"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Rückkehr des Schreckens" (Von FLOO WEISSMANN)

Ausgabe vom 21. August 2008

Innsbruck (OTS) - Russland und die USA haben sich auf einen gefährlichen Kollisionskurs eingelassen. Das kann langfristig auch die Sicherheit Europas bedrohen, in der sich viele Europäer nach dem Ende des Kalten Kriegs schon wohlig eingerichtet haben. Der US-Raketenschild in Polen, der gestern vertraglich fixiert wurde, belegt erneut, dass Washington und Moskau die Konfrontation in einer neuen Aufrüstungsspirale suchen. Zu diesem Zweck spielen beide Seiten der Welt etwas vor.

"Schurken" wie der Iran und Nordkorea sind auf absehbare Zeit nicht in der Lage, die USA mit Atomraketen anzugreifen, die von Polen aus abgeschossen werden könnten. Auch der US-Raketenschild funktioniert technisch noch gar nicht. Washington hatte es also gar nicht notwendig, diesen fiktiven Krieg der Zukunft ausgerechnet jetzt zu paraphieren, wo die Beziehungen mit Russland wegen Georgien ohnehin schon angespannt sind.

Aber auch Russlands Empörung hat wenig mit den Fakten zu tun. Was sollen zehn US-Abfangraketen in bequemer Reichweite der russischen Luftwaffe schon gegen die Armada russischer Atombomben ausrichten, die auf dem Weg in Richtung USA ohnehin nicht über Polen fliegen würden? Es besteht also keine unmittelbare Bedrohung für Russland.

Im Kalten Krieg war vom Gleichgewicht des Schreckens die Rede. Das Nachfolgestück, das Washington und Moskau nun auf der Weltbühne inszenieren, heißt demnach "Rückkehr des Schreckens". Veteranen beider Seiten pokern wieder mit Provokation und strategischen Potenzialen. Und ehemalige Ostblock-Staaten wie Polen und Tschechien, die gegen Russland lieber die USA als die EU zu Hilfe rufen, ziehen Europa mit hinein.

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