- 16.10.2007, 12:51:29
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EU-Zuckerindustrie kritisiert Kommission: 2007/08 keine Marktbalance
Neben freiwilliger Aufgabe droht Quotenkürzung mit Kostensteigerung oder Preisdruck
Wien (AIZ) - Die Europäische Zuckerindustrie kritisiert den am
11.10.2007 von der Europäischen Kommission bekannt gegebenen
Verzicht, die im Februar 2007 ausgesprochene präventive
Marktrücknahme von 2 Mio. t Quotenzucker oder 13,5% der Quote im
Wirtschaftsjahr 2007/08 bei der endgültigen Festsetzung nicht weiter
zu erhöhen. Dadurch könne in der EU auch in dem am 01.10.2007
angelaufenen Zuckerwirtschaftsjahr 2007/08 kein Marktgleichgewicht
erreicht werden. Dies sagte heute auf Anfrage des AIZ der Präsident
des Ausschusses der europäischen Zuckerfabrikanten CEFS und
Generaldirektor des österreichischen Zucker-, Stärke- und
Fruchtkonzerns AGRANA, Johann Marihart. Die Kommission habe sich bei
ihrer Entscheidung auf eine erneuerte Zuckermarktprognose berufen,
ohne aber Zahlen des aktuellen Lagerstandes in der EU bekannt zu
geben. "Auf der anderen Seite zeigen interne Daten der
Zuckerindustrie, dass Anfang Oktober deutlich mehr als 3 Mio. t
Zucker in der EU auf Lager lagen", so Marihart. Es habe sich also aus
der Saison 2006/07 1 Mio. t mehr Zuckerüberschuss in der EU
angehäuft, als die Kommission in der angelaufenen Kampagne 2007/08
aus dem Markt nimmt. Dieser Überschuss drücke massiv auf das
Preisniveau. Daher wäre aus Sicht der Zuckerindustrie eine weiter
greifende Marktrücknahme, das heißt, Abwertung von Quoten- auf
Industriezucker, "ökonomisch längerfristig" sinnvoll gewesen.
Marihart: "Agrana bedauert, dass es zu keiner zusätzlichen
Marktrücknahme kommt." Die Zuckerindustrie habe schon immer
rechtzeitige Marktrücknahmen beziehungsweise dauerhafte statt
temporärer Quotenstilllegungen gefordert. "Das ist auch die Position
von CEFS."
EU-Zuckerwirtschaft mit Zwang zu Restrukturierung konfrontiert
Die EU-Zuckerwirtschaft sieht sich durch die im September vom
EU-Agrarministerrat reparierte Zuckermarktreform vor einem
Restrukturierungsprozess. Durch die den LDC-Entwicklungsländern
zugestandenen Zuckerimporte sowie wegen des Zuckerexportverbots der
WTO muss die EU 6 Mio. t ihrer ursprünglich 17,4 Mio. t Zuckerquote
dauerhaft aufgeben. Die Zuckermarktreform sieht dafür als Herzstück
den sogenannten Restrukturierungsfonds vor. Dieser wird aus Abgaben
aller EU-Zuckerproduzenten mit insgesamt EUR 6,4 Mrd. dotiert und
honoriert die freiwillige Stilllegung von Zuckerquoten mit Prämien.
Nach dem ursprünglichen Reformbeschluss von 2005 sollten dies wenig
wirtschaftliche Standorte in Europa freiwillig in Anspruch nehmen.
Die Stilllegung lief aber viel zu zögerlich. Bisher wurden nur 2,2
Mio. t Quote freiwillig zurückgelegt. Daher gestaltete die Reparatur
der Zuckermarktreform die Konditionen des Fonds für freiwillige
Stilllegungen im September 2007 attraktiver und stellt mit einem
Zwei-Phasen-System gleichzeitig auch wettbewerbsstärkeren
Zuckerherstellern die Rute ins Fenster, Quoten zurückzugeben. Wer
sich nämlich nicht bis 31.01.2008 freiwillig und gegen Prämien mit
mindestens 13,5% seiner Quote an der Restrukturierung beteiligt, dem
drohen - sollte dann das Ziel der 6 Mio. t Quotenaufgabe immer noch
nicht erreicht sein - danach zwangsweise Quotenkürzungen ohne
Entschädigung aus dem Fonds.
