• 18.04.2008, 13:28:19
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Schultes kritisiert völlig einseitige Biotreibstoff-Debatte

Namhafte Wissenschafter bezweifeln Studie von Crutzen zu Lachgas-Emissionen

Wien (AIZ) - Heftige Kritik an der einseitigen Diskussion über
Biotreibstoffe übte heute der Präsident der Landwirtschaftskammer
Niederösterreich, Hermann Schultes, bei der Grünen Parlamentsenquete
zum Thema Biotreibstoffe. Völlig irreführend sei es beispielsweise,
die Biospriterzeugung in Österreich mit jener von Brasilien oder
Indonesien zu vergleichen und im selben Atemzug zu verdammen. Weiters
sei es sachlich falsch, wenn die steigenden Lebensmittelpreise in der
EU auf die zunehmende Erzeugung von biogenen Kraftstoffen
zurückgeführt werden, weil man nur einen sehr kleinen Anteil der
EU-Getreideernte dafür verwende und noch ein enormes Flächenpotenzial
für diese Zwecke bestehe. Völlig unverständlich ist für den
Präsidenten, wenn gerade jetzt angesichts explodierender
Treibstoffpreise sogar von Umweltexperten indirekt eine Empfehlung
für fossile Energieträger abgegeben werde und die extreme
Importabhängigkeit bei Erdöl verharmlost werde.

Die heute bei der Enquete präsentierte Studie von Paul J. Crutzen
zu den Lachgas-Emissionen und Biotreibstoffen widerspreche der
Meinung von allen anderen Forschungsergebnissen, auf die sich das für
die Klimaschutzziele maßgebliche Gremium, das IPCC (Intergovernmental
Panel for Climate Change) stütze, stellte Schultes fest. Er zitierte
dazu den weltweit renommierten Professor für Pflanzenzüchtung an der
Justus Liebing Universität Giessen, Wolfgang Friedt, der dazu
folgendes feststellt: "Crutzen legt in seiner Studie 3- bis 5-fach
höhere Werte für die Lachgas-Emissionen zugrunde, als sie vom IPCC
angesetzt werden." Das Nährstoff-Aufnahmevermögen der Pflanzen sei
fast um die Hälfte unterbewertet worden. Die Werte für die Düngung
habe Crutzen ebenfalls zu hoch angesetzt, diese würden nicht dem
Standard des heutigen Pflanzenbaus entsprechen. Auch die bei der
Biotreibstoffproduktion anfallenden Nebenprodukte (Schlempen,
Schrote) seien in dieser Studie unberücksichtigt geblieben, so
Friedt. Daher bedürfe das Ergebnis dieser Studie dringend einer
Korrektur. Crutzen hatte in seiner Studie behauptet, Biotreibstoffe
könnten für das Klima schädlicher sein als fossile Kraftstoffe.

Schultes, der auch Vorsitzender des Ausschusses für Energiefragen
in der Landwirtschaftskammer Österreich ist, warnte in seinem
Statement vor vorschnellen Urteilen und verwies auf klare Fakten: Die
Treibhausgas-Emissionen im Verkehrssektor hätten sich in Österreich
im Zeitraum 1990 bis 2006 fast verdoppelt, durch die Beimischung von
Biotreibstoffen im Jahr 2007 seien die Treibhausgas-Emissionen
bereits um 1 Mio. t gesenkt worden. Nach Angaben der EU-Kommission
seien durch die Beimischung von Ethanol aus Weizen gegenüber fossilen
Energieträgern Emissionseinsparungen (je nach Prozessbrennstoff) von
54 bis 69% möglich.

Biotreibstofferzeugung in Österreich nicht schuld an hoher Inflation

Der Präsident wies auch die regelmäßig wiederkehrenden
Behauptungen zurück, wonach die Biotreibstofferzeugung in Österreich
beziehungsweise Europa schuld an der hohen Inflation und den
steigenden Lebensmittelpreisen seien. Im Gegensatz zu den USA oder
Brasilien würden in der EU nur 1,4% der Getreideente für die
Erzeugung von Ethanol verwendet. "Die durchschnittliche
Getreideproduktion der EU liegt zwischen 275 und 310 Mio. t. Die
Mindererträge aufgrund von Klimaextremen wie Dürre oder Hochwasser
belaufen sich auf 40 bis 50 Mio. t, die Verwendung von Getreide für
Ethanol lag aber für die Ernte 2006/07 nur bei 4,2 Mio. t", gab
Schultes zu bedenken.

