- 03.12.2007, 17:51:04
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Die PISA-Ergebnisse vor dem Hintergrund der Chancen und Herausforderungen für den österreichischen Arbeitsmarkt
Wien (OTS) - Die jüngsten PISA-Ergebnisse zeigen Österreich
neuerlich nur im Mittelfeld der untersuchten Länder - eine Position,
die für ein Land mit einer Spitzenstellung gemessen am
Pro-Kopf-Einkommen in Europa und einer Top-10-Position unter den
Industrieländern enttäuschend erscheint. Die Aussagen der PISA-Studie
sollten aber nicht unkritisch verwendet werden: Erhebungsprobleme
oder Unterschiede zwischen den Zielsetzungen der Schulsysteme haben
erheblichen Einfluss auf die Ergebnisse. Zudem wäre kritisch zu
hinterfragen, ob die gemessenen Unterschiede über die Zeit und
zwischen den Ländern statistisch signifikant sind.
Das PISA-Rating ist eine OECD-weite Kompetenzüberprüfung der
Kenntnisse der 15- bis 16-Jährigen in den Fächern Lesen, Mathematik
und Naturwissenschaften. Der für alle Länder identische Fragebogen
setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Die Ergebnisse liefern somit
keinen vollständigen Überblick, weil sie nur die Schulbildung in
einem bestimmten Alter beleuchten, nicht aber alle Fähigkeiten
überprüfen (z. B. Kommunikation, Motivation) und eher schulische als
praktische Fähigkeiten (z. B. Qualifikationen von Lehrlingen) im
Mittelpunkt stehen. PISA ist eher eine analytische als eine
systemische Wertung. Sie ist keine Systemevaluierung durch
Expertinnen oder Experten, sondern eine Statusfeststellung durch
Testverfahren.
Wie viele internationale Rankings unterliegt die PISA-Untersuchung
methodischen Problemen bezüglich der Stichprobe, der Vergleichbarkeit
über die Zeit, der Zusammenfassung von Einzelaspekten zu einem
Gesamtindikator oder der Übersetzung der Fragen. Grundsätzlich ist zu
hinterfragen, ob ein für alle Länder identischer Test den
unterschiedlichen Zielsetzungen des Bildungssystems, den
Kulturunterschieden von Gesellschaften mit unterschiedlicher
Einkommensposition und Wirtschaftsstruktur gerecht werden kann.
Generell basiert jedoch die Studie auf fundierter Expertise und
versucht, den methodischen und inhaltlichen Problemen gerecht zu
werden. Sie wird von den Expertinnen und Experten der OECD
durchgeführt, durch nationale Institutionen ergänzt und über die Zeit
immer wieder verbessert. Aus vergangenen Fehlern wird zu lernen
versucht, Kritik wird in die Weiterentwicklung aufgenommen. Die
PISA-Ergebnisse werden in Querschnittsuntersuchungen und in
Individualanalysen wissenschaftlich analysiert.
Für Österreich ergibt sich eine Besonderheit durch einen
verzerrten Vergleich über die Zeit: 2000 war das Ergebnis relativ
günstig ausgefallen, weil die Berufsschülerinnen und Berufsschüler
deren abgefragte Fähigkeiten den Durchschnitt drücken
unterrepräsentiert waren. 2003 schnitt Österreichs (eines der 10
reichsten OECD-Länder) unterdurchschnittlich ab. Berücksichtigt man
die veränderte Struktur der Befragungten, so büßte Österreich 2003
nur bezüglich der naturwissenschaftlichen Kompetenz Ränge ein ( 13,7
Punkte, Rang 23 unter 40 Ländern). Der Rückgang bezüglich der
Lesekompetenz war klein ( 1,4 Punkte, 22. Rang), die
Mathematik-Fähigkeiten wurden besser beurteilt (+3,1 Punkte, 18.
Rang). Diese Verschlechterung war also auch statistisch bedingt und
wurde deutlich überbewertet. Dennoch zeigte sie großen
Handlungsbedarf auf.
