- 03.02.2008, 18:01:51
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DER STANDARD-Kommentar "Zu späte Ankunft in Afrika" von Conrad Seidl
Die Eufor-Truppe kommt nicht in jenen Tschad, in den sie entsendet wurde -- (Ausgabe vom 4.2.2008)
Wien (OTS) - Der Tschad, in dem in der Vorwoche die ersten Teile
des österreichischen Eufor-Kontingents gelandet sind, ist ein anderer
Staat als jener, in den dieses Kontingent im Herbst entsendet werden
sollte. Und er ist womöglich schon in wenigen Stunden wieder ein
anderer Staat - je nachdem, welche bewaffnete Gruppe sich im
aktuellen Machtkampf durchsetzt.
Das ist höchst unangenehm, weil diese Unwägbarkeiten mit erheblichen
Gefahren einhergehen: In diesem Machtkampf wird immerhin scharf
geschossen (wenn auch nicht direkt auf die Eufor-Truppe), und das
kann letztlich den Einsatz an sich gefährden.
Andererseits: Gerade die aktuelle Entwicklung zeigt, dass der
Eufor-Einsatz sich keineswegs erübrigt hat, sondern im Gegenteil an
Bedeutung gewinnt, je schwieriger die Lage im Tschad wird.
Denn der Auftrag der Eufor-Mission liegt ja nicht darin, den
Bürgerkrieg zu entscheiden oder Kampfhandlungen zu unterbinden (was
zuletzt auch die schon länger im Land stationierten französischen
Truppen nicht mehr getan haben), sondern die Flüchtlinge im Osten des
Landes und deren Helfer zu schützen und zu unterstützen.
Das ist angesichts der Tatsache, dass derzeit ausländische Helfer das
unruhig gewordene Land verlassen, eher noch wichtiger geworden. Denn
ohne militärische Bedeckung wird man den Flüchtlingen in naher
Zukunft keine humanitäre Hilfe leisten können. Sie sind bis auf
weiteres der Willkür der jeweils lokal stärksten Rebellengruppe
ausgeliefert.
Diese Willkür abzustellen und ein wenig Ordnung in die Anarchie zu
bringen ist die Aufgabe der Truppe, an der sich Österreichs
Bundesheer mit offiziell 160 (inoffiziell sind es rund 200) Soldaten
beteiligt.
Natürlich ist diese Aufgabe in den letzten Tagen und Wochen nicht
leichter geworden. Denn in den drei Monaten, in denen die Europäer
ihre Truppen zusammengesucht haben, haben die oppositionellen Gruppen
im Tschad ihre eigenen Kräfte gebündelt und zu einer militärisch
relevanten Operation zusammengezogen. Das wäre in einem teilweise von
EU-Truppen besetzten Landstrich an der sudanesischen Grenze nicht
oder nicht so leicht möglich gewesen - die Verzögerungen beim
Aufmarsch der Eufor-Truppe haben also den Rebellen und ihren
Unterstützern im Sudan genützt.
Zudem hat das Zögern der Europäer den Blick auf das Land geschärft
und der tschadischen Opposition eine Öffentlichkeit im Westen
verschafft, die sie sonst kaum bekommen hätte.
Ginge es bei der Eufor-Truppe also um Neutralität, sie wäre zu spät
dran. Aber es geht eben nicht primär um innere Angelegenheiten des
Tschad, sondern um humanitäre Hilfe.
Auch diese wäre effizienter, wenn sie schnell gegeben würde - solange
aber noch Hilfsbedürftige im Osten des Tschad sind (und dort sind
Hunderttausende, die Hilfe brauchen), kommt sie nicht ganz zu spät.
Deshalb ist es richtig, an dem schwierigen_Einsatz festzuhalten und
den Auftrag selbst dann durchzuziehen, wenn man Waffengewalt anwenden
muss, um den Schutzbefohlenen zu helfen.
Darin liegt die Lehre, die Europa schon jetzt, ehe die Mission noch
richtig losgegangen ist, ziehen kann: Wer eine militärische Aktion
plant, sollte das im Vorhinein sowohl politisch als auch logistisch
abgeklärt haben.
Und dann rasch aufmarschieren, um allen Beteiligten deutlich zu
machen, dass man es mit dem Einsatz wirklich ernst meint. Wer
entschlossen mit militärischer Stärke auftritt, kommt viel weniger
leicht in die Situation, von den Waffen auch Gebrauch machen zu
müssen.
Europa aber hat gezögert - und die blamablen Verhandlungen um die
Truppenaufstellung waren nur ein Symptom für das dahinterliegende
Problem: Der EU fehlt es an einer Streitmacht, mit der rasch und
entschlossen eingegriffen werden kann, wenn es politisch oder
humanitär geboten erscheint. So muss sie damit leben, dass sich das
Umfeld rascher ändert als die eigene Beschlusslage.
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Der Standard
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