• 15.10.2007, 20:28:55
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Prammer präsentiert Kalender 2008 über jüdischen Friedhof in Währing NR-Präsidentin will rasche Lösung für einzigartiges Kulturdenkmal

Wien (PK) - Der jüdische Friedhof in Währing ist ein zentraler Ort
der Wiener Stadtgeschichte. Seit Jahren kämpft die Historikerin Tina
Walzer um die Rettung dieses vom Verfall bedrohten Biedermeier-Juwels
und wird dabei seit vergangenem Jahr vom gemeinnützigen Verein
Educult unterstützt, der mit dem Ziel der Sanierung dieses
geschichtsträchtigen Ortes eine Reihe von Vermittlungsprojekten
gestartet hat. Das neueste Projekt des Vereins - ein großformatiger
Hängekalender über den Friedhof - wurde heute von
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer im Hohen Haus präsentiert.

Für den Kalender, der in deutscher, englischer und hebräischer
Sprache verfasst ist, haben renommierte Fotografinnen und Fotografen
wie Isolde Ohlbaum, Harry Weber, Michaela Theurl, Claudio Alessandri,
Peter Bauer und Edward Serotta den aktuellen Zustand Friedhof aus
ganz unterschiedlichen künstlerischen Blickwinkeln dokumentiert. Die
Bilder geben dabei beredtes Zeugnis von den Spuren des Verfalls und
machen die Dringlichkeit umfassender Sanierungsarbeiten deutlich.
Dass es dabei nicht an gutem Willen mangelt, zeigen die im Kalender
abgedruckten Geleitworte von Bundespräsident Heinz Fischer und
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, nach wie vor wird allerdings
um die Finanzierung des Projekts gerungen.

In ihrer heutigen Begrüßungsrede hob Prammer die Notwendigkeit
hervor, rasch eine tragfähige Lösung für den jüdischen Friedhof in
Währing zu finden. Sie will dem Kuratorium des Nationalfonds, wie sie
ankündigte, schon nächste Woche ein Vorprojekt präsentieren, ein
dessem Rahmen zunächst einmal die erforderlichen Sanierungsarbeiten
festgelegt und eine Kostenschätzung durchgeführt werden sollen.
Voraussetzung für die Inangriffnahme des Vorprojekts sei aber eine
Sicherstellung der Finanzierung durch den Bund, unterstrich Prammer
und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass sich Bundeskanzleramt und
Finanzministerium der Bedeutung des Projekts bewusst seien.

Die Nationalratspräsidentin gab in diesem Zusammenhang zu bedenken,
dass sich Österreich im Washingtoner Abkommen von 2001 verpflichtet
habe, die Restaurierung jüdischer Friedhöfe zusätzlich zu
unterstützen. Die Umsetzung dieser Verpflichtung sei nach wie vor
ausständig, mahnte sie. Im jüdischen Friedhof in Währing sind
übrigens auch Mitglieder der Familie Epstein begraben, den
Namensgebern jenes Ringstraßenpalais, das seit 2005 auch für
parlamentarische Zwecke genutzt wird.

Michael Wimmer, Geschäftsführer von Educult, schilderte, als ihn Tina
Walzer das erste Mal über den jüdischen Friedhof führte, habe er
seinen Augen nicht getraut. Es sei ihm vorgekommen, als würde er in
einem Museum der Verdrängung stehen, skizzierte er. In diesem Sinn
gehe es für ihn nicht nur um die Bewahrung eines kulturellen
Vermächtnisses, sondern vor allem auch darum, die enormen Leistungen
der jüdischen BürgerInnen für die Entwicklung der Stadt, die im
"wuchernden Unterholz" versteckt seien, ins öffentliche Bewusstsein
zu bringen. Für ein Buchprojekt zum jüdischen Friedhof in Währing
sucht Wimmer, wie er ausführte, noch Partner.

Kritische Worte kamen vom Generalsekretär der Israelitischen
Kultusgemeinde, Raimund Fastenbauer. Die Israelitische Kultusgemeinde
bemühe sich seit Jahrzehnten, mit Ländern und Gemeinden
Pflegevereinbarungen für jüdische Friedhöfe abzuschließen, erklärte
er. Zwar habe sich Österreich im Washingtoner Abkommen von 2001
verpflichtet, die Pflege jüdischer Friedhöfe zu finanzieren,
allerdings laufe seit sieben Jahren eine Diskussion darüber, ob die
Verpflichtung Bund, Länder oder Gemeinden betreffe.

Den Zustand des jüdischen Friedhofs in Währing bezeichnete
Fastenbauer als besonders schlecht, er warnte aber davor, es bei der
Sanierung dieses einen Friedhofs zu belassen, und forderte eine
Gesamtlösung für alle jüdischen Friedhöfe in Form einer
Rahmenvereinbarung ein. Wenn es, so Fastenbauer, eine gesetzliche
Regelung für Kriegsgräber gebe, in denen auch ein Teil der Täter
liege, müsse auch eine Lösung für die Gräber der Vorfahren der Opfer
möglich sein.

