• 25.04.2008, 15:51:10
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Globale Getreidebilanz auch 2008/09 negativ - Preise sinken dennoch

Kassamärkte folgen spekulativen Notierungsschwankungen nur mit Abstand

Wien (AIZ) - Während weiterhin dramatisch gestiegene
Getreidepreise als Verursacher gestiegener Lebenshaltungskosten
angeprangert werden und jahrelange Forderungen nach Deregulierung der
Agrarmärkte in solche nach mehr Regulierung mutieren, sinken mit
einer sich weltweit abzeichnenden Rekordernte 2008/09 die
Getreidepreise seit Wochen wieder stetig und deutlich. Die
Kassamärkte folgen zwar den spekulativen, hoch volatilen Schwankungen
der Terminmärkte, aber in deutlichem Abstand. Weder die zwei
Notierungsspitzen von nahezu EUR 300,- pro t für Weizen im September
2007 und März 2008 waren die Kassamärkte auch nur annähernd bereit
mitzumachen, ebenso wie den gegenwärtigen Absturz der Terminkurse um
nahezu EUR 100,- pro t binnen weniger Wochen, wie etwa an der Pariser
euronext.liffe (ehemals MATIF) von EUR 290,- pro t für den vordersten
Weizentermin im März auf aktuell EUR 197,25 pro t.

Auch ist die vermeintliche Rekordernte noch nicht eingefahren.
Wetteranomalien können noch immer einen Strich durch diese Rechnung
machen. Die Hedge-Fonds ziehen sich dennoch aus den
Getreideterminmärkten zurück, nachdem sie die Aussichten für die
Ernte im Sommer für so gut halten. Sie lassen die Post dafür jetzt
beim Reis abgehen.

"Wetterbörsen" bestimmen spekulative Notierungen - Versorgungslage
bleibt dennoch eng

Die Bärenstimmung und Preisbaisse an den internationalen
Warenterminbörsen haben damit als "Wetterbörse" genauso spekulativen
Charakter wie zu Beginn des Wirtschaftsjahres die Bullenstimmung als
Auslöser der Preishausse. Denn, so der Internationale Getreiderat
IGC, in seiner jüngsten Prognose für die Getreideversorgungsbilanzen
der Welt 2008/09, gestern, Donnerstag: Selbst wenn die Welt 2008/09
mit 645 Mio. t Weizen um 7% mehr Weizen erntet als 2007/08 (604 Mio.
t), werde sich der Lagerstand am Ende von 2008/09 wenig signifikant
nur von 114 Mio. t (Ende 2007/08) auf 128 Mio. t erholen, weil
gleichzeitig 2008/09 der weltweite Weizenverbrauch von 611 Mio. t
(2007/08) auf 630 Mio. t zunehme.

Rückläufige Weizenpreise ließen nämlich in den Entwicklungsländern
eine größere Weizennachfrage erwarten. Vor allem für Pakistan und die
Länder des Nahen Ostens sieht der IGC wachsenden Importbedarf,
während die Weizenreserven am deutlichsten in den USA wieder
anwachsen sollten. Alleine 10 Mio. t der erwarteten 14 Mio. t
Lagerbestandsaufbau sollen sich demnach in den fünf größten
Weizenexportnationen der Welt anhäufen. Seine Schätzung für die
kommende Weltweizenernte 2008/09 revidierte der IGC sogar geringfügig
um 1 Mio. t gegenüber seiner Vormonatsprognose nach unten.

