"DER STANDARD"-Kommentar: "Das neue Gesicht des Hungers" von Alexandra Föderl-Schmid

Die Nahrungsmittelkrise führt auch in Österreich wieder zu einer Verteilungsdebatte- Ausgabe vom 26./27. April 2008

Wien (OTS) - An Bilder hungernder Menschen aus Afrika haben wir
uns gewöhnt. Nachrichten, dass in den USA plötzlich Reis rationiert wird, lassen einen stutzig werden. Das widerspricht dem gewohnten und von den Medien wiedergegebenen Bild. Dass plötzlich Grundnahrungsmittel zu einem Gut werden, das nicht mehr so einfach zu kaufen ist, zeigt die neue Dimension dieser Krise. Und sie kommt näher: Wenn sie die USA trifft, kommt sie auch nach Europa und Österreich.
Die Verdreifachung des Reispreises mag Österreicher noch nicht wirklich tangieren, weil man ja sein Schnitzel statt mit Reis auch mit Kartoffeln genießen kann. Aber bei Getreide wird die Bedrohungslage schon unmittelbarer. Denn Brot oder Gebäck isst jeder. Eine Semmel kostete 2007 um zehn Prozent mehr als ein Jahr davor, Weizenmehl um elf Prozent mehr. Nahrungsmittel wurden im März im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent teurer.
Es rollen neue Teuerungswellen heran, wie die gestiegenen Großhandelspreise zeigen. In Deutschland machten die Preise für Getreide, Saaten und Futtermittel im März im Jahresvergleich einen Sprung um 52 Prozent nach oben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Teil davon wieder auf Konsumenten abgewälzt wird.
Die gestiegenen Lebensmittelpreise treffen diejenigen am härtesten, die bisher schon mitrechnen mussten, ob sie sich das - noch - leisten können. In Italien werden immer mehr Pensionisten beim Stehlen erwischt, weil sie sich Lebensmittel nicht mehr leisten können. Auch in Österreich sind 14 Prozent der Pensionistenhaushalte armutsgefährdet.
Die Auswirkungen sind auch in Österreich sichtbar für all jene, die sehen wollen: Die Not bekommt konkrete Gesichter. Die Ausspeisungen von Einrichtungen wie der Caritas werden gestürmt - deren Kosten für die Essensrationen durch die Preissteigerung ebenfalls angewachsen sind. Es ist eine neue Form der Armut und des Hungers, wenn Regale in Supermärkten zwar gefüllt sind, sich die Kunden aber viele Produkte nicht mehr leisten können. Damit wird die Gerechtigkeitsdebatte neue Nahrung erhalten.
Die Rufe nach einem Teuerungsausgleich werden erschallen, nachdem die Diskussionen um einen Heizkostenzuschuss angesichts des nahenden Frühlings gerade verstummt sind. Diese Debatten müssen ebenfalls Eingang finden in die Verhandlungen über eine Steuerreform.
Viel schlimmer sind die Auswirkungen des Anstiegs der Lebensmittelpreise um 83 Prozent in den vergangenen drei Jahren in gering entwickelten Ländern. Vor einer "globalen Krise" warnte am Freitag UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bei seinem Wien-Besuch. Plötzlich werden wieder Aussagen des pessimistischen Pastors Robert Malthus zitiert, der Ende des 18. Jahrhunderts erklärte, die Erde mit ihren begrenzten Ressourcen könne nur eine begrenzte Zahl von Menschen ernähren. Wachse die Bevölkerung über dieses Maß hinaus, werde sie von Hungersnöten, Seuchen oder Kriegen im Zaum gehalten. Die Menschheit muss jetzt beweisen, dass sie in der Lage ist, diese zentrale Herausforderung zu meisten. In Österreich muss es eine Verteilungsdebatte geben, in der EU gehört die hochsubventionierte Agrarpolitik auf den Prüfstand. Denn immer mehr afrikanische Länder sind von Lebensmittelimporten aus der EU abhängig. Der Biospritboom zulasten der Nahrungsmittelproduktion gehört hinterfragt.
Einfache Lösungen gibt es nicht. Wege, wie diese Lebensmittelkrise bewältigt werden kann, sind aber für einen beträchtlichen Teil der Menschheit eine Überlebensfrage geworden. Auch in Österreich.

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