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DER STANDARD-Kommentar "Obama muss kein Messias sein" von Christoph Prantner
Es reicht, wenn der Präsident einen neuen Aufbruch in den Köpfen zustande bringt - Ausgabe vom 21.1.2009
Wien (OTS) - Kann Barack Obama die hohen Erwartungen in seine
Präsidentschaft erfüllen? Keine Frage wurde nach der Wahl öfter
gestellt - und keine Frage hat sich in den Wochen nach dem 4.
November 2008 so gründlich überholt. Das, was einigermaßen vage mit
"Erwartungen" umschrieben ist, hat sich geändert, weil sich die
allgemeine Lage geändert hat und auch die Menschen, die diese
Erwartungshaltungen (gehabt) haben mögen. Die Erwartungen von damals
sind nicht mehr die Erwartungen von heute.
Das erkennbare Ausmaß der Weltwirtschaftskrise ist ein anderes als
noch vor zehn Wochen - für alle, nicht nur den neuen Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn Wirtschaftsforscher jetzt von
einer jahrelang andauernden Rezession in den USA sprechen und eine
deutliche Erholung erst 2014 oder 2016 sehen, dann übertrifft das die
schlimmsten Befürchtungen, die noch vor wenigen Wochen sorgenvoll
geäußert wurden. Welche "Erwartungen" sollte ein US-Präsident in
einer solchen Lage denn erfüllen?
Obama wird tun, was er kann. Er wird beim Budgetdefizit bis ans
äußerste Limit gehen, die Wirtschaft, wo es nur geht, mit
Stimuluspaketen anschieben. Aber er kann nicht zaubern. Und das
fordern die Bürger auch nicht von ihm. Zuletzt haben ihm in einer
Umfrage der New York Times fast 80 Prozent der Amerikaner nicht nur
das Vertrauen ausgesprochen, sie wollten auch geduldig sein mit
Obama. Wenn es sein muss, jahrelang. Denn nach der Wahl hat sich in
den USA - auch durch die zurückhaltenden Wortmeldungen des
Wahlsiegers - viel Ernüchterung eingestellt. Mokieren sich viele in
Europa noch über die vorgeblich messianischen Ansprüche der
Amerikaner, haben die längst eingesehen, dass Obama kein
Polit-Erlöser sein kann. In den USA ist die Krise bereits ein Sturm,
in Europa spüren die Menschen davon vorerst nur einen laues Lüfterl -
das Sein bestimmt das politische Bewusstsein.
Dass Obama keinen "Masterplan" zur Bewältigung der Krise habe, wie
der Ökonom Jeremy Rifkin zuletzt im _Interview mit dem Standard
erklärte, mag stimmen. Die Frage ist aber auch, ob der Präsident denn
überhaupt einen braucht. Wenn es stimmt, dass die Psychologie eine
der wichtigsten Ursachen der Krise ist, dann kann auch ein Obama ohne
Masterplan der richtige Präsident für diese schwierigen Zeiten sein.
Ronald Reagan hat den geknickten Amerikanern in den 1980er-Jahren
schon einmal Optimismus eingeimpft, und wer wäre heute besser dazu
geeignet, als der versierte Massenpsychologe und Cheerleader der
Hoffnung Barack Obama?
Franklin Delano Roosevelt ist 1933 zum Präsidenten gewählt worden. Da
litt die Welt schon jahrelang an der Wirtschaftskrise. Ein guter Teil
seines "New Deal" gegen die Große Depression waren Maßnahmen, die
bereits angelaufen waren. Roosevelt veränderte bloß die politische
Verpackung und signalisierte den Menschen einen neuen Aufbruch. Und
obwohl der noch Jahre auf sich warten ließ und letztlich erst die
Kriegswirtschaft für Hochkonjunktur sorgte, gilt FDR heute als einer
der größten Präsidenten der USA.
Wenn es auch der 44. Präsident der Vereinigten Staaten schafft, in
den verdatterten Amerikanern wieder ihren legendären Pioniergeist zu
entfachen, hat er - Erwartungen hin oder her - Großes geleistet.
Dafür muss er zeigen, dass seine Regierung arbeitet,
(außenpolitische) Erfolge hat, effektiv ist. Aus "Yes we can" muss
"Yes we do" werden. Daran werden sich auch die Bürger halten.
Es spricht nichts dagegen, dass Barack Obama, der im Wahlkampf
Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten und anderswo begeistern
konnte, das zustande bringen könnte.
Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445
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