"Die Presse" Leitartikel: "Nobelpreis für eine Niederlage" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 13.10.2007

Wien (OTS) - Die Verheinzfischerung der Welt schreitet voran. Am Freitag erhielt Al "Heinz" Gore den Friedensnobelpreis.
Der österreichische Bundespräsident ist ein besonders gutes Beispiel für jenen Typus des öffentlichen Menschen, der heute am höchsten im Kurs steht: Es ist derjenige, der für das, was geschieht, keine Verantwortung trägt, aber ziemlich genau wüsste, was geschehen müsste, damit endlich alles gut wird. Fischer bekleidet im Unterschied zu den vielen Schauspielern, Künstlern, Schriftstellern und Ex-Politikern, die uns täglich mit brillanten Ratschlägen zur Lösung von Klima-, Kriegs- und Asylrechtsproblemen versorgen, auch noch ein politisches Amt. Das macht ihn für Medien wie ORF oder "Krone", die man inzwischen eigentlich nur noch als Großdealer von Politik-Ersatzdrogen verstehen kann, besonders attraktiv: "Endlich ein Politiker, der weiß, wie's geht", sagen die Junkies vor Glotze und Kleinformat, und es geht so: Man muss Humanität und Gesetzestreue vereinigen, das eine tun, das andere nicht lassen, zwar schon, aber auch, und überhaupt.
Faktum ist, dass die vermehrten Staatsfernsehauftritte des österreichischen Bundespräsidenten einen wesentlichen Beitrag zur Delegitimierung praktischer Politik in Österreich leisten. Der Mann, der in seiner politischen Karriere je nach Funktion alles gedeckt und verteidigt hat, was Gott verboten hat, von Kreiskys Wiesenthal-Kampagne bis zum Verfassungsmissbrauch der Großen Koalition, belehrt heute die Nation über die Segnungen des Grundsätzlichen für das Praktische. Und setzt sich laufend dem Verdacht aus, im Interesse des Parteipraktischen das Grundsätzliche zu instrumentalisieren.

Die verfassungsmäßig gut abgesicherte Rolle des über den Dingen stehenden Mahners, der aus dem Marmor des guten Willens prunkvolle Reliefs fertigt, in denen Bildungssysteme von äußerster Anmut, Verteidigungsdoktrinen von friedensstiftender Kraft und Asylrichtlinien von anrührender Güte das Auge des Betrachters umschmeicheln, ist natürlich ausgesprochen attraktiv.
Das hat sich inzwischen auch in der Wiener Innenstadt herumgesprochen. Alfred Gusenbauer hat weitgehend den präsidialen Habitus des Genossen Fischer übernommen und kommentiert die Politik seiner Regierung per ORF-Exklusivinterview mit dem Vokabular der handelsüblichen NGO-Erbauungsprosa, statt sie eventuell selber zu machen.
Das, was man die Verheinzfischerung der politischen Wirklichkeit nennen könnte oder auch die Delegitimierung praktischer Politik zu Gunsten der moralischen Rede, ist freilich kein rein österreichisches Phänomen. In ihrem geopolitischen Engagement zum Beispiel ist die Europäische Union so etwas wie der österreichische Bundespräsident im Großen: Wir tun zwar nie was, aber wir wissen immer, was die anderen besser getan hätten, solange man nicht allzu genau wissen will, wie. Auch Al Gore, unter Bill Clinton acht Jahre lang Vizepräsident der USA, kann man einschlägige Begabung nicht absprechen. Der Charismatiker, der unter Eingeweihten seit November 2000 als der "eigentliche" Präsident der Vereinigten Staaten gilt, kann darauf verweisen, dass Präsident Clinton auf seinen Druck hin kurz vor Ende der Amtszeit das Kyoto-Protokoll unterzeichnet hat, dessen Ratifizierung im US-Kongress von den Republikanern blockiert wurde. Hätte er die Wahl gewonnen, so sagt man heute, sähe die Welt im Allgemeinen, das Klima im Besonderen und die amerikanische Klimapolitik erst recht ganz anders aus. Nämlich so, wie sie Herr Gore jetzt fordert.

Denkende Gemüter wissen, dass dem nicht so ist. Realistisch betrachtet verdankt also Al Gore den Friedensnobelpreis, der ihm am Freitag zuerkannt wurde, nicht seiner Politik, sondern seiner Niederlage. Sie erst hat ihn in die Lage versetzt, all das zu fordern, was er als Präsident nicht annähernd zu leisten im Stande gewesen wäre. Die Praktiker unter den Politikern könnten jetzt meinen, Gore werde sich von der Nobelpreis-Trägerrakete mit achtjähriger Verspätung ins Amt katapultieren lassen. Die wirklichen Kenner des Geehrten winken freilich ab: Man könne nicht damit rechnen, dass Gore, der über die Jahre die Medien und den politischen Betrieb so hart kritisiert habe, sich der Meute, die ihn im Jahr 2000 gejagt hat, noch einmal stelle. Er sehe sich, wie es in einer Besprechung des Gore-Buchs "The Assault on Reason" in der "New York Review of Books" heißt, eher als "prophetischer Bürger".
Gerade das würde ihn für das Präsidentenamt prädestinieren. In Österreich.

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