Ein weiteres methodisches Problem der PISA-Untersuchungen ist das
bloße Abzählen von Rängen: einerseits, weil sich die Zahl der
teilnehmenden Länder ändert, und andererseits, weil nicht nur die
Ränge, sondern auch der Grad der Unterschiede zwischen den Wertungen
wichtig ist. Erst größere Differenzen zwischen den Indikatoren sind
signifikant, wobei das Ausmaß dieser Differenzen nach Indikatoren und
Erhebungsmerkmalen unterschiedlich ist. Allerdings sind diese Fehler
weniger der Studie als ihrer Interpretation in der Öffentlichkeit
durch Medien und auch Experten oder Expertinnen anzulasten, sie
entstanden nicht durch methodoische Fehler.
Wertvoller als die Information des erreichten Ranges sind die
strukturellen Aussagen, die sich aus der Studie ergeben. So liefert
die Untersuchung Informationen nicht nur über den Durchschnitt,
sondern auch über die Unterscheide zwischen den besten und den
schwächsten Ausbildungsstufen oder über die Unterschiede nach
Schultypen und nach Regionen. Schließlich erschließen sich aus den
Einzelergebnissen wertvolle Information über Bildungsvererbung,
Regionalstruktur und Schultypen. Freilich lassen die Detailergebnisse
Aussagen nur in engeren Grenzen zu. Die Anforderungen an die
Stichprobe sind unterschiedlich, je nachdem ob man Aussagen im
Aggregat oder im Detail treffen will.
Es ist nicht auszuschließen, dass das PISA-Rating auch durch
nationale Einstellungen und bewusste Strategien beeinflusst wird. Die
Kultur der Zusammenarbeit zwischen Lehrerinnen und Lehrern
einerseits, Schülerinnen und Schülern andererseits, zwischen
Prüfenden und Geprüften ist unterschiedlich. Das drückt sich darin
aus, wieweit und wie gezielt Schülerinnen und Schüler auf Prüfungen
vorbereitet werden, wie wichtig es für eine Schule, eine Region und
ein Land ist, gut abzuschneiden. Länder, in denen Leistungen von
Schülerinnen bzw. Schülern und Schulen regelmäßig extern evaluiert
werden, schneiden in der Regel besser ab. Dies betrifft
wahrscheinlich mehr das absolute Ranking als die Verschiebungen über
die Zeit, doch sind auch im Zeitablauf strategische Reaktionen auf
die Ratings möglich.
Neben dem PISA-Rating liegen, etwa aus Länderberichten
internationaler Organisationen (z. B. OECD, Europäische Kommission,
UNCTAD, Währungsfonds) über die wirtschaftliche und soziale
Situation, viele andere Wertungen des Schul- und Ausbildungssystems
vor. Sie basieren auf Peer Reviews, oft auch vor dem Hintergrund
eines Sets von Anforderungen an ein gutes Bildungssystem. In diesen
Berichten wird Österreich für die hohen Kosten je Schülerin bzw.
Schüler kritisiert; kritisch erwähnt werden hohe Drop-out-Raten, die
Vererbung von Bildung und der geringe Anteil an Akademikerinnen bzw.
Akademikern (bzw. von Teilnahme oder Abschluss tertiärer
Ausbildungsformen im Allgemeinen). Ebenso wird der niedrige Anteil an
Naturwissenschafterinnen und Naturwissenschaftern unter den
Absolventen hervorgestrichen. Die praxisnahe Ausbildung im Rahmen des
dualen Ausbildungssystems wird in der Regel positiv hervorgehoben und
spiegelt sich auch im Abschneiden bei internationalen Tests wie etwa
der Berufsweltmeisterschaft. Eine andere Quelle für internationale
Vergleiche sind Managerumfragen, wie sie etwa den Ratings zur
Konkurrenzfähigkeit durch das IMD und World Economic Forum (WEF)
zugrunde liegen. Im WEF-Rating lag Österreich hinsichtlich der
Qualität des Bildungssystems im Jahr 2005 nach Finnland, Irland,
Dänemark, Belgien und Frankreich innerhalb der EU-Länder an 6.
Stelle.
