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DER STANDARD-KOMMENTAR "Versagen mit System" von Andreas Schnauder
Die G8 sind ein Konstruktionsfehler und haben als Forum für globale Themen ausgedient - Ausgabe vom 9.7.2008
Wien (OTS) - Die Gesten sprechen für sich. Mit dem Schreiben von
Wunschzetteln haben die Lenker der vermeintlich wichtigsten
Industrienationen (G8) zwar die Tradition des japanischen
Tanabata-Fests gewürdigt, signalisierten damit aber auch den
Charakter derartiger Treffen: Am Toya-See wurde der Glaube an die
Heilkräfte derartiger Aufmärsche endgültig versenkt.
Man führe sich nur vor Augen, was allein beim Klimaschutz als Erfolg
verkauft wurde: dass nämlich die G8 die Halbierung der Treibhausgase
bis 2050 als "Vision" betrachten. Der scheidende US-Präsident George
W. Bush, hinter dem sich auch gerne andere Staatslenker verstecken,
verhinderte konkrete Zusagen. Doch allen Ernstes wurde der
Fortschritt gegenüber dem letzten Gipfel in Heiligendamm gerühmt, bei
dem die Prüfung der fünfzigprozentigen Reduktion des CO2-Ausstoßes
akkordiert wurde.
Dazu kommt, dass sich die großen Volkswirtschaften nicht vom Irrweg
der Biokraftstoffe verabschieden wollen und insbesondere die EU und
die USA weitere Milliarden an Subventionen in die Verspritung von
Getreide pumpen wollen. Nicht nur, dass dem Klima nicht gedient wird:
Die Nationen verschärfen dadurch die Lebensmittelkrise. Die ist ja zu
einem beträchtlichen Teil aus der Verknappung der Agrarprodukte im
Zuge des Biokraft-Booms entstanden, der die Preise in die Höhe
schnellen ließ. Obwohl die Weltbank 75 Prozent der Preisexplosion auf
Ethanol und Biodiesel-Produktion zurückführt, wird munter
weitergemacht. Lediglich die "Nachhaltigkeit" der Kraftstoffe soll
künftig stärker berücksichtigt werden, so die Formulierung in der
G8-Erklärung.
Gleichzeitig diskutieren die Staats- und Regierungschefs allen
Ernstes über notwendige Maßnahmen gegen Armut in der Dritten Welt,
die sie zu einem beträchtlichen Teil mitverschulden. Die Teuerung bei
Lebensmitteln hat den ohnehin bescheidenen Anstrengungen des Westens
ja einen herben Dämpfer versetzt.
Zynisch könnte man meinen, Afrika und anderen von Hunger geplagten
Regionen wäre schon genug geholfen, wenn der Westen nur darauf
verzichtete, die Preise weiter hinauf zu treiben - und den Aufbau der
lokalen Landwirtschaften in der Dritten Welt mit der Stützung eigener
Ausfuhren sowie der Abschottung eigener Nahrungsmittelmärkte zu
verhindern. So aber wird dieser Themenkomplex bewusst verkannt, um
dann mit Hilfsprogrammen gegen Hunger, Armut und Seuchen
Verantwortungsbewusstsein auszustrahlen. De facto senken die
Vertreter des Wohlstands ihre Zuwendungen an die Dritte Welt dagegen
ständig, anstatt sie aufzustocken. Das permanente Erfinden neuer
Aktionspläne und das Jonglieren mit Milliardensummen kann diesen
Umstand schon lange nicht mehr verdecken.
Schwer zu sagen, ob das kollektive Versagen bei der Behandlung
globaler Themen an der Fehlkonstruktion der G8 liegt oder am
mangelnden Willen. Oder an beidem. Jedenfalls hat die Erweiterung des
ursprünglichen G7-Forums um Russland nichts daran geändert, dass die
großen Wachstumsländer China, Indien oder Brasilien nicht mit an Bord
sind. Zudem sollte, wer über die Probleme der Welt sprechen will,
auch jene Regionen einbinden, die am meisten davon betroffen sind.
So aber werden die Systemmängel in der "Global Governance" immer
unerträglicher, weil der Westen die internationalen Organisationen
nach den eigenen Spielregeln diktieren möchte. So haben auch die G8
ihren Führungsanspruch begraben. Mit Bäumchen pflanzen und
Wunschzettelschreiben wurde das recht hübsch symbolisiert.
Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445
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