IGC: Trotz neuer Rekordernte 2008/09 global vierte negative
Getreidebilanz in Folge

Noch enger sieht der Getreiderat die Versorgungsbilanz im
kommenden Wirtschaftsjahr bei Mais: Er setzt die weltweite
Maisproduktion 2008/09 mit 762 Mio. t um 13 Mio. t niedriger an als
im Vorjahr (2007/08: 775 Mio. t). Wohl korrigierte er gegenüber dem
März seine Ernteschätzung um 14 Mio. t nach oben, aber bei einer
Verbrauchszunahme um 10 Mio. t von 774 auf 784 Mio. t würden die
Endbestände um 21 Mio. t von 114 Mio. t (Ende 2007/08) auf 93 Mio. t
(Ende 2008/09) schmelzen. Die Maislager würden kommende Saison vor
allem in den USA abgebaut. Ursachen sind der wachsende Maisverbrauch
für die Ethanolerzeugung in den Vereinigten Staaten und das Umsatteln
der Farmer von Mais auf Soja, weil diese Kultur wegen des rasant
zunehmenden Durstes nach Pflanzenöl vor allem in China zurzeit die
höheren Erlöse verspricht.

Für Gerste rechnet der IGC mit einer Produktionssteigerung von
etwa 10% auf global 149 Mio. t. Bei niedrigen Preisen deute sich zwar
ein Mehrverbrauch von 6 Mio. t an, doch könnten sich die Endbestände
von dem sehr niedrigen Niveau des vergangenen Jahres etwas, wenn auch
ebenfalls nicht signifikant, erholen.

Insgesamt steuere die Welt in ihrer Versorgungsbilanz über alle
Getreidearten hinweg gerechnet 2008/09 neuerlich und im vierten
Wirtschaftsjahr seit 2005/06 in Folge auf eine Versorgungslücke zu.
Denn, so der IGC, die Welt werde zwar nach 2007/08 (1.669 Mio. t)
auch in der kommenden Saison mit 1.706 Mio. t wiederum eine
Rekordernte einfahren und ihre Produktion um weitere 37 Mio. t (2%)
steigern, doch laufe der Verbrauch von 1.710 Mio. t (plus 29 Mio.
beziehungsweise 2% von 1.681 Mio. t 2007/08) der Erzeugung neuerlich
davon. Damit sieht der IGC auch 2008/09 global eine, wenn auch etwas
kleiner werdende Versorgungslücke mit Getreide von minus 3 Mio. t
(2007/08: minus 12 Mio. t) - und dies auch noch, nachdem der IGC
seine Ernteprognose gegenüber dem März noch um 5 Mio. t nach oben
korrigierte.

"Hohe Preise stimulierten den Weizenanbau", heißt es in der
Analyse des in London ansässigen Weltgetreiderates für das weltweite
Anbauverhalten der Landwirte zur Ernte 2008/09, doch seien
gleichzeitig etliche Landwirte wegen der Produktionskosten vom Anbau
von Futtergetreide auf Ölsaaten umgestiegen.

Laut Statistics Canada zum Beispiel würden die Farmer des Landes
die Weizenflächen für die diesjährige Ernte um mehr als 16% auf 10,2
Mio. ha ausweiten, davon die für den in Kanada dominierenden
Sommerweizen um 9% auf 6,7 Mio. ha.

Getreidenotierungen sinken zurzeit dennoch - Kassamärkte folgen in
Abstand

An der europäischen Warentermin-Leitbörse euronext.liffe (ehemals
MATIF) in Paris durchstießen am Donnerstag dieser Woche erstmalig
seit Juli 2007 die Weizenfutures für alle Liefertermine wieder die
Schallmauer von EUR 200,- pro t und trugen damit wieder eine Eins an
erster Stelle. Auch an den US-Börsen geben die Weizennotierungen
weiter nach, berichtete die Europäische Kommission diesen Donnerstag
im Verwaltungsausschuss in Brüssel. Soft red winter schwächte sich
von USD 352,86 (EUR 226,44) pro t fob Golf am 10.04. auf nur noch USD
329,55 (EUR 211,48) pro t am 24.04. ab; hard red winter von USD
400,56 (EUR 257,05) pro t fob Golf auf USD 369,81 (EUR 237,32) pro t.

