• 25.04.2008, 18:37:03
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Das neue Gesicht des Hungers" von Alexandra Föderl-Schmid

Die Nahrungsmittelkrise führt auch in Österreich wieder zu einer Verteilungsdebatte- Ausgabe vom 26./27. April 2008

Wien (OTS) - An Bilder hungernder Menschen aus Afrika haben wir
uns gewöhnt. Nachrichten, dass in den USA plötzlich Reis rationiert
wird, lassen einen stutzig werden. Das widerspricht dem gewohnten und
von den Medien wiedergegebenen Bild. Dass plötzlich
Grundnahrungsmittel zu einem Gut werden, das nicht mehr so einfach zu
kaufen ist, zeigt die neue Dimension dieser Krise. Und sie kommt
näher: Wenn sie die USA trifft, kommt sie auch nach Europa und
Österreich.
Die Verdreifachung des Reispreises mag Österreicher noch nicht
wirklich tangieren, weil man ja sein Schnitzel statt mit Reis auch
mit Kartoffeln genießen kann. Aber bei Getreide wird die
Bedrohungslage schon unmittelbarer. Denn Brot oder Gebäck isst jeder.
Eine Semmel kostete 2007 um zehn Prozent mehr als ein Jahr davor,
Weizenmehl um elf Prozent mehr. Nahrungsmittel wurden im März im
Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent teurer.
Es rollen neue Teuerungswellen heran, wie die gestiegenen
Großhandelspreise zeigen. In Deutschland machten die Preise für
Getreide, Saaten und Futtermittel im März im Jahresvergleich einen
Sprung um 52 Prozent nach oben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis
ein Teil davon wieder auf Konsumenten abgewälzt wird.
Die gestiegenen Lebensmittelpreise treffen diejenigen am härtesten,
die bisher schon mitrechnen mussten, ob sie sich das - noch - leisten
können. In Italien werden immer mehr Pensionisten beim Stehlen
erwischt, weil sie sich Lebensmittel nicht mehr leisten können. Auch
in Österreich sind 14 Prozent der Pensionistenhaushalte
armutsgefährdet.
Die Auswirkungen sind auch in Österreich sichtbar für all jene, die
sehen wollen: Die Not bekommt konkrete Gesichter. Die Ausspeisungen
von Einrichtungen wie der Caritas werden gestürmt - deren Kosten für
die Essensrationen durch die Preissteigerung ebenfalls angewachsen
sind. Es ist eine neue Form der Armut und des Hungers, wenn Regale in
Supermärkten zwar gefüllt sind, sich die Kunden aber viele Produkte
nicht mehr leisten können. Damit wird die Gerechtigkeitsdebatte neue
Nahrung erhalten.
Die Rufe nach einem Teuerungsausgleich werden erschallen, nachdem die
Diskussionen um einen Heizkostenzuschuss angesichts des nahenden
Frühlings gerade verstummt sind. Diese Debatten müssen ebenfalls
Eingang finden in die Verhandlungen über eine Steuerreform.
Viel schlimmer sind die Auswirkungen des Anstiegs der
Lebensmittelpreise um 83 Prozent in den vergangenen drei Jahren in
gering entwickelten Ländern. Vor einer "globalen Krise" warnte am
Freitag UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bei seinem Wien-Besuch.
Plötzlich werden wieder Aussagen des pessimistischen Pastors Robert
Malthus zitiert, der Ende des 18. Jahrhunderts erklärte, die Erde mit
ihren begrenzten Ressourcen könne nur eine begrenzte Zahl von
Menschen ernähren. Wachse die Bevölkerung über dieses Maß hinaus,
werde sie von Hungersnöten, Seuchen oder Kriegen im Zaum gehalten.
Die Menschheit muss jetzt beweisen, dass sie in der Lage ist, diese
zentrale Herausforderung zu meisten. In Österreich muss es eine
Verteilungsdebatte geben, in der EU gehört die hochsubventionierte
Agrarpolitik auf den Prüfstand. Denn immer mehr afrikanische Länder
sind von Lebensmittelimporten aus der EU abhängig. Der Biospritboom
zulasten der Nahrungsmittelproduktion gehört hinterfragt.
Einfache Lösungen gibt es nicht. Wege, wie diese Lebensmittelkrise
bewältigt werden kann, sind aber für einen beträchtlichen Teil der
Menschheit eine Überlebensfrage geworden. Auch in Österreich.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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