"DER STANDARD"-Kommentar: "Der Respekt vor dem Lebens-Mittel" von Carlo Petrini. Der Autor ist Präsident der Slow-Food-Vereinigung

Der Weg aus der Ernährungskrise liegt in der Vernetzung lokaler Landwirtschaften - Ausgabe vom 10/11/12.5.2008

Wien (OTS) - Der Mythos von der Produktivität auf höchstem Niveau hat sich erledigt: Um die Menschen dieser Erde zu ernähren, reicht es nicht aus, einfach nur mehr zu produzieren, wie zum Beispiel die Verfechter der Gentechnik oder all jene, die wirtschaftliche Interessen an den "commodities" der internationalen Märkte haben, uns glauben machen. Um die jetzige und künftige Krisen abzuwenden, ist es notwendig, die Produktion, den Konsum und die Verteilung zu verbessern.
Das herrschende agro-industrielle Modell hat die Lebensbedingungen vieler Menschen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zweifellos verbessert. Jetzt aber zeigt sich seine Grenze. Es ist nicht mehr vertretbar, nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht.
Die Welt verändert sich so rasch, dass die Modelle, die wir gewöhnt waren, mit Verspätung reagieren und statt Probleme zu lösen, neue hervorbringen.
Es ist Zeit für einen völlig neuen Ansatz, und die Lösung könnte in einer fortschrittlichen Regionalisierung der Wirtschaft liegen. Lokale Wirtschaften, in denen die Produktion im kleinen Rahmen aufgewertet wird, sich eine direktere Beziehung zwischen landwirtschaftlichem Produkt und Endverbraucher ergibt, in denen der Wert der Nahrung nicht mehr nur wirtschaftlicher, sondern wieder kultureller Natur ist, ohne den pädagogischen Aspekt zu vernachlässigen. Seit dem Lebensmittel die sozialen und regionalen Funktionen genommen wurden und der Bauer entbehrlich wurde, hat sich eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, deren Konsequenzen jetzt nicht mehr zu übersehen sind.
Wir können von den Entwicklungsländern nicht verlangen, auf Wohlstand, den sie gerade erobern, zu verzichten: Wir müssen versuchen, ein Modell, das auf Beschränkung und Konvergenz beruht, durchzusetzen. Darin schränken die reichen Staaten ihren Ressourcenkonsum ein. Wenn sie vor allem gegen die Verschwendung und das bestehende Verteilungssystem vorgehen, brauchen sie auf ihren Wohlstand nicht zu verzichten. Die Schwellenländer können wachsen, allerdings nachhaltig, das heißt, ohne ihre Tradition und Kultur aufzugeben.
Eine regionale Wirtschaft, oder besser eine Vernetzung regionaler Wirtschaften erlaubt eine effiziente, lokale Nutzung der Ressourcen. Sie kann Umweltbelastungen etwa durch unnötige Transporte reduzieren und besser recyceln. Sie liefert auch bessere, frischere und billigere Lebensmittel, die der lokalen kulturellen Identität entsprechen.
So gewinnt der Bauer wirtschaftlich und kulturell wieder an Bedeutung. Sogar eine Umkehrung der Landflucht scheint denkbar. Das kann sowohl den reichen als auch den armen Ländern nützen. Denn ein Netz von lokalen Wirtschaften ist flexibel. Es kann die biologische, kulturelle, klimatische und geografische Vielfalt in ein System integrieren. Damit kommt eine Region mit Unvorhersehbarkeiten, die sich im jetzigen System als scheinbar unbewältigbare Probleme darstellen, besser zurecht.
Der Schlüssel zu einer besseren Zukunft der Lebensmittelproduktion liegt im Respekt vor dem Wert des Lebens-Mittels. Es ist dies eine Zukunft der Harmonie in der Vielfalt, eine Zukunft, in der die Nahrung Genuss bedeutet und zu einem identitätsstiftenden Element und zu einem Symbol für wahre Lebensqualität wird: einer Form der Friedensdiplomatie und keinem Instrument der Macht, der Unterdrückung und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

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