Diesem Trend folgt auch der österreichische Weizenmarkt,
wenngleich auch deutlich langsamer und auf immer noch spürbar höherem
Niveau. Dies erklären Marktbeteiligte nicht zuletzt damit, dass die
Restbestände an Weizen der Ernte 2007 in Österreich schon weitgehend
abgebaut seien. Damit sehe kein Anbieter Anlass dafür, da und dort
noch vorhandene Restmengen zu "verschleudern", heißt es.

Viel Fantasie für die Preise in der auslaufenden Saison sieht
niemand mehr, es sei denn, einige Mühlen würden den Anschluss an die
neue Ernte doch nicht schaffen. Allgemein aber, so hört man, zeigen
sich die Mühlen gut mit Rohstoff gedeckt und beklagen angesichts des
Verlaufs der Preiskurve über das bisher gelaufene Wirtschaftsjahr
eher lautstark, zu früh zu sehr hohen Preisen eingekauft zu haben.

Dokumentiert wird dies dadurch, dass diesen Mittwoch aus der
vergangenen Woche keine neuen Umsätze mit Premiumweizen mehr zur
Notierung an der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien
gelangten. Der heimische Spitzenweizen notiert nur mehr "nominell".
Die Notierung von Qualitätsweizen, von dem noch Restmengen vermarktet
wurden, sank diese Woche dem internationalen Trend folgend um EUR
9,50 pro t auf EUR 247,50 pro t. Damit vergrößerte die Wiener
Qualitätsweizennotierung sogar noch ihren Abstand zum Mai-Futures an
der Pariser MATIF auf EUR 50,25 pro t. Dieser schloss am Donnerstag
nur mehr bei EUR 197,25 pro t.

Einen Tick nach unten machte diese Woche in Wien auch die
Futtergerstennotierung. Ölsaaten gaben sogar deutlicher nach.

Nachfrage nach Weizen alter Ernte am Weltmarkt weiter rege - EU
profitiert mit Exporten

Im Mittelmeerraum wird weiterhin viel Getreide nachgefragt.
Europäische Händler können sich zunehmend an Geschäften mit
Nordafrika und dem Nahen Osten beteiligen. Exporteure aus der EU
fragten laut EU-Kommission in den vergangenen beiden Wochen
Ausfuhrlizenzen für 531.357 t Weizen in Brüssel nach. Den Lizenzen
nach zu urteilen, haben sich die Exporte aus der EU damit gegenüber
den Vorwochen noch weiter gesteigert. Das Lieferpotenzial aus den USA
ist erschöpft und die Europäer können einspringen. Von den 531.357 t
Weizen kamen Anträge für 175.500 t aus Frankreich, 153.700 t aus
Deutschland, 66.000 t aus den Niederlanden, 40.800 t aus Litauen,
36.100 t aus Ungarn und 16.370 t aus Österreich.

Die EU-Kommission berichtete im Verwaltungsausschuss konkret von
einem Geschäft über 109.000 t Mahlweizen an Tunesien zu USD 398,49
(EUR 255,72) pro t cif zur Lieferung im Juni und Juli. Die Ware soll
aus der Schwarzmeerregion und aus der EU kommen. Gleicher Herkunft
soll die Türkei 100.000 t Mahlweizen zu USD 468,05 bis 474,- (EUR
300,36 bis 304,18) pro t cif gekauft haben. Den hohen
Preisunterschied zum Tunesiengeschäft erklärte die Kommission mit
besserer Qualität und dem Liefertermin April/Mai. Händler aus den USA
und aus Russland sollen 205.000 t Mahlweizen an Ägypten zu USD 380,33
(EUR 244,07) pro t cif zur Lieferung im Juli verkauft haben.