Dass die Israelitische Kultusgemeinde selbst keine Möglichkeiten zur
Rettung der alten jüdischen Friedhöfe hat, untermauerte Fastenbauer
mit dem Hinweis, dass es insgesamt rund 350.000 jüdische Grabstätten
im Land gibt. 1938 hätten 220.000 Juden in Österreich gelebt und etwa
80 Friedhöfe erhalten, skizzierte der IKG-Vertreter, während der NS-
Zeit seien jedoch 65.000 ermordet und 135.000 "aus dem Land gejagt"
worden. Nur wenige seien zurückgekehrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg
habe sich die geschrumpfte jüdische Gemeinde vordringlich um die
Lebenden kümmern müssen, bekräftigte Fastenbauer, für den Erhalt der
Gräber seien keine Mittel übrig geblieben.

Der Fotograf Peter Bauer begründete sein Engagement für den Kalender
damit, dass es Projekte gebe, die man einfachen machen müsse. Bei
seinem ersten Besuch am Friedhof habe sich ihm eine trügerische
Idylle geboten, führte er aus, Fotografie habe aber die Aufgabe,
nicht nur das Sichtbare darzustellen, sondern auch das Unsichtbare
sichtbar zu machen und Salz in der Wunde der Gesellschaft zu sein.
Bauer hofft, wie er sagte, mit dem Kalender einen Beitrag dafür zu
leisten, dass der jüdische Friedhof in Währing vor dem
Vergessenwerden bewahrt wird. Besonders erfreut zeigte sich der
Fotograf über die von ihm mitinitiierte Einbindung von Schülergruppen
in das Kalenderprojekt.

Kurt Scholz, Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien, dankte all
jenen Persönlichkeiten, die durch ihr großes persönliches Engagement
einen entscheidenden Beitrag zur Rettung des Währinger jüdischen
Friedhofs leisteten, und hob unter anderem die Arbeit der
Historikerin Tina Walzer und die Aktivitäten von
Nationalratspräsidentin Prammer als Vorsitzende des Nationalfonds-
Kuratoriums hervor.

Mit sehr persönlichen Worten zitierte Scholz seine Großmutter: "Ein
Volk ist nicht edel, das seine Toten nicht ehrt." Seine
Schlussfolgerung in Bezug auf den Währinger jüdischen Friedhof: "Wie
edel ist ein Volk, das seine Toten so ehrt und den Friedhof in einem
solchen jämmerlichen Zustand belässt?" Die Republik könne es sich vor
dem Gedenkjahr 2008 - 70 Jahre nach dem Anschluss und nach der
"Reichskristallnacht" - nicht leisten, einen jüdischen Friedhof nicht
zu restaurieren. Es wäre fatal, man würde international in Blamage
rennen, appellierte Scholz eindringlich an die dafür Verantwortlichen
in Ministerien und Gemeinde.

Der jüdische Friedhof Währing wurde zwischen 1784 und den 1880-er
Jahren benutzt und stellt ein einzigartiges Dokument der Wiener
Kultur-, Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte dar. Als jüdisches
Pendant zum bekannten christlichen Friedhof St. Marx bewahrt die
Anlage bis heute trotz des hohen Zerstörungsgrades den Charakter
eines Biedermeier-Friedhofs. Bemerkenswert ist nicht nur die
architektonische Gestaltung der Grabmäler, die Anlage enthält auch
eine überaus große und gestalterisch ungewöhnliche sephardische
Abteilung. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der jüdische
Friedhof Währing enteignet, vielfach geschändet und zum Teil
zerstört. So wurden etwa 200 Leichen im Namen der
nationalsozialistischen Rassenlehre exhumiert. Später kamen
schwerwiegende Schäden durch Abräumaktionen und Vandalismus sowie
durch Umwelteinflüsse wie saurer Regen, Frost und Bewuchs hinzu. Auf
einem Teil des Friedhofs wurde Ende der 1950-er Jahre ein Wohnhaus
gebaut.

Der präsentierte Kalender, der auch Erläuterungen zum jüdischen
Kalendarium enthält, kostet 30 € und kann unter der Telefonnummer
01/522 31 27 22 bzw. online über die Website http://www.waehringer-
friedhof.at bestellt werden. Die Website enthält auch weitere
Informationen über den jüdischen Friedhof.

Musikalisch begleitet wurde die Kalender-Präsentation im Hohen Haus
durch die Gruppe Frejlech.

HINWEIS: Fotos von der Präsentation finden Sie - etwas zeitverzögert
- auf der Website des Parlaments im
http://www.parlament.gv.at/pls/portal/url/PAGE/SK/FOTOALBUM/:
http://www.parlament.gv.at. (Schluss)

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: [email protected], Internet: http://www.parlament.gv.at

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