"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der Schule läuft die Zeit davon" (Von WOLFGANG SABLATNIG)

Ausgabe vom 10. Dezember 2008

Innsbruck (OTS) - Neulich in der Straßenbahn. Zwei junge Frauen
mit Kinderwagen unterhalten sich über die Schulwahl für die Kleinen. Vielleicht doch eine teure Privatschule, bei allem Bekenntnis zum öffentlichen Schulwesen?

Ein städtisches Problem. Am Land stellt sich zumindest für die Volksschule die Frage der Schulwahl meist nicht. Die Unzufriedenheit mit der Schule macht aber nicht an den Stadtgrenzen halt.

Viele Probleme, die der neue TIMSS-Vergleich aufzeigt, sind bekannt. Die mangelnde Durchlässigkeit des Bildungssystems etwa. Zuwandererkinder bringen schlechtere Leistungen als "Einheimische", Kinder aus "bildungsnahen" Familien tun sich leichter als solche aus "bildungsfernen".

Die Beteuerungen der ÖVP, wir hätten ohnehin ein tolles Bildungssystem, führen sich mit den internationalen Studien ad absurdum. Doch auch gut gemeinte, aber vorschnelle Antworten helfen nicht weiter. Kleinere Schulklassen gelten als wichtige bildungspolitische Neuerung. TIMSS zeigt aber, dass Länder mit kleinen Klassen nicht automatisch besser abschneiden. Und die Gesamtschule? In der Volksschule werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet, trotzdem reicht es nur für das Mittelmaß.

Jetzt probiert die Koalition einen neuen Anlauf mit dem verpflichtenden Kindergartenjahr und verspricht Reformen bei der Lehrerausbildung. Damit aber wirklich ein Gesamtkonzept greifen kann, müssten endlich alle, die Schulpolitik machen und die jahrelang jede echte Diskussion verhindert haben, ernsthaft über ihre Schatten springen. Die Zeit dafür läuft ihnen davon, sonst führen Studien wie TIMSS, PISA und PIRLS für Österreich beim nächsten Mal wieder zum bösen Erwachen.

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