stark. Zudem verschärft die Krise die sich seit langem
aufschaukelnden Ungleichgewichte aufgrund unterschiedlicher
Lohnstückkostenentwicklung (Deutschland und Österreich sind hier im
Vorteil, die meisten Länder im Süden im Nachteil). Die Diversität der
Betroffenheit insgesamt resultiert in der unterschiedlichen
Einschätzung der Bonität der Staaten im Falle der Platzierung von
Staatsanleihen. Letztlich geht es in der EU und insbesondere im
Euro-Raum um "Managing Diversity" durch flexible und verstärkte
Zusammenarbeit aller Institutionen (EZB, Europäische Kommission,
EU-Länder).
Die teilweise zitierte Gefahr eines Zerfalls der Währungsunion ist
aber unrealistisch. Die Probleme, die durch die Finanzkrise ausgelöst
wurden und werden, sind nicht auf den Euro-Raum beschränkt, sondern
treffen Großbritannien, die Schweiz und vor allem die USA
gleichermaßen. Zudem gewinnt der Euro immer größere Bedeutung für die
Diversifizierung der Weltwährungsreserven und ist schon deshalb
unverzichtbar in der Weltwirtschaft.
Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
2/2009!
Rückfragehinweis:
Univ.-Prof. Dr. Fritz Breuss
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-220 * Fax. +43 1 798 93 86
mailto:[email protected]
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