- 02.11.2007, 11:42:56
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Österreichs Baukultur im Fokus Baukulturreport 2006 liegt vor
Wien (PK) - Begonnen hatte alles 2004 mit einer Enquete zum Thema
"Architekturpolitik und Baukultur in Österreich" im Plenarsaal des
österreichischen Nationalrates. Unter Einbindung zahlreicher Experten
aus dem In- und Ausland wurde ein Diskussionsprozess mit dem Ziel
gestartet, verbesserte Rahmenbedingungen für eine zeitgenössische
Bau- und Planungskultur sowie Grundlagen für eine künftige
Architekturpolitik zur Sicherung der Lebensqualität in Österreich zu
schaffen. Ausfluss der Debatten war eine Entschließung des
Nationalrates zur Erstellung eines Baukulturreports, der nun dem
Hohen Haus zugeleitet wurde. (III-56 d.B.)
In sechs Teilheften werden hierbei die heimische Baukultur, der Ist-
Zustand am Sektor Architektur und Planung, zumal im europäischen
Vergleich, beleuchtet und konkrete Schlussfolgerungen für eine
zeitgemäße Förderung der heimischen Baukultur gezogen. Die Autorinnen
und Autoren des Berichts halten dabei fest, es sei ihnen wichtig
gewesen, "die Empfehlungen nicht auf individuelle
ExpertInnenmeinungen, sondern auf Basis eines breiten Konsenses
aufzubauen, um damit der Politik eine profunde Entscheidungsgrundlage
anbieten zu können".
Um dies zu ermöglichen, zeigt der "Baukulturreport" Perspektiven auf
und formuliert konkrete Empfehlungen und Maßnahmen, die sich nicht
nur an die politischen EntscheidungsträgerInnen richten, sondern
ebenso an Ausbildungsinstitutionen und Berufsvertretungen. Überdies
wird die periodische Fortführung des Baukulturreports im Abstand von
zumindest zwei Jahren empfohlen, "damit auch mittel- und
längerfristige Entwicklungen ablesbar gemacht werden können, um
fundierte Grundlagen für etwaige (auch legistische) Lenkungsmaßnahmen
zu schaffen bzw. deren Auswirkungen evaluieren zu können". In diesem
Sinn sehen die Autorinnen und Autoren den Bericht als einen ersten
Schritt zu einem längerfristigen Prozess, um eine nachhaltige und in
der EU beispielgebende Architekturpolitik sowie eine
zukunftsträchtige und qualitätsorientierte Baukultur in Österreich zu
etablieren.
Die Beiträge im einzelnen
Insgesamt gliedert sich der Bericht in sechs Teilhefte. So
beschäftigt sich ein Band primär mit der Verantwortung im Bereich
Architektur, Planen, Baukultur. Ein weiterer Teil durchleuchtet die
Architekturpolitik in all ihren Facetten. Das nächste Teilheft
beschäftigt sich mit den Elementen einer gesamtheitlichen Baukultur,
ein weiteres mit den ökonomischen Aspekten der Baukultur und ein
weiteres mit den Produktions- und Rahmenbedingungen von Baukultur.
Ein eigenes Heft mit Schlussfolgerungen und Empfehlungen schließt den
vorliegenden Bericht ab.
Von der Verantwortung
In einem Beitrag thematisiert Peter Holzer die Verantwortung von
Bauherren für die Baukultur und plädiert für eine intellektuelle
Partnerschaft zwischen Bauherren und Planer. Zudem sei es
empfehlenswert, den Personenkreis der Akteure zu minimieren, denn
auch beim Planen und Bauen gelte die Regel "viele Köche verderben den
Brei". Bernhard Hruska setzt sich mit barrierefreiem Bauen
auseinander und votiert für eine gesetzliche Verankerung der Ö-Norm B
1600. Hruska weist darauf hin, dass eine Steigerung der Baukosten in
keinem Vergleich zu den nachträglichen Sanierungs- und Folgekosten
stünde. Zudem betont Hruska, dass derzeit fast ein Viertel der
Bevölkerung nicht nur im Kultur- und Wellnessbereich, sondern auch in
der Arbeitswelt und beim Wohnen behindert oder gänzlich
ausgeschlossen wird.
Wolfgang Oberndorfer tritt für eine Ethik im Vergabewesen ein. Man
müsse sich dessen bewusst sein, dass es neben der Minimierung der
Baukosten auch um die soziale und ökologische Verträglichkeit der
Bauwerke geht. Das Bundesvergabegesetz erfülle bereits eine wertvolle
Leitfunktion, dessen Inhalte sollten auch im Vertragswesen
entsprechend Eingang finden. In einem weiteren Beitrag setzen sich
Gordana Brandner und Oliver Schürer mit Architektur-Consulting und
Bauherrenberatung auseinander, Wolfgang Amann und Robert Lechner
durchleuchten die Entwicklung von der Wohnbauförderung zur
Baukulturförderung und streichen dabei hervor, dass die öffentlichen
Ausgaben Österreichs für das Wohnen deutlich unter dem Durchschnitt
der EU liegen, und dies, obwohl die öffentliche Hand mehr als fast
überall sonst in der Wohnungsproduktion mitmische, woraus sich
umfangreiche Lenkungseffekte ergeben. Zwar, so Amann und Lechner,
habe man in den letzten Jahren u.a. hinsichtlich einer Ökologisierung
des Wohnbaus gute Ergebnisse erzielt, doch seien die Potentiale in
baukultureller Hinsicht noch nicht ausgeschöpft.