Zertifizierungssystem bei Ethanol-Importen

Hinterfragenswert seien eher die Produktionsbedingungen für
Ethanol in Indonesien oder Brasilien. Urwaldrodungen würden in
Österreich ganz sicher nicht akzeptiert, daher wäre ein
Zertifizierungssystem bei Ethanol-Importen überlegenswert, wobei
nachhaltige ökologische und soziale Kriterien im Vordergrund zu
stehen hätten. Brasilien verfüge übrigens noch über ein gewaltiges
Flächenpotenzial von etwa 100 Mio. ha, ohne dass Regenwälder gerodet
oder Naturschutzgebiete gefährdet werden müssten. Auch in Osteuropa
könnten noch enorme Flächenreserven mobilisiert werden, in der
Ukraine, in Kasachstan und Russland wären dies laut FAO rund 23 Mio.
ha. Weitere Produktionsreserven sind durch die Abschaffung der
Flächenstilllegung innerhalb der EU (rund 7 Mio. ha) nutzbar. Nicht
zu vergessen sei die geänderte Flächennutzung infolge der
EU-Zuckermarktordnung, wobei die Reduktion der Zuckerrübenproduktion
etwa 600.000 ha für andere Ackerpflanzen freimache. Letztlich sollte
auch die Erzeugung von Biotreibstoffen der zweiten Generation,
beispielsweise aus Stroh, forciert werden, hier bestehe noch
Forschungsbedarf.

GVO-Soja-Importe ersetzen

Schultes gab weiters zu bedenken, dass bei der Ethanol- und
Biodieselproduktion als Nebenprodukt ein hochwertiges
Eiweißfuttermittel anfällt. So kann 1 kg Getreideschlempe oder
Rapsschrot 0,72 kg Sojaschrot ersetzen. Allein in der
Bioethanolanlage der Agrana in Pischelsdorf könnten bis zu 180.000 t
Eiweißfuttermittel anfallen und dadurch 130.000 t Sojaschrot aus
Südamerika ersetzen. Dies sei auch im Sinne der GVO-freien Produktion
in Österreich sehr wichtig.

Börse-Spekulanten als Preistreiber

Wenn schon im Zusammenhang mit Getreide von Preistreibern die Rede
sei, dann sollte man die wahren Ursachen kennen, erklärte der
Präsident. Stark spürbar sei nämlich der Einfluss der
Rohstoff-Spekulanten in diesem Bereich. Schultes skizzierte dies
anhand von konkreten Zahlen: An der US-Getreideterminbörse Chicago
(CBOT) ist das Kontraktvolumen bei Weizen im 1. Quartal 2008
gegenüber dem Vorjahr um über 40% gestiegen. Alleine an der CBOT wird
die jährliche Weltweizenernte von 600 Mio. t auf Basis von Kontrakten
rund fünfmal im Jahr gehandelt. Das Handels-Kontraktvolumen von
Weizen in Chicago beträgt 17 Mio. t pro Tag, das sind 13
österreichische Weizenernten. Ein CBOT-Händler hat an einem Tag
Kontrakte im Umfang von 2,8 Mio. t Weizen (zwei österreichische
Ernten) verspekuliert.

Extreme Importabhängigkeit bei Erdöl reduzieren

Abschließend verwies der Präsident auf die extreme
Importabhängigkeit in Österreich und der EU bei fossilen
Energieträgern. Die Nordseeproduktion von Erdöl sei zwischen 1998 und
2008 um 42% gesunken und werde sich in den kommenden zehn Jahren
weiter halbieren, gab Schultes zu bedenken. Wenn aktuell einmal mehr
die hohen und weiter steigenden Kraftstoffpreise kritisiert würden,
dann verstehe er nicht, warum man diesen Aspekt beim Thema
Biotreibstoffe so wenig berücksichtige. "Derzeit tauschen wir die
unsichere Energieversorgung aus Nahost gegen die sichere Abhängigkeit
von Russland. Biotreibstoffe sind kein Allheilmittel, aber sie
könnten neben einer Verringerung der Treibhausgase auch eine
Reduzierung der hohen Importabhängigkeit bei Erdöl bewirken", so
Schultes. Selbstverständlich stehe aber für die österreichischen
Landwirte weiterhin die Lebensmittelversorgung an erster Stelle.
(Schluss) kam

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Tel: 01/533-18-43, mailto:[email protected]
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