- 12.10.2007, 18:21:02
- /
- OTS0294 OTW0294
"Die Presse" Leitartikel: "Nobelpreis für eine Niederlage" (von Michael Fleischhacker)
Ausgabe vom 13.10.2007
Wien (OTS) - Die Verheinzfischerung der Welt schreitet voran. Am
Freitag erhielt Al "Heinz" Gore den Friedensnobelpreis.
Der österreichische Bundespräsident ist ein besonders gutes Beispiel
für jenen Typus des öffentlichen Menschen, der heute am höchsten im
Kurs steht: Es ist derjenige, der für das, was geschieht, keine
Verantwortung trägt, aber ziemlich genau wüsste, was geschehen
müsste, damit endlich alles gut wird. Fischer bekleidet im
Unterschied zu den vielen Schauspielern, Künstlern, Schriftstellern
und Ex-Politikern, die uns täglich mit brillanten Ratschlägen zur
Lösung von Klima-, Kriegs- und Asylrechtsproblemen versorgen, auch
noch ein politisches Amt. Das macht ihn für Medien wie ORF oder
"Krone", die man inzwischen eigentlich nur noch als Großdealer von
Politik-Ersatzdrogen verstehen kann, besonders attraktiv: "Endlich
ein Politiker, der weiß, wie's geht", sagen die Junkies vor Glotze
und Kleinformat, und es geht so: Man muss Humanität und Gesetzestreue
vereinigen, das eine tun, das andere nicht lassen, zwar schon, aber
auch, und überhaupt.
Faktum ist, dass die vermehrten Staatsfernsehauftritte des
österreichischen Bundespräsidenten einen wesentlichen Beitrag zur
Delegitimierung praktischer Politik in Österreich leisten. Der Mann,
der in seiner politischen Karriere je nach Funktion alles gedeckt und
verteidigt hat, was Gott verboten hat, von Kreiskys
Wiesenthal-Kampagne bis zum Verfassungsmissbrauch der Großen
Koalition, belehrt heute die Nation über die Segnungen des
Grundsätzlichen für das Praktische. Und setzt sich laufend dem
Verdacht aus, im Interesse des Parteipraktischen das Grundsätzliche
zu instrumentalisieren.
Die verfassungsmäßig gut abgesicherte Rolle des über den Dingen
stehenden Mahners, der aus dem Marmor des guten Willens prunkvolle
Reliefs fertigt, in denen Bildungssysteme von äußerster Anmut,
Verteidigungsdoktrinen von friedensstiftender Kraft und
Asylrichtlinien von anrührender Güte das Auge des Betrachters
umschmeicheln, ist natürlich ausgesprochen attraktiv.
Das hat sich inzwischen auch in der Wiener Innenstadt
herumgesprochen. Alfred Gusenbauer hat weitgehend den präsidialen
Habitus des Genossen Fischer übernommen und kommentiert die Politik
seiner Regierung per ORF-Exklusivinterview mit dem Vokabular der
handelsüblichen NGO-Erbauungsprosa, statt sie eventuell selber zu
machen.
Das, was man die Verheinzfischerung der politischen Wirklichkeit
nennen könnte oder auch die Delegitimierung praktischer Politik zu
Gunsten der moralischen Rede, ist freilich kein rein österreichisches
Phänomen. In ihrem geopolitischen Engagement zum Beispiel ist die
Europäische Union so etwas wie der österreichische Bundespräsident im
Großen: Wir tun zwar nie was, aber wir wissen immer, was die anderen
besser getan hätten, solange man nicht allzu genau wissen will, wie.
Auch Al Gore, unter Bill Clinton acht Jahre lang Vizepräsident der
USA, kann man einschlägige Begabung nicht absprechen. Der
Charismatiker, der unter Eingeweihten seit November 2000 als der
"eigentliche" Präsident der Vereinigten Staaten gilt, kann darauf
verweisen, dass Präsident Clinton auf seinen Druck hin kurz vor Ende
der Amtszeit das Kyoto-Protokoll unterzeichnet hat, dessen
Ratifizierung im US-Kongress von den Republikanern blockiert wurde.
Hätte er die Wahl gewonnen, so sagt man heute, sähe die Welt im
Allgemeinen, das Klima im Besonderen und die amerikanische
Klimapolitik erst recht ganz anders aus. Nämlich so, wie sie Herr
Gore jetzt fordert.
Denkende Gemüter wissen, dass dem nicht so ist. Realistisch
betrachtet verdankt also Al Gore den Friedensnobelpreis, der ihm am
Freitag zuerkannt wurde, nicht seiner Politik, sondern seiner
Niederlage. Sie erst hat ihn in die Lage versetzt, all das zu
fordern, was er als Präsident nicht annähernd zu leisten im Stande
gewesen wäre. Die Praktiker unter den Politikern könnten jetzt
meinen, Gore werde sich von der Nobelpreis-Trägerrakete mit
achtjähriger Verspätung ins Amt katapultieren lassen. Die wirklichen
Kenner des Geehrten winken freilich ab: Man könne nicht damit
rechnen, dass Gore, der über die Jahre die Medien und den politischen
Betrieb so hart kritisiert habe, sich der Meute, die ihn im Jahr 2000
gejagt hat, noch einmal stelle. Er sehe sich, wie es in einer
Besprechung des Gore-Buchs "The Assault on Reason" in der "New York
Review of Books" heißt, eher als "prophetischer Bürger".
Gerade das würde ihn für das Präsidentenamt prädestinieren. In
Österreich.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






