- 27.04.2008, 18:01:16
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"Die Presse" Leitartikel: Der Kindergarten gehört zum Leben von Claudia Dannhauser
Wien (OTS) - Beim Thema Kinderbetreuung ist es höchste Zeit,
die ideologischen Scheuklappen fallen zu lassen.
Es ist kaum zu glauben, mit welcher Verbissenheit anno 2008 an das
Thema Kinderbetreuung herangegangen wird. Da einigt sich die Große
Koalition - selten genug ist das der Fall - auf eine sinnvolle
Anstoßfinanzierung zum Ausbau von Kindergärten, schon stecken -
vornehmlich schwarze - Landespolitiker in einem ambitionierten
Abwehrkampf der ach so bösen Kinderaufbewahrungsanstalten, als handle
es sich um landauf, landab gefürchtete Minigefängnisse.
Sie fordern unverschämterweise sogar die Wahlfreiheit für Eltern ein
und propagieren im selben Atemzug genau das Gegenteil. Denn, wo ist
bitte schön die Wahlfreiheit, wenn man sich mit Händen und Füßen
gegen den Ausbau von Ganztageskindergärten wehrt? Damit bleibt den
Eltern (und damit meist den Müttern) nur die Wahl, ihre Kinder
mittags abzuholen, wenn sie das Haus geputzt und das Essen gekocht
haben. Berufstätigkeit ist da nicht drinnen. Umgekehrt ist ein
breites Angebot an Ganztageskindergärten keine Verpflichtung für jede
Frau (jeden Mann) 40 Stunden pro Woche arbeiten zu gehen und ihr
(sein) Kind ganztags abzugeben.
Deshalb sollte es heutzutage wirklich keine Frage von Schwarz oder
Rot mehr sein, ob man seine Kinder bis zur Schule Tag für Tag selbst
betreut oder nicht. Wer ab und zu über den Tellerrand schaut und sich
die Usancen anderswo ansieht, der muss feststellen, dass es in den
Ländern mit traditionellen Betreuungsmustern immer weniger Kinder
gibt. Italien, Spanien, Deutschland, Österreich - da liegen die
Geburtenraten im Keller. Frankreich, Norwegen, Schweden, Finnland, wo
berufstätige Frauen ebenso wie qualitativ hochwertige Kinderbetreuung
eine Selbstverständlichkeit sind, da gibt es wieder viele Kinder. Das
ist einfach so, ob es einem passt oder nicht. Für die meisten
Familien ist es wohl auch keine ideologische Frage, sondern eine des
Geldes, ob man es sich leisten kann oder will, dass ein Partner nicht
berufstätig ist.
Geld ist im Prinzip auch der Kernpunkt des aktuellen
Kindergartenstreits. Die schwarzen Länder (und zum Teil auch das
orange Kärnten) versteifen sich im Prinzip auf die Linie:
Kinderbetreuung ist unsere Sache und da bestimmen wir allein. Wenn
der Bund also Geld hergeben will: schön und gut. Wofür wir's aber
verwenden, das ist unsere Sache, da redet uns keiner drein. Genau
das, liebe Landesfinanzreferenten, ist ein Irrtum. Das wäre nämlich
eine unerlaubte, zumindest unerwünschte Quersubventionierung der
Landesbudgets, die ganz und gar nicht im Sinne des Steuerzahlers sein
kann. Noch dazu wo der letzte, bis 2013 gültige Finanzausgleich
ohnehin ein schönes Geschenk des Bundes an die föderalen Strukturen
war.
Wenn der Bund nun zur Hebung der Berufstätigkeit von Frauen - im
übrigen ein EU-Ziel, zu dem sich Österreich verpflichtet hat - noch
einmal etwas drauf legt, dann darf er sich dafür auch etwas wünschen.
Und die - in großkoalitionärer Einigkeit - formulierte Prämisse
lautet nun einmal: Ein Ganztagesplatz wird mehr gefördert als ein
Halbtagesplatz. Und für Tagesmütter übernimmt der Bund nur
Ausbildungskosten. Alles andere würde der Intention, nachhaltig mehr
Betreuungsplätze zu schaffen, auch widersprechen. Wenn der Bund die
Bezahlung der Tagesmütter übernimmt, dann könnte er ja gleich den
ganzen Kindergartensektor samt Infrastruktur und Personal für sich
reklamieren.
Dass bei uns die Diskussion auf dieser banal monetären Ebene
verharrt, ist schlimm. In Deutschland ist man da schon viel weiter.
Da wird zum Beispiel eifrig debattiert, wie eine hochwertige und
einheitliche Ausbildung aller Tagesmütter garantiert werden kann. Bei
uns ist auch das von Land zu Land verschieden und reicht vom
20-Stunden-Schnellsiederkurs bis hin zum seriösen Lehrgang.
Österreichweit geltende Standards wären im Sinne der Kinder kein
Luxus. Und wenn man schon dabei ist, könnte man auch die Ausbildung
der (viel zu wenigen) Kindergärtner und Kindergärtnerinnen auf
europaweit übliches Hochschulniveau anheben.
Zumindest die Sozialpartner und die Industriellenvereinigung (und da
sind ja auch viele Schwarze dabei) haben die Scheuklappen bei diesem
Thema schon lange abgelegt. Mit Nachdruck erinnerten sie vergangene
Woche die Länder an ihre Verantwortung für die Kinder und die
Gleichstellung von Mann und Frau. Vielleicht tut sich Andrea Kdolsky
dadurch ja etwas leichter, beim heutigen Gipfel in Tirol auf den
Tisch zu hauen. Nur Mut, Frau Familienministerin! Immerhin sind sie
ja auch ÖVP-Vizechefin.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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