Zum ersten Mal in dieser Saison zogen damit die Getreideexporte
aus der EU mit dem Stand des Vorjahres gleich. Bisher lagen sie
darunter. 14,9 Mio. t Getreide wurden zwischen dem 01.07. und dem
17.04. aus der EU ausgeführt, berichtete die EU-Kommission. Im
Vorjahr waren es zu diesem Zeitpunkt 14,8 Mio. t Getreide. Die
Weizenausfuhren erreichen mit 6,8 Mio. t noch nicht die 7,4 Mio. t im
Vorjahr. Dafür liegen die Exportmengen für Gerste, Mehl und Malz
höher. Dennoch bleibt die EU aber 2007/08 ungewöhnlicherweise
Nettoimporteur von Getreide, weil sie große Mengen Futtermais und
Sorghum vom Weltmarkt einführen muss.

Die Ukraine habe laut Kommission ihr Exportverbot praktisch
aufgehoben. In Kasachstan soll das Verbot dagegen noch bis zum 01.09.
bestehen bleiben und auch Argentinien habe sein Moratorium für die
Ausstellung von Weizenexportlizenzen bis auf Weiteres verlängert. Die
argentinischen Landwirte säen wegen des Ausfuhrverbotes weniger
Weizen aus, schätzt man im US-amerikanischen
Landwirtschaftsministerium. Argentiniens Weizenernte soll daher von
15,4 Mio. t in diesem Wirtschaftsjahr auf 14,7 Mio. t in 2008/09
zurückgehen. Die Kommission schätzt den Getreideeinfuhrbedarf bis zu
Jahresende im Iran auf 2 Mio. t, in Pakistan auf 1,5 Mio. t und im
Irak auf 2,5 bis 3 Mio. t.

EU importiert gleichzeitig große Mengen Mais

Zwischen dem 09.04. und dem 22.04. wurden Lizenzen für die Einfuhr
von 627.000 t Mais in die EU beantragt. Im Rahmen der Ausschreibung
von Mais für den Binnenmarkt gab die Kommission in dieser Woche 2.746
t den Zuschlag zu EUR 177,02 pro t. An der Börse in Budapest notierte
Mais bei EUR 185,- pro t, aber die Kommission gewährte einen Abschlag
für die Interventionsware. In der Ausschreibung sind noch knapp
128.000 t Mais übrig.

Maismarkt in Österreich wieder etwas in Bewegung gekommen

Bewegung scheint nun doch in den Maismarkt gekommen zu sein. Es
werde wieder Mais gehandelt, heißt es, wenn auch nur zögerlich. Die
Wiener Produktenbörse notierte dementsprechend nach etlichen Wochen
wiederum interventionsfähigen Futtermais. Mit EUR 200,50 pro t hielt
sich die Notierung sogar noch über der magischen Marke von EUR 200,-
und ebenfalls über den aktuellen Notierungen an der MATIF. Gemessen
an den Marktpreisen in Ungarn, das für den österreichischen Maismarkt
eher die Latte legt, seien diese Preise aber "durchaus angemessen",
verlautet aus Branchenkreisen.

Russland: Keine Verlängerung der Sonderexportzölle auf Getreide
geplant

In Russland sollen weder die bis 01.07.2008 geltenden praktisch
prohibitiven Exportzölle auf Getreide noch die bis 01.05.2008
ausgelegte angeblich freiwillige Einfrierung der Einzelhandelspreise
für "sozial bedeutende" Lebensmittel über diese Fristen hinaus
verlängert werden. Bei guten Ernteerwartungen wäre die weitere
Exporteinschränkung sinnlos, daher sei diese in einem vom
Wirtschaftsministerium vorbereiteten Entwurf des Maßnahmenkatalogs
zur weiteren Inflationsbekämpfung nicht vorgesehen, erklärte der
stellvertretende Ressortchef, Andrej Klepatsch, vor Journalisten in
Moskau. Was den mit der Industrie und dem Handel ausgehandelten
Preisstopp für ausgewählte Lebensmittel betrifft, sei dieser nach
Worten von Klepatsch nicht mehr so wirksam wie einst.
(Schluss) pos/mö/pom

Rückfragehinweis:
AIZ - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst
Tel: 01/533-18-43, mailto:[email protected]
http://www.aiz.info
FAX: (01) 535-04-38

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | AIZ

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