- 13.11.2008, 19:11:35
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Wer tut sich diesen Job noch an?
"Presse" - Leitartikel vom 14. November 2008, von Martina Salomon
Wien (OTS) - Das Image der Politik ist im Keller. Mit schuld daran
ist die mitunter äußerst fragwürdige Personalauswahl.
Demnächst ist es wieder so weit: Das neue Spitzenpersonal der
Republik wird bestellt. Da wären allerdings heikle Fragen zu stellen:
Wer tut sich diesen Job noch an? Und wie rational ist die Auswahl?
Erfolgreiche, gut verdienende Menschen müssen einigermaßen tollkühn
sein, um ihren Job für die Politik an den Nagel zu hängen. "Ich will
nicht nach fünf Jahren als Versorgungsfall gelten", ist eine häufige
Antwort, wenn man Manager fragt, ob sie ein Ministeramt reizen würde.
Tatsächlich ist jeder, der einen Fuß in die Politik setzt, auf alle
Ewigkeiten angepatzt. Bei jedem weiteren Karriereschritt wird er
verdächtigt, diesen nur dank seiner mächtigen Freunde geschafft zu
haben. Belege, dass das in den vergangenen Jahrzehnten oft so lief,
gibt es zuhauf. Selbst aus den Reihen der FPÖ, die sich in den
90er-Jahren zur "Kontrollpartei" stilisierte und damit Wahlen gewann,
sitzen bis heute zahlreiche blaue Vertrauensleute in Ministerien und
staatsnahen Organen. Die Wähler haben es nur mittlerweile wieder
vergessen.
Aber der Umkehrschluss, dass jeder, der einmal an der Politik
angestreift ist, für die Wirtschaft diskreditiert ist, kann ja wohl
auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ein Ministeramt - oder
ein Job im Kabinett - ist ein Knochenjob mit hohen Anforderungen und
akuter Absturzgefahr. Entscheidungen müssen oft blitzartig gefällt
werden. Krisenkommunikation ist wichtig, am medialen Pranger steht
man schnell, da genügt schon ein unvorsichtiger Sager. Es gibt nicht
ein paar Jahresgehälter zum Trost für jene, die vorzeitig in die
Wüste geschickt werden. Aus Sicht der Boulevardmedien müssten
Minister überhaupt im Büßergewand daherkommen und höchstens einen
alten VW-Käfer fahren (oder ist das schon wieder zu "retro" und daher
auch zu dekadent?). Für Privatleben bleibt kaum Zeit. "Ich fürchte,
dann lässt sich mein Partner scheiden", ist eine ebenso häufig
gehörte Antwort von Kandidaten, die als ministrabel gelten, aber
dankend ablehnen.
Das macht die Auswahl schwierig. Ohnehin gibt es eine Lawine an
Kriterien, die mit der fachlichen Eignung fast nichts zu tun haben.
Die Landesorganisationen müssen befriedigt werden, das ist bei Rot
und Schwarz ident. Da wird dann 24 Stunden vor der Nominierung bei
den Landeschefs zwecks Personalwünschen nachgefragt, was schon häufig
zu bösen Überraschungen - sprich: reichlich unbedarften Ministern -
geführt hat. Bei der ÖVP kommen noch die Bünde dazu. So gäbe es aus
Sicht von Josef Pröll eine Menge fähiger Bauernbündler. (Die Bauern
sind deutlich erfolgreicher in Nachwuchsrekrutierung als andere
ÖVP-Bünde.) Aber zu viele dürfen es dann in der schwarzen
Regierungsmannschaft auch wieder nicht sein. Im Zweifel wird daher
vielleicht ein zweitklassiger ÖAABler vorgezogen, weil es eben der
Parteistruktur entspricht. In der SPÖ ist klar, dass diesmal die
Gewerkschaft wieder mitredet, und Hans Dichand sowieso. Beide
Koalitionäre müssen darüber hinaus auf ein ausgewogenes
Geschlechterverhältnis achten etc. etc.
Nicht genug damit, werden davor auch noch diejenigen, die die Auswahl
treffen, in Funktionärshinterzimmern ausgedealt. Dort wird dann, wie
im Fall Alfred Gusenbauer, entschieden, dass der Kanzler und
Parteichef abgelöst werden soll - einfach, weil absehbar ist, dass
man mit ihm keine Wahl mehr gewinnen wird. Womit sich die Katze in
den Schwanz beißt: Der Zynismus, mit dem die Politikerauswahl
stattfindet, hat sich mittlerweile gegen die Politikerzunft als
Ganzes gewendet. Das Image ist im Keller, womit es noch schwieriger
wird, Menschen für diesen Job zu gewinnen. Speziell bei der Jugend
ist die Politik überhaupt unten durch.
Was also tun? Manches könnte man zum Beispiel durchaus von den USA
abkupfern, auch wenn die Systeme natürlich schwer vergleichbar sind.
Aber warum nicht (zumindest in der Partei) eine Miniversion der
Vorwahlen abhalten, bevor ein Spitzenkandidat gekürt wird? In den USA
suchen sich Minister ihre Stäbe aus, aber wenn die Amtszeit endet,
ist auch der Job vorbei. Dafür gelten sie nicht als Versorgungsfall,
wenn sie sich danach um Arbeit umschauen, und selbst zwischen den
Parteien ist das Freund-Feind-Schema nicht ganz so ausgeprägt.
Politik braucht Profis. Schön wäre es, gäbe es statt der Inflation an
Arztserien im TV endlich ein paar coole Politikseifenopern.
Vielleicht inspiriert ja die Obama-Manie die Drehbuchautoren. Aber
bitte nicht die österreichischen. Noch mehr "Mundls" brauchen wir
echt nicht.
Rückfragehinweis:
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