Kommission erhöht mit dem Belassen von Überschuss am Markt den Druck
Marihart gesteht zwar zu, dass diese Vorgangsweise der Kommission,
den Zuckerüberschuss nicht vom Markt zu nehmen, den Druck auf die
europäische Zuckerwirtschaft zur freiwilligen Quotenaufgabe erhöhe
und bis zum Februar kommenden Jahres aufrecht halte. Dies sieht auch
die mit AGRANA kapitalmäßig verflochtene deutsche Südzucker AG so. Am
vergangenen Freitag hieß es in einer Aussendung des Mannheimer
Unternehmens: "Allenfalls beschleunigt der so ausgelöste Druck die
von der EU mit der Reform angestrebte freiwillige Rückgabe von
Zuckerquoten." Die Maßnahmen würden aber auch laut Südzucker noch
nicht ausreichen, 2007/08 ein Gleichgewicht am Zuckermarkt der EU
herzustellen.
2008 kann zu freiwilliger Produktionsrücknahme noch zwangsweise
dazukommen
Die europäische Zuckerwirtschaft hat mit dem Druck auf die
freiwillige Aufgabe von Zuckerquoten aus der Verarbeitung des
kommenden Rübenanbaus 2008 schon genug zum Nachdenken. Marihart
erwartet, dass bis dahin EU-weit 13 bis 14% der Zuckerquoten
freiwillig an den Fonds zurückgegeben werden und damit 2008 der
Zuckerrübenanbau entsprechend eingeschränkt und die
Quotenzuckerproduktion um 2,5 Mio. t sinken werde. Auch Österreich
will sich mit einer entsprechenden Quotenstilllegung beteiligen.
Indem die Kommission zusätzlich aber noch die rund 1 Mio. t
überschüssigen Quotenzucker aus den Endbeständen 2006/07 auf dem
Markt belasse, drohe der EU-Zuckerwirtschaft im kommenden Frühjahr
zusätzlich zur Quotenaufgabe eine weitere temporäre
Produktionskürzung in etwa diesem Ausmaß. Der Zuckerüberschuss
konzentriere sich großteils auf Westeuropa, da im Süden wie in
Italien oder Slowenien sowie in Zentraleuropa in Ungarn, Tschechien
und der Slowakei schon namhafte Quotenanteile stillgelegt worden
seien und Bulgarien und Rumänien überhaupt Zuckerzuschuss-Länder
seien. Damit belaste die Überschussmisere im Besonderen die beiden
größten westeuropäischen Zuckererzeuger Frankreich und Deutschland,
die zusammen für die halbe Zuckererzeugung der EU stehen.
Alternativen: Produktionskürzung und Kostensteigerung oder
"Preisschaden"
Marihart sieht die Gefahr, dass in Summe der erwarteten 13 bis 14%
freiwilliger Quotenstilllegung und des ohne Marktrücknahme
notwendigen Vortrags der überschüssigen Quotenzuckermengen auf die
Produktionsrechte 2007/08 in Westeuropa der Zuckerrübenanbau um
insgesamt 20 bis 25% eingeschränkt werden müsse. "Das bringt eine
deutliche Verkürzung der Kampagnezeiten in der Zuckerindustrie und
damit verbundene Steigerung der Kosten." Vom Markt genommener
Quotenzucker könne dagegen zumindest noch als Industriezucker
vermarktet werden. Die Alternative zum Quotenvortrag bestehe
lediglich darin, den überschüssigen Zucker zu exportieren oder auf
den mittel-osteuropäischen Zuschussmärkten der EU abzusetzen. "Die
Exportmöglichkeiten, die die Kommission anbot, sind aber sehrt
limitiert und auf den Binnenmarkt drückt so viel Zucker, dass bei der
Vermarktung auf den Zuschussmärkten die Preise im ganzen EU-Raum
gehörig unter Druck kommen", so Marihart. "Preisschaden" für eine
weit größere Quotenzuckermenge als nur für eine begrenzte
Größenordnung von etwa 10% im Falle einer Marktrücknahme sei für die
EU-Zuckerindustrie das weitaus größere Übel.
(Schluss) pos
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