• 04.01.2008, 17:37:16
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"Presse"-Kommentar: Zwischen Obama-Mania und "Hucka-Boom" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 5. Jänner 2008

Wien (OTS) - Amerika träumt von einem Neuanfang, aber nicht
unbedingt von einem schwarzen Präsidenten.
Der Mann ist ein Baptistenpfarrer und trotzdem witzig, liest jeden
morgen in der Bibel, zupft untertags öffentlich seine E-Gitarre und
hat Action-Hero Chuck Norris an seiner Seite. Das reichte für Mike
Huckabee, Ex-Gouverneur von Arkansas, um die republikanischen
Präsidentschaftsvorwahlen in Iowa zu gewinnen. Vor kurzem noch hätte
niemand auch nur einen Cent auf den sympathischen Normalo aus Hope
gewettet. Wie auch? Damals kannte ihn außer ein paar Politik-Junkies
vielleicht noch ein Häuflein Diät-Fanatiker, das davon fasziniert
war, wie sich der Autor der Fibel "Hör auf, dir dein Grab mit Messer
und Gabel zu schaufeln" 50 Kilo Speck vom Leib lief.
Und was sagt uns Huckabees Erfolg? Erstens, dass die Republikaner
diesmal ziemlich schlecht aufgestellt sind. Zweitens, dass der
rustikale 2,9-Millionen-Einwohner-Bundesstaat ganz sicher nicht
repräsentativ ist. Drittens, dass die christliche Rechte offenbar
nicht willens ist, einen Mormonen ins Herz zu schließen: Mitt Romney
gab für den Vorwahlkampf in Iowa zwanzigmal so viel aus wie Huckabee
und wurde trotzdem nur Zweiter. Viertens aber, und das könnte die
wichtigste Entwicklung sein, macht sich ein drängender Wunsch nach
neuen Gesichtern bemerkbar. Ein Gefühl, das verstehen kann, wer an
Amtsinhaber George W. Bush denkt.
"Wechsel", das war auch der Schlachtruf des demokratischen
Vorwahlsiegers in Iowa. Auch er, Barack Obama, ein Neuling,
charismatischer noch als Huckabee und alle anderen Bewerber im Feld.
Obwohl sein Lebenslauf schmal ist wie er selbst, könnte es der
46-jährige schwarze Aufsteiger schaffen. Iowa könnte für ihn der
erste Schritt eines Durchmarsches sein, der erst am 4. November bei
der Präsidentschaftswahl auf die eine oder andere Weise endet.
Obama baut sich zur ernsten Gefahr für Hillary Clinton auf, deren
Kandidatur für die Demokraten vor kurzem noch als "unvermeidlich"
galt. Dahinter lauert John Edwards, der Traum aller Schwiegermütter
aus Carolina. Noch liegt die ehemalige First Lady in bundesweiten
Umfragen klar vor Obama. Doch Clinton wirkt zunehmend nervös,
verkrampft, missgünstig. Ihre Strategie, mit einem Blitzstart alles
klarzumachen, könnte scheitern. Verliert sie nächste Woche auch in
New Hampshire, das sie zu ihrer Hochburg ausbauen wollte, dann wird
es unangenehm für sie.
Die Stimmung in den USA hat sich seit Beginn des Wahlkampfs, also
vor unfassbaren 13 Monaten, spürbar gedreht. Und davon profitiert der
jugendliche Obama. Es ist plötzlich nicht mehr so viel die Rede vom
Irak und dem Krieg gegen den Terror. Andere Fragen sind in den
Vordergrund gerückt: Kann ich die nächste Rate für mein Haus zahlen,
kann ich mir leisten, krank zu werden? Und wieder heißt es: "It's the
economy, stupid." Erfahrung zählt da nicht mehr so viel, eher schon
die Fähigkeit, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Und das kann Obama.
Clintons staatsmännischer Anspruch war ohnedies immer fragwürdig.
Klar, sie findet den Weg ins Oval Office alleine. Aber was hat sie
als First Lady denn schon für außenpolitische Glanzlichter gesetzt,
außerhalb des Damenprogramms?
Eine Kandidatin, die polarisiert wie sie, wünschen sich die
Republikaner, vor allem Rudy Giuliani. Er könnte seiner Partei
Schlüsselstaaten wie Kalifornien und New York bringen, das er vor und
nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als Bürgermeister
regierte. Noch hält der selbst stilisierte Supercop sein Pulver
trocken. Um Iowa und New Hampshire hat Giuliani einen Bogen gemacht.
Er sucht die Entscheidung am 5. Februar, wenn in 22 Bundesstaaten
Vorwahlen stattfinden.
Doch Giuliani ist zwei Mal geschieden, ist für das Recht auf
Abtreibung. Für die christliche Rechte ist er kaum wählbar. John
McCain wiederum ist zuletzt nach rechts gerobbt, doch er ist bereits
71 Jahre alt und enttäuscht in allen Umfragen. Ex-Schauspieler Fred
Thompson, Dritter in Iowa, hat bisher Siegeswillen vermissen lassen.
Romney ist Mormone. Und Huckabee fehlt das Geld, die Unterstützung
des Establishments. Die Republikaner haben ein Problem, doch die
Demokraten den Sieg noch lange nicht in der Tasche.
Das Blatt kann sich wenden. Die "Obama-Mania" könnte schnell
vorbei sein, schneller noch der "Hucka-Boom". Ein Anschlag, eine
Weltkrise - und plötzlich sind wieder gestandene Politiker gefragt,
die das Geschäft mit der Angst beherrschen und Sicherheit
ausstrahlen. Entscheiden wird ohnehin nicht das Programm, sondern das
Bauchgefühl. Und das beeindruckt nicht, ob Europa oder die "New York
Times" von einem schwarzen "JFK" träumen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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