Ungeachtet der methodischen Unschärfen in den Erhebungen 2000 und
2003 liefert der PISA-Leistungsvergleich wertvolle empirische Daten,
die Einblick in die Stärken und den Entwicklungsbedarf des
österreichischen Bildungssystems geben. Gerade vor dem Hintergrund
der zunehmenden Bedeutung hochqualifizierter Arbeitskräfte für den
Wirtschaftsstandort Österreich bietet der PISA-Vergleichstest eine
Gelegenheit, eine breitere Öffentlichkeit für das Bildungsthema zu
gewinnen, den Stellenwert naturwissenschaftlicher Kompetenzen für den
Wirtschaftsstandort aufzuzeigen und gleichzeitig die Bedeutung des
Erstausbildungssystems für die individuellen Arbeitsmarktchancen und
den Zugang sowie die Teilnahme an weiterführenden Aus- und
Weiterbildungsphasen hervorzustreichen.
Die Ergebnisse des PISA-Ratings sollten also nicht unkritisch
verwendet werden. Alle Aussagen sind dahingehend zu überprüfen, ob
sie nicht durch Erhebungsprobleme, durch Unterschiede zwischen den
Zielsetzungen der Schulsysteme begründet sind und ob die gemessenen
Unterschiede über die Zeit und zwischen den Ländern auch statistisch
signifikant sind. Dennoch sind die Ratings sind eine Möglichkeit zur
Objektivierung der Debatte über die Qualität und den Reformbedarf von
Bildungssystemen. Ohne diesen äußeren Spiegel überwiegen oft indirekt
und unausgesprochen nicht deklarierte Interessen von Gruppen. Die
Dominanz des Status-quo ist ein Hemmfaktor für jede Reform. In der
Sicherheit, viel investiert und geleistet zu haben, liegt die große
Gefahr, den Änderungsbedarf zu spät zu erkennen. Dies ist besonders
wichtig, weil gerade im Bildungssystem nur mit großer Verzögerung
Probleme erkannt und Lösungen erarbeitet werden, die sich in einer
Verbesserung in der Wirtschaftsleistung niederschlagen.
Wertvoller als die Gesamtinformation ist oft die
Detailinformation, Unterschiede nach Schultypen, zwischen den Besten
und den Schwächsten oder nach Inhalten. Nationale Ergänzungsstudien
sollten immer auch überprüfen, ob es Anhaltspunkte dafür gibt, dass
die PISA-Ergebnisse ein unrichtiges Bild geben. Die bisherigen
Untersuchungen liefern keine Hinweise auf ein verzerrtes
Gesamtergebnis des PISA-Ratings, wohl aber bieten sie die
Möglichkeit, die Einschätzung zu verbessern.
Die Tatsache, dass Österreich als Land mit einer Spitzenstellung
gemessen am Pro-Kopf-Einkommen in Europa und einer Top-10-Position
unter den Industrieländern nach allen Kriterien zu den Kenntnissen
der Jugendlichen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften nur im
Mittelfeld liegt, ist durch die PISA-Ergebnisse wissenschaftlich
dokumentiert. Die erwiesene Lösungskompetenz in der österreichischen
Wirtschaft und Gesellschaft darf von diesem Warnsignal ebenso wenig
ablenken wie die Detailkritik an Stichprobe und Fragebogen im
PISA-Rating. Alle Einschätzungen zusammen können unterschiedliche
Aspekte der Qualität der Ausbildung abbilden und Verbesserungen
bewirken.
Nähere Informationen entnehmen Sie bitte der folgenden WIFO-Studie:
Karl Aiginger, Julia Bock-Schappelwein, Zur Aussagekraft der PISA
2006-Ergebnisse: Chancen und Herausforderungen für den
österreichischen Arbeitsmarkt, 29 Seiten, 20 Euro,
kostenloser Download:
http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?fid=23923&id=30719&typeid=8&d
isplay_mode=2!
Tabellen und Graphiken zu den Presseaussendungen des WIFO finden Sie
jeweils auf der WIFO-Website,
http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12.
Rückfragehinweis:
Mag. Julia Bock-Schappelwein Tel. (1) 798 26 01/265 [email protected]. oder Prof. Dr. Karl Aiginger Tel. (1) 798 26 01/210 [email protected]
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