Robert Wagendorfer geht in seinem Beitrag auf Landesinitiativen und
Serviceeinrichtungen zur Qualitätssteigerung des kommunalen Hochbaus
ein. Die Länder beeinflussten das kommunale Baugeschehen im Rahmen
ihrer behördlichen und verwaltungsrechtlichen Zuständigkeiten sowie
durch verschiedene finanzielle Förderungen. Dabei stünden oftmals
rechtliche und finanzielle Kriterien, selten aber qualitative
Kriterien im Vordergrund. Aus diesem Ist-Zustand ließe sich, so
Wagendorfer, eine Reihe von Vorschlägen für eine Qualitätssteigerung
im kommunalen Hochbau ableiten, die er auch exemplarisch darstellt.
Paul Raspotnig plädiert für eine Qualitätssicherung vermittelst einer
Etablierung gut ausgestatteter, unabhängiger und fachlich versierter
Gestaltungsbeiräte. Dietmar Steiner bringt sodann Vorschläge zu einer
nationalen ressortübergreifenden Koordination zur Wahrung und
Verankerung einer gesamtheitlichen Planungs- und Baukultur.
Die Rolle der Politik
Otto Kapfinger und Arno Ritter thematisieren den historischen
Entwicklungsstand hinsichtlich Architekturpolitik und Baukultur in
Österreich, Robert Temel beschäftigt sich mit Architekturpolitik in
Europa, dabei darauf verweisend, dass Finnland, Schweden, Frankreich,
Schottland und Holland jene Länder mit der erfolgreichsten
Architekturpolitik seien. Architekturpolitik müsse sich das Ziel
setzen, die Bedingungen für die Produktion und Nutzung der
gestalteten Umwelt und somit die Lebensbedingungen für ihre
BürgerInnen zu verbessern. Max Rieder setzt sich mit
Architekturförderung der öffentlichen Hand auseinander und meint,
diese werde bisher den diesbezüglichen Anforderungen nicht gerecht,
weshalb hier organisatorische und qualitative Verbesserungen
anzudenken seien.
Im Beitrag von Barbara Feller geht es um Baukultur und
Umweltgestaltung für junge Menschen, wobei sich Feller dafür
einsetzt, eine Akademie für Architekturvermittlung zu initiieren, wo
fachspezifisches Wissen gebündelt und der Öffentlichkeit zugänglich
ist. Auch Franziska Leeb wünscht sich entsprechende
Architekturvermittlung zur Stärkung eines breiten Bewusstseins für
baukulturelle Qualitäten. Harald Seiko entwickelt sodann Strategien
zu einem architekturpolitischen Dialog und stellt das Modell einer
"Plattform Architektur" am Beispiel Steiermark vor.
Nachhaltigkeit
Renate Hammers und Peter Holzers Beitrag hat die ökologische
Nachhaltigkeit zum Thema. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen sei die
zentrale formgebende Größe nachhaltiger Architektur, darüber hinaus
bestimmten die konkreten Bedingungen eines Ortes, sein spezifisches
Angebot an Material- und Energieressourcen die Gestalt der zu
entwerfenden baulichen Strukturen. Unter Bedachtnahme auf diese
Rahmenbedingungen könne der Verbrauch an Energie drastisch reduziert
und der dann verbleibende Energiebedarf mit effizienter Haustechnik
auf Basis erneuerbarer Energieträger gedeckt werden. Die sozialen
Aspekte der Nachhaltigkeit durchleuchtet Jens Dangschat, die
ökonomische Nachhaltigkeit Winfried Kallinger.
Lili Licka ist es um eine qualitätsvolle Landschaftsarchitektur zu
tun. Die Gestaltung der Freiräume bedürfe einer markanten Aufwertung,
landschaftliche Festlegungen seien essentielle Grundlagen für
Stadtplanung und Städtebau. Österreich bedürfe der Pflege und
Erhaltung historischer Anlagen, es bedürfe aber auch dringend
Dokumente aktueller Landschaftsarchitektur.
Der Aspekt der Ökonomie
Margarete Czerny und Michael Weingärtler gehen auf die
volkswirtschaftliche Bedeutung der baukulturellen Qualifizierung ein
und erinnern dabei daran, dass die österreichische Bauwirtschaft eine
zentrale Stellung innerhalb der Gesamtwirtschaft einnehme und daher
einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstelle. Die
gesamtwirtschaftliche Funktion des Planungssektors sowie sein
kulturpolitischer Auftrag für Österreich sollten daher verstärkt in
der öffentlichen Bewusstseinsbildung verankert werden.
Der Beitrag von Veronika Ratzenböck und Andrea Lehner beschäftigt
sich mit dem Stellenwert der Architekturbranche innerhalb der
Kreativwirtschaft. Anhand einzelner Länderbeispiele zeige sich, dass
Architektur zwar als wesentlicher Kernbereich der Kreativwirtschaft
gelte, in den entsprechenden Förderprogrammen und -strategien jedoch
noch kaum Berücksichtigung finde. Roland Gruber und Viviane Hromas
thematisieren den Zusammenhang von Tourismus und Baukultur, Ute
Woltron beleuchtet den "Imageträger Baukultur". Gerhard Nidetzky,
Karin Fuhrmann und Renate Putz orten Handlungs- und Änderungsbedarf
hinsichtlich der steuerlichen Behandlung von Immobilieninvestments,
wovon Planer und Architekturschaffende profitieren würden. Die
abschließenden Beiträge befassen sich mit der Arbeitsmarktkomponente
der Bauwirtschaft von der Lehre bis zur Hochschule. Ein umfassender
Empfehlungskatalog rundet den Bericht ab. (Schluss)
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