EU-Zuckerindustrie kritisiert Kommission: 2007/08 keine Marktbalance

Neben freiwilliger Aufgabe droht Quotenkürzung mit Kostensteigerung oder Preisdruck

Wien (AIZ) - Die Europäische Zuckerindustrie kritisiert den am 11.10.2007 von der Europäischen Kommission bekannt gegebenen Verzicht, die im Februar 2007 ausgesprochene präventive Marktrücknahme von 2 Mio. t Quotenzucker oder 13,5% der Quote im Wirtschaftsjahr 2007/08 bei der endgültigen Festsetzung nicht weiter zu erhöhen. Dadurch könne in der EU auch in dem am 01.10.2007 angelaufenen Zuckerwirtschaftsjahr 2007/08 kein Marktgleichgewicht erreicht werden. Dies sagte heute auf Anfrage des AIZ der Präsident des Ausschusses der europäischen Zuckerfabrikanten CEFS und Generaldirektor des österreichischen Zucker-, Stärke- und Fruchtkonzerns AGRANA, Johann Marihart. Die Kommission habe sich bei ihrer Entscheidung auf eine erneuerte Zuckermarktprognose berufen, ohne aber Zahlen des aktuellen Lagerstandes in der EU bekannt zu geben. "Auf der anderen Seite zeigen interne Daten der Zuckerindustrie, dass Anfang Oktober deutlich mehr als 3 Mio. t Zucker in der EU auf Lager lagen", so Marihart. Es habe sich also aus der Saison 2006/07 1 Mio. t mehr Zuckerüberschuss in der EU angehäuft, als die Kommission in der angelaufenen Kampagne 2007/08 aus dem Markt nimmt. Dieser Überschuss drücke massiv auf das Preisniveau. Daher wäre aus Sicht der Zuckerindustrie eine weiter greifende Marktrücknahme, das heißt, Abwertung von Quoten- auf Industriezucker, "ökonomisch längerfristig" sinnvoll gewesen.

Marihart: "Agrana bedauert, dass es zu keiner zusätzlichen Marktrücknahme kommt." Die Zuckerindustrie habe schon immer rechtzeitige Marktrücknahmen beziehungsweise dauerhafte statt temporärer Quotenstilllegungen gefordert. "Das ist auch die Position von CEFS."

EU-Zuckerwirtschaft mit Zwang zu Restrukturierung konfrontiert

Die EU-Zuckerwirtschaft sieht sich durch die im September vom EU-Agrarministerrat reparierte Zuckermarktreform vor einem Restrukturierungsprozess. Durch die den LDC-Entwicklungsländern zugestandenen Zuckerimporte sowie wegen des Zuckerexportverbots der WTO muss die EU 6 Mio. t ihrer ursprünglich 17,4 Mio. t Zuckerquote dauerhaft aufgeben. Die Zuckermarktreform sieht dafür als Herzstück den sogenannten Restrukturierungsfonds vor. Dieser wird aus Abgaben aller EU-Zuckerproduzenten mit insgesamt EUR 6,4 Mrd. dotiert und honoriert die freiwillige Stilllegung von Zuckerquoten mit Prämien. Nach dem ursprünglichen Reformbeschluss von 2005 sollten dies wenig wirtschaftliche Standorte in Europa freiwillig in Anspruch nehmen. Die Stilllegung lief aber viel zu zögerlich. Bisher wurden nur 2,2 Mio. t Quote freiwillig zurückgelegt. Daher gestaltete die Reparatur der Zuckermarktreform die Konditionen des Fonds für freiwillige Stilllegungen im September 2007 attraktiver und stellt mit einem Zwei-Phasen-System gleichzeitig auch wettbewerbsstärkeren Zuckerherstellern die Rute ins Fenster, Quoten zurückzugeben. Wer sich nämlich nicht bis 31.01.2008 freiwillig und gegen Prämien mit mindestens 13,5% seiner Quote an der Restrukturierung beteiligt, dem drohen - sollte dann das Ziel der 6 Mio. t Quotenaufgabe immer noch nicht erreicht sein - danach zwangsweise Quotenkürzungen ohne Entschädigung aus dem Fonds.

