- 03.07.2008, 18:47:05
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Und es gibt sie doch, die militärische Lösung
"Presse"-Leitartikel, vom 4. Juli 2008 von Christian Ultsch
Wien (OTS) - Kolumbiens als Rebellen getarnte Terrordrogenbande
Farc steht nach den Erfolgen der Armee vor dem Ende.
Es ist einer dieser Gemeinplätze, die viele, die sich für besonders
gute Menschen halten, unhinterfragt wie Horoskopsprüche auf
Zuckersäckchen hinnehmen: Für Konflikte gebe es keine militärischen
Lösungen. Das hat sich ein gewisser Andres Pastrana, der von 1998 bis
2002 Präsident in Kolumbien war, auch gedacht. Und deshalb überließ
er einer terroristischen Drogenbande, die sich Revolutionäre
Streitkräfte Kolumbiens (Farc - Fuerzas Armas Revolucionarias de
Colombia) nennt, ein Gebiet so groß wie halb Österreich, um zu
verhandeln.
Vierzig Monate dauerte der "Friedensprozess". Das gab den damals noch
rund 17.000 Guerilleros schön viel Zeit. Um sich zunächst mal
ordentlich auszuruhen, auf ihre Drogengeschäfte zu konzentrieren und
neue Waffen anzuschaffen. Fortschritte brachten die Verhandlungen
keine. Die Farc nützte ihren Freizeitpark als Refugium für Offensiven
und als Freiluftgehege für hunderte Menschen, die sie entführten.
Der Farce mit der Farc setzte Pastrana erst ein Ende, als die Wahl
näher rückte. Er verlor sie trotzdem. An die Macht kam einer, der als
konservativer Hardliner und Büttel der Yankees verschrien war: Alvaro
Uribe. Was wurde er von der pazifistischen Internationale der
Rebellenversteher dafür gescholten, dass er den Krieg entschlossener
führte als je zuvor.
Doch der Erfolg gibt ihm Recht. Heute ist Kolumbien deutlich sicherer
als vor sechs Jahren. Die Bürger müssen nicht an jeder Kreuzung
fürchten, entführt zu werden. Die pseudomarxistische Farc ist
zurückgedrängt, möglicherweise entscheidend geschwächt. Nach
Niederlagen und Massendesertionen soll sie nur noch 8000
Gummistiefel-Kämpfer haben. Zuletzt ging es Schlag auf Schlag. Erst
wurde Raul Reyes, Mitglied des Leitungsgremiums, getötet, dann starb
der sagenumwobene Führer Manuel Marulanda. Jetzt kam der Farc in
einer spektakulären Aktion auch noch der Edelstein ihrer zynischen
Geiselkollektion abhanden: Ex-Präsidentschaftskandidatin Ingrid
Betancourt. Nichts könnte den Niedergang der Farc besser illustrieren
als der hollywoodreife Stunt ihrer Befreiung. Agenten gaben sich als
Rebellen aus und holten Betancourt und 14 andere Top-Geiseln einfach
mit dem Hubschrauber ab.
Die Farc zerfällt, ihre Truppenteile sind isoliert, ihre Führung
dezimiert und ihre Verbündeten in Deckung. Seit auf dem Laptop des
getöteten Farc-Führers Reyes ziemlich eindeutige Hinweise
auftauchten, dass Hugo Chávez alias "Angel" den Genossen nicht nur
Unterschlupf geboten, sondern sie auch finanziell unterstützt hat,
ist Venezuelas Staatsobergroßmaul ungewöhnlich kleinlaut geworden.
Vor ein paar Monaten noch hatte er darauf gedrängt, die Farc als
legitime Freiheitskämpfer anzuerkennen, nach dem Reyes-Fiasko
forderte er seine Freunde auf, den "unzeitgemäßen" Guerillakampf zu
beenden.
Derart im Eck ist die Farc nicht, weil sie gutes Zureden erweicht,
sondern weil ihr die Armee zugesetzt hat. Ein ähnlicher Vorgang ist
auch am anderen Ende der Welt zu beobachten, in Sri Lanka. Auch dort
hat das Militär eine Befreiungsorganisation mit
autoritär-terroristischen Zügen, nämlich die "tamilischen Tiger",
unerwartet stark in die Defensive gedrängt. Oder nehmen wir die
jüngsten Entwicklungen im Irak, wo die Armee die schiitischen Milizen
des Muqtada al-Sadr aus wichtigen Stellungen vertrieb.
Dort wie in Kolumbien ist es gelungen, das Gleichgewicht mit
militärischen Mitteln derart zu verschieben, dass nun eine Lösung
wahrscheinlicher ist als vorher. Es versteht sich, dass eine kluge
Strategie auch politische, wirtschaftliche oder soziale Maßnahmen
enthalten muss. Dazu gehört etwa Uribes Wiedereingliederungsprogramm
für Farc-Deserteure. Es könnten noch Amnestien hinzukommen, ebenso
das Angebot an die Farc, sich in eine Partei umzuwandeln. Dann sähe
man, ob das Gewäsch von den sozialen Ursachen des Konflikts 44 Jahre
nach dessen Ausbruch und bei völlig veränderten gesellschaftlichen
Bedingungen noch irgendeinen Bezug zur Wirklichkeit hat und
Wählerstimmen bringt.
Krieg sollte nie Selbstzweck sein, sondern immer ein Ziel haben. Das
ist es, was schon der alte Clausewitz als Fortsetzung der Politik mit
anderen Mitteln verstand. Wer militärische Optionen von vornherein
ausschließt, mag sich zwar besser fühlen, doch er macht den Gegner
damit womöglich so stark, dass er gar nicht verhandeln will. Damit
verlängert er den Konflikt.
Und übrigens kann man sektiererisch-kriminelle Aufständische einfach
auch nur besiegen, so wie Perus "Leuchtendem Pfad" das Licht
abgedreht wurde.
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