Anzeigepflicht versus Kinderschutz

Die österreichischen Kinder- und JugendanwältInnen fordern einen runden Tisch zum Thema Kinderschutz!

Wien (OTS) - Mit der von der Justizministerin forcierten
Erweiterung und Vereinheitlichung der Anzeigepflicht für alle Personengruppen, die professionell mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, werden die der Gewalt zugrunde liegenden Probleme nicht gelöst. Im Gegensatz zur Meinung der Justizministerin greift eine Anzeigepflicht nach Auffassung der österreichischen Kinder- und Jugendanwaltschaften häufig viel zu spät und zu kurz. Kinder können effektiv nur dann vor Gewalt geschützt werden, wenn dafür gesorgt wird, dass Kinder gar nicht erst Opfer von Gewalt werden bzw. andere ausreichende Hilfs- und Unterstützungssysteme zusammenarbeiten!

Forderung nach Einbindung von Fachleuten
Denn: Die wenigsten Fälle von Gewalt gegen Kinder sind auf eine hohe "kriminelle Energie" der Täter zurückzuführen - sie haben ihre Ursache (meist) in der massiven Überforderung der Eltern, vor allem wenn diese unter psychischen Belastungen und/oder sozialer Benachteiligung leiden. Wenn Kinderschutz ernst gemeint wird, muss die notwendige Hilfe in die Familien gebracht werden! Die österreichischen Kinder- und Jugendanwaltschaften fordern dazu Konsultationen mit Fachleuten wie KinderpsychologInnen, KinderärztInnen, MitarbeiterInnen der Jugendwohlfahrt, der Exekutive und FamilienrichterInnen.

Bedenken gegen eine automatische undifferenzierte Anzeigeverpflichtung:

-Indem die polizeiliche Anzeigepflicht in den Vordergrund gerückt wird, wird der "Kinderschutz" in der Öffentlichkeit zu einer Aufgabe der Polizei verlagert;
-Eine undifferenzierte Anzeigepflicht kann eine Verschlimmerung der Situation von Kindern, die Gewalt erleben, zur Folge haben: wenn etwa Eltern und/oder Kinder aus Angst vor einer automatischen Anzeige zögern, eine Beratungsstelle aufzusuchen oder ärztliche Versorgung in Anspruch zu nehmen.
-Auch ist es mit einer Anzeige gegen eine Verdachtsperson allein nicht getan: Bleibt die verdächtige Person auf freiem Fuß, so bleiben auch die Kinder weiterhin - unter Umständen sogar verstärkt - ihren MisshandlerInnen ausgesetzt!

Wichtig: Ein funktionierendes Meldesystem!
Was Not tut, ist ein funktionierendes Meldesystem bei Verdacht auf Misshandlungen oder Gewalt, woraufhin Fachleute rasch und kompetent nach an den Bedürfnissen der Kinder orientierten Lösungen suchen, um frühzeitig die Gewalt gegen das betroffene Kind abzustellen und um die präventiven Angebote für Eltern in Krisensituationen in Gang zu bringen und so Kindern zuerst Schutz zu geben.

Einrichtung eines "Großen Runden Tisches"
Die österreichischen Kinder- und Jugendanwaltschaften fordern daher nachdrücklich die unverzügliche Einrichtung eines "Großen Runden Tisches" mit allen Ressorts unter Hinzuziehung von ExpertInnen, die ihre Vorschläge und Forderungen vorstellen können, um notwendige Antworten auf massive gesellschaftliche Änderungen zu finden, und um ein Gesamtpaket an "Maßnahmen zum Schutz der Kinder in Österreich" zu schnüren.

Für die Kinder- und JugendanwältInnen Österreichs

Dr.in Andrea Holz-Dahrenstaedt
Kinder- und Jugendanwältin Salzburg

DSA Monika Pinterits
Kinder- und Jugendanwältin Wien

Dr. Ewald Filler
Kinder- und Jugendanwalt BMGFJ

Mag.a Christine Winkler-Kirchberger
Kinder- und Jugendanwältin OÖ.

Rückfragen & Kontakt:

Kinder- & Jugendanwaltschaft Wien
Frau DSA Monika Pinterits
Tel: (++43-1) 70 77 000

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