"Die Presse"-Leitartikel: Nur "Befriedigend" für Schüler - und Lehrer, von Martina Salomon

Ausgabe vom 30. Jänner 2009

Wien (OTS) - Das österreichische Schulsystem braucht mehr Qualitätskontrolle - und motivierte Pädagogen.

Zeugnisverteilung: Das ist in erster Linie eine Bewertung der Schüler - und der Lehrer, auch wenn die das gar nicht so gerne hören. Aber wie aussagekräftig ist so eine Zeugnisnote? Könnte der Dreier anderswo ein "Gut" oder auch ein "Genügend", an einer dritten Schule vielleicht sogar ein glatter Fleck sein? Alle Bildungsstudien der letzten Zeit bestätigen diese vage Ahnung. Österreich gehört zu den Ländern mit den allergrößten Qualitätsunterschieden zwischen den Schulen.
Das muss und wird sich ändern. Unterrichtsministerin Claudia Schmied arbeitet daran: 2012 werden in den achten Schulstufen erstmals "Bildungsstandards" abgefragt. Jeder Schüler erhält dann eine Rückmeldung, ob er ein Mindestwissen pro Hauptfach vorweisen kann. (Zu einem transparenten, öffentlichen Qualitätsvergleich der Schulen untereinander wird es dadurch aber leider nicht kommen - Eltern sind vor Schuleintritt ihrer Kinder daher weiterhin auf Mundpropaganda angewiesen.)

Im Sommer 2014 soll es auch erstmals eine AHS-Zentralmatura geben -und dagegen formiert sich bereits kräftiger Lehrerwiderstand: Das werde wohl eine Nivellierung nach unten bringen, warnen sogenannte Eliteschulen. (Hinter vorgehaltener Hand wird zugegeben, dass die Maturaergebnisse unter echten nachprüfbaren Bedingungen so schlecht ausfallen würden, dass die Politik gar nicht anders könne, als die Messlatte tiefer zu legen.)
Einwand Nummer zwei: Lehrer befürchten weniger Freiraum für ihren Unterricht, weil ja künftig jeder Schüler über einen Kamm geschoren wird. Zuletzt haben sich satte 92 Prozent der Pädagogen bei einer Umfrage der AHS-Lehrergewerkschaft gegen die Zentralmatura ausgesprochen. In Leserbriefen und Gastkommentaren wird dagegen eifrig kampagnisiert.
Aber sind Frankreich und Finnland mit ihrer Zentralmatura wirklich so abschreckende Beispiele? Immerhin soll es in Österreich weiterhin neben der schriftlichen Klausur, die dann für alle gleich ist, auch noch eine mündliche Prüfung plus eine Art vorwissenschaftliche Facharbeit geben. Da ist nach wie vor jede Menge individuelle Schwerpunktsetzung möglich.
Angesichts der Lehrerfront keimt leichter Verdacht auf: Denn alles, was nach Evaluierung der Schule riecht, wird immer schon rundweg abgelehnt. Das begann vor rund zwölf Jahren mit den "Feedback-Bögen" von Schülern für Lehrer, die sich der damalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz wünschte. Es gab einen Riesenwirbel - und Scholz erntete lebenslanges Misstrauen der Pädagogenzunft.
Auf der Habenseite einer Zentralmatura stehen jedoch viele positive Wirkungen: Endlich gäbe es mehr Vergleichbarkeit der Schulen untereinander. Wenn, wie in der letzten TIMSS-Studie (Mathematikkenntnisse von Zehnjährigen in den OECD-Ländern), zwischen dem besten Land und dem mittelprächtigen Österreich 103 Punkte, aber zwischen der besten und der schlechtesten heimischen Schule 180 Punkte liegen, dann stimmt etwas nicht mehr mit unserem System. Und weil besonders in städtischen Ballungszentren der Eindruck vorherrscht, dass den Schülern die AHS-Matura zum Teil ohnehin "nachgeschmissen" wird, ist dieser Bildungsabschluss mittlerweile insgesamt entwertet.

Es schadet auch nicht, wenn bei den Pädagogen genauer hingeschaut wird. Jetzt ist es einfach Pech, wenn ein Schüler einzelne Nieten gezogen hat. Bei einer Zentralmatura kann das den 18-Jährigen aber durchaus auf den Kopf fallen - und ihren Lehrern. Da werden Direktoren dann genauer hinschauen und die Kollegen nachschulen, vielleicht sogar aus dem Verkehr ziehen oder zumindest darauf achten müssen, dass die (meist ohnehin schulbekannten) weniger erfolgreichen Pädagogen einer Klasse wenigstens nicht die vollen acht Jahre zugeteilt werden.
Der beste Effekt einer Zentralmatura: Lehrer werden zu Lernverbündeten ihrer Schüler, weil es gemeinsam ein externes Ziel zu erreichen gilt. Natürlich gibt es sie schon jetzt: die beliebten Lehrer, die Autorität haben, die fördern und fordern - und das trotz deutlich schwieriger gewordener Rahmenbedingungen. Der Beruf ist trotz langer Ferien kein Honigschlecken, nur die Besten und Talentiertesten sollten ihn wählen. Es braucht positive Vorbilder. Fein, dass idealistische Pädagogen derzeit im Film Hochkonjunktur haben, siehe das französische Stück "Die Klasse". Motivierte Lehrer sind der Schlüssel zum Bildungserfolg. Noten sind Schall und Rauch -noch.

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