• 01.04.2008, 17:52:03
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"Die Presse" Leitartikel: Offene Grenzen für erschlossene Menschen von Wolfgang Böhm

Ausgabe vom 02.04.2008

Wien (OTS) - Die Schengen-Bilanz zeigt, dass sich die Ängste nicht
bewahrheiten. Manche werden dennoch daran festhalten.

Warum braucht der Mensch Grenzen? Vielleicht, weil er überall nach
seiner Identität sucht. Und am besten lässt sich die eben dort
finden, wo eine Gesellschaft an eine andere grenzt. Das ist beim
Wettkampf zwischen regionalen Sportvereinen genauso wie in
politischen Parteien oder eben an Landesgrenzen. Es tut gut, sich in
einer Gemeinschaft verankert zu fühlen, Grenzen zu haben. Deshalb ist
es wohl auch logisch, dass die Öffnung von solchen Grenzen immer auch
einen emotionalen Schock auslöst.
Wenngleich es immer mehr Menschen als Befreiung empfinden, so wird
der Wegfall von Kontrollen zu den österreichischen Nachbarländern
doch noch immer von einem Gutteil der Österreicher als
Unsicherheitsfaktor empfunden. Daran wird auch die erste Bilanz
nichts ändern, wonach in den ersten 100 Tagen weder Horden von
Kriminellen und Illegalen ins Land gekommen sind, noch sich der
Wegfall der Grenzkontrollen in der Polizeiarbeit negativ auswirkt
hätte. Es wird die Unsicherheit aufrechterhalten, weil sie vielen zur
Abgrenzung dient.
Belehrend hatten ein Boulevardmedium und die beiden rechten Parteien
des Landes vor einem "unverantwortlichen" Schritt gewarnt.
Horrorszenarien wurden gemalt, in denen sich kein Österreicher mehr
sicher fühlen würde. Illegale, Banden und sogar Terroristen wurden
erwartet. Und nun das: Die Grenzbalken zu Tschechien, Slowakei,
Ungarn und Slowenien sind weg, und nichts ist geschehen. Die Polizei
verzeichnet sogar insgesamt einen leichten Rückgang an illegalen
Zuwanderern und kriminellen Taten.
Dahinter steht keine große Strategie oder überraschende Entwicklung,
sondern eine schlichte Logik: Denn Österreich hat weit im Osten der
Slowakei und Ungarns einen neuen Sicherheitszaun errichtet bekommen.
Nun werden beispielsweise Waren- und Menschenschmuggler bereits an
der neuen Schengen-Außengrenze abgefangen. Kombiniert mit verstärkten
Kontrollen im Inland hat sich die Sicherheitssituation in unserm
Landes insgesamt leicht verbessert. Wer das schon im Vorfeld der
Grenzöffnung nicht geglaubt hat, der wollte annehmen, dass die
Sicherheitskräfte unserer Nachbarländer schlechter oder korrupter
sind als unsere. Er war überzeugt, dass unsere Nachbarn von Natur aus
krimineller sind als wir. Er wollte also all seine Vorurteile
bestätigt wissen.
Doch schade: Die armen Seelen, die sich auf diese Weise finden
wollten, werden enttäuscht. Die Grenzen sind offen, und die
Unterschiede sind nicht wahrzunehmen. Die Österreicher sind in
Relation so harmlos beziehungsweise kriminell wie ihre Nachbarn. Nur
können sich nun beide frei und ohne Staus zwischen Kosi?e und Wien,
zwischen St. Pölten und Brünn bewegen.
Warum ist es für viele Österreicher keine Befriedigung, dass der
Stacheldraht von einst, die bedrohlichen Wachtürme, die bewaffneten
Grenzpolizisten am tschechoslowakischen Ufer der March verschwunden
sind? Vielleicht weil ihnen über Jahrzehnte hinweg eingetrichtert
wurde, dass jenseits dieser strengen Kontrollen nicht nur ein böses
kommunistisches System existiert, sondern auch verarmte Menschen
leben, die zu allem bereits sind, um in den glorreichen Westen zu
ziehen. Mittlerweile sind aber die Geschäfte im Osten so prall
gefüllt wie im Westen. Es gibt teilweise gute Verdienstmöglichkeiten
und ein neues Heimatgefühl in den Staaten hinter dem ehemaligen
Eisernen Vorhang. Österreich ist für diese Menschen heute weit
weniger attraktiv als noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren.

Und wieder bricht damit eine Identitätsoption der Österreicher
zusammen: Die Abgrenzung funktioniert auch im Kriterium "Wohlstand"
nicht mehr so richtig. Langsam ist zu hinterfragen, ob die
Selbstfindung der Österreicher auf diese Weise überhaupt noch eine
Chance hat zu funktionieren. Ob es nicht weit gescheiter wäre, statt
an künstlichen Ängsten und verblassenden Unterschieden festzuhalten,
eine neue Einstellung zu entwickeln.
Offene Grenzen mögen sicherheitspolitisch bereits funktionieren, sie
funktionieren emotional aber nur mangelhaft, weil sich viele Menschen
nicht öffnen wollen. Es ist bedauerlich, dass Ängste und Vorurteile
noch immer das natürliche Interesse an einem ähnlichen Kulturkreis
überlagern. Es ist schade, weil es hier eine weitaus sympathischere
Möglichkeit gebe, seine Identität zu finden. Eine, die - wenn wir
ehrlich sind - viele Wurzeln jenseits dieser Grenzen hat.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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