"Die Presse" Leitartikel: Der Kindergarten gehört zum Leben von Claudia Dannhauser

Wien (OTS) - Beim Thema Kinderbetreuung ist es höchste Zeit,
die ideologischen Scheuklappen fallen zu lassen.

Es ist kaum zu glauben, mit welcher Verbissenheit anno 2008 an das Thema Kinderbetreuung herangegangen wird. Da einigt sich die Große Koalition - selten genug ist das der Fall - auf eine sinnvolle Anstoßfinanzierung zum Ausbau von Kindergärten, schon stecken -vornehmlich schwarze - Landespolitiker in einem ambitionierten Abwehrkampf der ach so bösen Kinderaufbewahrungsanstalten, als handle es sich um landauf, landab gefürchtete Minigefängnisse.
Sie fordern unverschämterweise sogar die Wahlfreiheit für Eltern ein und propagieren im selben Atemzug genau das Gegenteil. Denn, wo ist bitte schön die Wahlfreiheit, wenn man sich mit Händen und Füßen gegen den Ausbau von Ganztageskindergärten wehrt? Damit bleibt den Eltern (und damit meist den Müttern) nur die Wahl, ihre Kinder mittags abzuholen, wenn sie das Haus geputzt und das Essen gekocht haben. Berufstätigkeit ist da nicht drinnen. Umgekehrt ist ein breites Angebot an Ganztageskindergärten keine Verpflichtung für jede Frau (jeden Mann) 40 Stunden pro Woche arbeiten zu gehen und ihr (sein) Kind ganztags abzugeben.
Deshalb sollte es heutzutage wirklich keine Frage von Schwarz oder Rot mehr sein, ob man seine Kinder bis zur Schule Tag für Tag selbst betreut oder nicht. Wer ab und zu über den Tellerrand schaut und sich die Usancen anderswo ansieht, der muss feststellen, dass es in den Ländern mit traditionellen Betreuungsmustern immer weniger Kinder gibt. Italien, Spanien, Deutschland, Österreich - da liegen die Geburtenraten im Keller. Frankreich, Norwegen, Schweden, Finnland, wo berufstätige Frauen ebenso wie qualitativ hochwertige Kinderbetreuung eine Selbstverständlichkeit sind, da gibt es wieder viele Kinder. Das ist einfach so, ob es einem passt oder nicht. Für die meisten Familien ist es wohl auch keine ideologische Frage, sondern eine des Geldes, ob man es sich leisten kann oder will, dass ein Partner nicht berufstätig ist.
Geld ist im Prinzip auch der Kernpunkt des aktuellen Kindergartenstreits. Die schwarzen Länder (und zum Teil auch das orange Kärnten) versteifen sich im Prinzip auf die Linie:
Kinderbetreuung ist unsere Sache und da bestimmen wir allein. Wenn der Bund also Geld hergeben will: schön und gut. Wofür wir's aber verwenden, das ist unsere Sache, da redet uns keiner drein. Genau das, liebe Landesfinanzreferenten, ist ein Irrtum. Das wäre nämlich eine unerlaubte, zumindest unerwünschte Quersubventionierung der Landesbudgets, die ganz und gar nicht im Sinne des Steuerzahlers sein kann. Noch dazu wo der letzte, bis 2013 gültige Finanzausgleich ohnehin ein schönes Geschenk des Bundes an die föderalen Strukturen war.
Wenn der Bund nun zur Hebung der Berufstätigkeit von Frauen - im übrigen ein EU-Ziel, zu dem sich Österreich verpflichtet hat - noch einmal etwas drauf legt, dann darf er sich dafür auch etwas wünschen. Und die - in großkoalitionärer Einigkeit - formulierte Prämisse lautet nun einmal: Ein Ganztagesplatz wird mehr gefördert als ein Halbtagesplatz. Und für Tagesmütter übernimmt der Bund nur Ausbildungskosten. Alles andere würde der Intention, nachhaltig mehr Betreuungsplätze zu schaffen, auch widersprechen. Wenn der Bund die Bezahlung der Tagesmütter übernimmt, dann könnte er ja gleich den ganzen Kindergartensektor samt Infrastruktur und Personal für sich reklamieren.
Dass bei uns die Diskussion auf dieser banal monetären Ebene verharrt, ist schlimm. In Deutschland ist man da schon viel weiter. Da wird zum Beispiel eifrig debattiert, wie eine hochwertige und einheitliche Ausbildung aller Tagesmütter garantiert werden kann. Bei uns ist auch das von Land zu Land verschieden und reicht vom 20-Stunden-Schnellsiederkurs bis hin zum seriösen Lehrgang. Österreichweit geltende Standards wären im Sinne der Kinder kein Luxus. Und wenn man schon dabei ist, könnte man auch die Ausbildung der (viel zu wenigen) Kindergärtner und Kindergärtnerinnen auf europaweit übliches Hochschulniveau anheben.

Zumindest die Sozialpartner und die Industriellenvereinigung (und da sind ja auch viele Schwarze dabei) haben die Scheuklappen bei diesem Thema schon lange abgelegt. Mit Nachdruck erinnerten sie vergangene Woche die Länder an ihre Verantwortung für die Kinder und die Gleichstellung von Mann und Frau. Vielleicht tut sich Andrea Kdolsky dadurch ja etwas leichter, beim heutigen Gipfel in Tirol auf den Tisch zu hauen. Nur Mut, Frau Familienministerin! Immerhin sind sie ja auch ÖVP-Vizechefin.

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