- 23.11.2007, 17:40:58
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DER STANDARD-Kommentar "Bilder machen manchmal blind" von Thomas Mayer
"Der Fall Luca: Die Misshandlungsfotos bringen wenig neue Erkenntnis" - Ausgabe 24./25.11.2007
Wien (OTS) - Empörung, Wut, Betroffenheit sind schlechte Ratgeber,
wenn es darum geht, tragische Ereignisse in der Gesellschaft
einigermaßen sachlich einzuordnen und vernünftige Schlüsse zu ziehen.
Darin bestehen Kernproblem und Dilemma, welche der ORF uns
Donnerstagabend mit seiner superoffensiven Veröffentlichung von zwei
Misshandlungsfotos des Babys Luca auferlegt hat.
Schon der äußere Rahmen war ungewöhnlich: Der Beitrag samt
Studiogespräch wurde zur besten Sendezeit als Spitzenmeldung dem
Millionenpublikum hingeworfen. Er dauerte mit sechs Minuten
ungewöhnlich lange. So etwas gibt es sonst nur bei weltbewegenden
Ereignissen.
Ein bisschen dürfte die "ZiB2-Macher aber von Anfang an das schlechte
Gewissen gedrückt haben. Sonst hätten sie nicht gleich explizit
darauf hingewiesen, dass man sich erst nach langem Überlegen und
Diskutieren entschlossen habe, die Fotos zu zeigen.
Hat sich da das Wissen geregt, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen
nicht dazu da ist, in Boulevardzeitungsmanier für Stimmungsmache zu
sorgen, sondern zuvörderst für eher nüchterne Information?
Der Informationsneuwert der Bilder war null. Sie haben lediglich
bestätigt, was Ärzte in dem Fall längst diagnostiziert hatten, was
seit Tagen bekannt und dokumentiert ist.
Man kann solche Fotos nur schwer anschauen, ohne entsetzt zu sein.
Umso schwieriger ist es dann, die Sachverhalte ruhig zu besprechen,
"damit sich das nie mehr wiederholt", dieses Grauen. Genau dieses
selbstgesteckte Ziel haben sich die Nachrichtenmacher am Küniglberg
selbst verbaut.
Folge: Wo immer man am Tag danach hinblickt bzw. -hört, in
Internetforen, Leserbriefe, bei Diskussionen darüber in der
Straßenbahn: Es dominiert die pure Emotion bis zum Hass. Die Leute
schreien ihr Entsetzen nur so raus über "die Behörden, die kläglich
versagt haben", über "die Politiker", ihren Zorn gegen "Menschen, die
am besten keine Kinder hätten", wie das dann heißt. Und auch noch
viel Ärgeres in Bezug auf den Umgang mit den mutmaßlichen Tätern. Wem
hilft das?
Wie immer in solchen Fällen von schwerer Kriminalität ist der Ruf
nach härteren Strafen nicht weit, insbesondere bei Rechtsparteien,
die ihr Geschäft als puren Populismus betreiben. Und nicht zuletzt
findet sich immer der eine oder andere tüchtige Anwalt, der sich auf
diesem Boulevard nicht nur der Gefühle, sondern auch des großen
Geschäfts, in Szene setzt.
Der Preis, den wir alle dafür zahlen, ist eher hoch.
Zum einen bleibt das Gefühl für Grundrechte wie den Schutz auf
Privatsphäre allzu leicht auf der Strecke. So auch "die Chance,
selbst zu bestimmen, was von seiner Geschichte man der Öffentlichkeit
zeigen will oder nicht", wie das Juristen nennen. Dies gilt besonders
für Kinder - und auch für Tote. Mancher Jurist geht so weit zu sagen,
mit der Dokumentation des Leids werde das Kind nach dem Tod ein
zweites Mal geschädigt.
Der andere kritische Aspekt ist, dass die Bilder einer Krankenakte
entnommen wurden. Das aber sollte tabu sein. Warum soll es erlaubt
sein, dass Behörden - konkret Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt -
Dokumente aus Krankenakten in die Hand bekommen? Ein von Ärzten
bestätigtes Schreiben sollte reichen, damit im Fall von
Misshandlungen Taten der Behörden folgen.
Das alles kann nicht bedeuten, dass es absolute Bilderverbote geben
muss. Es gibt schreckliche Fotos, die Medienmacher der Öffentlichkeit
nicht vorenthalten dürfen, weil ihr Informationswert für die
Gesellschaft weit höher einzustufen ist als die Bedenken, die gegen
Veröffentlichung sprechen - wo das öffentliche Interesse gegenüber
dem Schutz des Privaten überwiegt. Beispiel: Das vom Falter
aufgedeckte Video über die (später leugnenden) Polizisten, die den
Afrikaner Cheibani Wague im Wiener Stadtpark zu Tode drücken, ist so
ein Beispiel. Oder die Folterungen Kriegsgefangener im Irak durch
US-Soldaten. Wie so oft ist das aber letztlich auch eine Frage der
Verantwortlichkeit, ablesbar an der Art, wie man etwas präsentiert.
Rückfragehinweis:
Der Standard
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