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"Die Presse"-Leitartikel: Das verdunkelte Bild der Kirche, von Michael Prüller
Ausgabe vom 28. Jänner 2009
Wien (OTS) - Und wieder einmal hat man im Vatikan alles falsch
gemacht: Themenmanagement wie im 18. Jahrhundert.
Um zu wissen, dass der Vatikan so ziemlich das unbedarfteste
Themenmanagement aller internationalen Institutionen betreibt, hätte
es des neuesten Meisterstücks gar nicht mehr bedurft. Im jüngsten
Fall fällt aber das Urteil schwer, ob es sich um absichtliche Bosheit
oder bloß um übliche Unfähigkeit handelt: knapp vor dem
internationalen Holocaust-Gedenktag und auf den Tag genau 50 Jahre
nach der Ankündigung des II. Vatikanischen Konzils die
Exkommunikation von vier Geistlichen aufzuheben, die sich 1988
unerlaubt zu Bischöfen haben weihen lassen. Einer von ihnen hat erst
wenige Tage davor den Holocaust in Abrede gestellt. Und alle vier
stehen in diametralem Widerspruch zu entscheidenden Festlegungen des
Konzils, die auch das Verhältnis zum Judentum betreffen.
Auch wenn der Gnadenakt kirchenrechtlich keine Rehabilitierung
bedeutet und die Betroffenen weiterhin nicht als Bischöfe tätig
werden dürfen (und sie sich weiter darum nicht scheren werden), ist
das Bild verheerend. Jeder PR-Aspirant im ersten Lehrjahr hätte das
voraussagen können. Doch wo das Bild der Kirche verdunkelt ist, das
sollten eigentlich auch die meisten Prälaten wissen, leidet ihre
Botschaft.
Der größte Wirbel gilt dem Holocaust-Leugner Bischof Richard
Williamson, dabei ist sein Fall in Wirklichkeit der weniger wichtige.
Seine kruden Geschichtstheorien sind kein Gegenstand für die
Kirchenstrafe der Exkommunikation und stehen somit auch nicht der
Begnadigung entgegen - aber es hilft Rom nichts, rechtlich auf der
sicheren Seite zu sein. Auch wenn Williamson kein klassischer
Antisemit zu sein scheint, sondern offenbar ein Freund jeglicher
Verschwörungstheorien, der auch gern davon predigt, dass der Vatikan
vom Satan kontrolliert werde, und dass es "absolut sicher" sei, dass
das World Trade Center von "professionellen Demolierern" im Inneren
des Gebäudes zu Fall gebracht worden sei. Eine sensible Politik fragt
nicht nur danach, ob alles rechtens ist, sondern auch, wie man
verstanden wird. Und nach den Folgen.
Und da sind wir beim zweiten Thema - da, wo nicht nur die Form,
sondern die Sache bedenklich wird. Landläufig heißt es beim Stichwort
"Lefebvre" meist nur: lateinische Messe. Wesentlich heikler ist aber,
dass die Gefolgsleute des 1991 verstorbenen Bischofs (dessen Vater
übrigens im KZ gestorben ist, nachdem er Juden zur Flucht verholfen
hat) die seit dem Konzil geltende Lehre der katholischen Kirche zur
Religionsfreiheit und zur Ökumene ablehnen. Eine Lehre, die für die
Koexistenz von Kirche und Staat im Zeitalter der Demokratie von
eminenter Bedeutung ist.
Das Konzil hat das Recht jedes Menschen anerkannt, nach seinem
eigenen Willen seine Religion zu wählen und auch öffentlich
auszuüben. Die Anhänger Lefebvres gehen hingegen davon aus, dass auch
der Staat, zumindest dann, wenn die Mehrheit Katholiken sind,
katholisch zu sein hat, in seinen Gesetzen die katholische Lehre
widerspiegeln muss und andere Religionen nur so weit tolerieren darf,
wie es die Klugheit fordert: "Die falschen Religionen haben kein
wirkliches Recht auf ihre Ausübung, da sie eben falsche, irrtümliche
Religionen sind." ("Katechismus zur Kirchlichen Krise", 1999)
Die Lefebvrianer haben schon recht, dass die Päpste über lange Zeit
hinweg das auch so gesehen haben. Ihr Dissens, den sie als Treue zur
Kirche begreifen, sei ihnen gegönnt. Gerade weil es hier aber um
einen so elementaren Fortschritt im Kirchen- und Staatsverständnis
geht, sollte der Vatikan um Klarheit seines Standortes in dieser
Frage besorgt sein. Bloß auf die Aussage der vier Rebellen zu
verweisen, dass sie "die Lehren der Kirche mit kindlichem Geiste
annehmen", reicht da nicht. Was denn nun? Nehmen sie ihren
Widerspruch zum Konzil zurück, oder findet man etwa in Rom diese
Differenzen nicht mehr der Rede wert?
Gewiss: Der Akt Roms ist nicht das Ende der Affäre, sondern ein
erster Schritt zu unbelasteten Heimkehrgesprächen. Genau deswegen
wären, wie schon so oft, klärende Begleitworte am Platz gewesen. So
wie man einen besseren Termin abwarten und proaktiv mit den jüdischen
Bedenken hätte umgehen müssen, statt im römischen Dreischritt
vorzugehen: karge Verlautbarung - Aufruhr und Missverständnisse -
nachfolgend zusammengeschusterte Noterklärung (diesfalls für Samstag
angekündigt, also immerhin nur sieben Tage nach erfolgtem
Pallawatsch).
Man hätte es aber auch einfach lassen und die Strafe wegen
Ungehorsams erst dann aufheben können, wenn der Ungehorsam selbst
aufhört. Diese Vorgangsweise ist dem Vatikan ja sonst auch nicht
gerade fremd. Dass man gerade der kleinen Sekte der Lefebvrianer
außergewöhnliche Zugeständnisse macht, mag bei größtem Wohlwollen
gerade noch rührend sein. Klug ist es nicht.
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