- 27.05.2008, 18:07:24
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DER STANDARD Kommentar "Das Schweigen der Hirten"
Die Kirche manövriert sich mit ihrem Konfliktmanagement in eine Autoritätskrise (von Markus Rohrhofer) - Ausgabe vom 28.05.2008
Wien (OTS) - Krisenmanagement bezeichnet den systematischen Umgang
mit Krisensituationen. Es beinhaltet das Erkennen und die Analyse
von Krisensituationen, die Entwicklung von Strategien zur Bewältigung
derselben sowie die Einleitung und Verfolgung von Gegenmaßnahmen - so
sieht es zumindest die einschlägige Fachliteratur. Und so sieht es
sicher nicht die katholische Kirche in Österreich.
"Hände falten, Goschn halten" ist in schweren Zeiten stets das Gebot
der Stunde. Dies hat sich in der Vergangenheit gezeigt, wird in der
Gegenwart praktiziert und wohl auch künftig allerheiligstes Mittel
zum Krisenzweck sein. Exemplarisch für den Umgang mit
innerkirchlichen Problemen steht auch 13 Jahre danach vor _allem ein
Name: Kardinal Hans Hermann Groër. Die Missbrauchsvorwürfe eines
ehemaligen Groër-Schülers entfachten einen Flächenbrand in der
gesamten österreichischen Kirche, der über Jahre durch das Schweigen
sowohl von Groër als auch vonseiten des Vatikans genährt wurde.
Man kehrte unter den klerikalen Teppich, mauerte und versuchte den
Vorfall still und leise auszusitzen. Wie wenig erfolgreich dies war,
ist bekannt: Der Skandal-Kardinal Groër stolpert über den eigenen
Scherbenhaufen und muss am 14. August 1995 abdanken. Doch es sollte
noch drei weitere Jahre dauern, bis die Bischöfe Schönborn, Eder und
Kapellari "zur moralischen Gewissheit" gelangten, dass die _Vorwürfe
gegen Groër im "Wesentlichen zutreffen". Gelernt hat man nichts aus
der tiefen Kirchenkrise. Im Herbst 2003 mäht der Skandal in der
Diözese St. Pölten das Gras, das zart über die Affäre Groër zu
wachsen begann, wieder ab. Kinderpornografische Fotos, homosexuelle
Beziehungen im Priesterseminar - vom damaligen Bischof Kurt Krenn als
"Lausbubenstreiche" und "Bubendummheiten" belächelt.
Wieder hatte man zu lange zugesehen oder es nicht gewagt, den
vielkritisierten Bischof rechtzeitig einzubremsen. Wohl auch vor dem
Hintergrund, dass der medienaffine Krenn stets beste Kontakte nach
Rom hatte und vor allem beim damaligen Privatsekretär von Johannes
Paul II., Stanislaw Dziwisz, aus und ein ging.
Doch um den Umgang der Kirche mit Krisen zu beleuchten, braucht es
keinen Ausflug in die Vergangenheit. In der Diözese Linz wird eine
immer stärker aufkeimende Zölibatsdebatte totgeschwiegen, besorgte
Protestschreiben der Basis landen in der bischöflichen Rundablage.
Die Rechte der Laien werden sukzessive eingeschränkt,
Theologiestudenten gehen dagegen auf die Straße. Doch der Linzer
Bischof hüllt sich in Schweigen. Ähnlich die Situation in der Diözese
Gurk: Die Probleme mit Diözesanbischof Alois Schwarz sind dort
mittlerweile so massiv, dass innerhalb kürzester Zeit engste
Mitarbeiter des Bischofs mehr oder eher weniger freiwillig abgedankt
haben. In Wien rührt sich dazu zumindest bis dato kein
(Kardinals-)Ohr.
Das Krisenmanagement der katholischen Kirche scheint somit klar:
Gehandelt wird, wenn gehandelt werden muss. Gelöscht wird erst, wenn
das Feuer am Kirchendach weithin sichtbar ist. Dass dieser Weg einen
massiven Autoritätsverlust mit sich bringt, wird dabei übersehen oder
eher wissentlich in Kauf genommen.
Das Klammern an Unfehlbarkeit gefährdet die vielgelobte Einheit der
Christen. Nicht der Skandal treibt die Menschen aus der Kirche,
sondern der Umgang damit. Und jene, die der Institution Kirche nicht
den Rücken kehren wollen, formieren sich neu. Die Basis hat ihren
Glauben auf eigene Beine gestellt, bedingungsloser Gehorsam und
absolute Loyalität waren einmal. Vor allem in Krisensituationen.
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