Kommission erhöht mit dem Belassen von Überschuss am Markt den Druck

Marihart gesteht zwar zu, dass diese Vorgangsweise der Kommission, den Zuckerüberschuss nicht vom Markt zu nehmen, den Druck auf die europäische Zuckerwirtschaft zur freiwilligen Quotenaufgabe erhöhe und bis zum Februar kommenden Jahres aufrecht halte. Dies sieht auch die mit AGRANA kapitalmäßig verflochtene deutsche Südzucker AG so. Am vergangenen Freitag hieß es in einer Aussendung des Mannheimer Unternehmens: "Allenfalls beschleunigt der so ausgelöste Druck die von der EU mit der Reform angestrebte freiwillige Rückgabe von Zuckerquoten." Die Maßnahmen würden aber auch laut Südzucker noch nicht ausreichen, 2007/08 ein Gleichgewicht am Zuckermarkt der EU herzustellen.

2008 kann zu freiwilliger Produktionsrücknahme noch zwangsweise dazukommen

Die europäische Zuckerwirtschaft hat mit dem Druck auf die freiwillige Aufgabe von Zuckerquoten aus der Verarbeitung des kommenden Rübenanbaus 2008 schon genug zum Nachdenken. Marihart erwartet, dass bis dahin EU-weit 13 bis 14% der Zuckerquoten freiwillig an den Fonds zurückgegeben werden und damit 2008 der Zuckerrübenanbau entsprechend eingeschränkt und die Quotenzuckerproduktion um 2,5 Mio. t sinken werde. Auch Österreich will sich mit einer entsprechenden Quotenstilllegung beteiligen.

Indem die Kommission zusätzlich aber noch die rund 1 Mio. t überschüssigen Quotenzucker aus den Endbeständen 2006/07 auf dem Markt belasse, drohe der EU-Zuckerwirtschaft im kommenden Frühjahr zusätzlich zur Quotenaufgabe eine weitere temporäre Produktionskürzung in etwa diesem Ausmaß. Der Zuckerüberschuss konzentriere sich großteils auf Westeuropa, da im Süden wie in Italien oder Slowenien sowie in Zentraleuropa in Ungarn, Tschechien und der Slowakei schon namhafte Quotenanteile stillgelegt worden seien und Bulgarien und Rumänien überhaupt Zuckerzuschuss-Länder seien. Damit belaste die Überschussmisere im Besonderen die beiden größten westeuropäischen Zuckererzeuger Frankreich und Deutschland, die zusammen für die halbe Zuckererzeugung der EU stehen.

Alternativen: Produktionskürzung und Kostensteigerung oder "Preisschaden"

Marihart sieht die Gefahr, dass in Summe der erwarteten 13 bis 14% freiwilliger Quotenstilllegung und des ohne Marktrücknahme notwendigen Vortrags der überschüssigen Quotenzuckermengen auf die Produktionsrechte 2007/08 in Westeuropa der Zuckerrübenanbau um insgesamt 20 bis 25% eingeschränkt werden müsse. "Das bringt eine deutliche Verkürzung der Kampagnezeiten in der Zuckerindustrie und damit verbundene Steigerung der Kosten." Vom Markt genommener Quotenzucker könne dagegen zumindest noch als Industriezucker vermarktet werden. Die Alternative zum Quotenvortrag bestehe lediglich darin, den überschüssigen Zucker zu exportieren oder auf den mittel-osteuropäischen Zuschussmärkten der EU abzusetzen. "Die Exportmöglichkeiten, die die Kommission anbot, sind aber sehrt limitiert und auf den Binnenmarkt drückt so viel Zucker, dass bei der Vermarktung auf den Zuschussmärkten die Preise im ganzen EU-Raum gehörig unter Druck kommen", so Marihart. "Preisschaden" für eine weit größere Quotenzuckermenge als nur für eine begrenzte Größenordnung von etwa 10% im Falle einer Marktrücknahme sei für die EU-Zuckerindustrie das weitaus größere Übel.
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