• 03.10.2007, 18:09:21
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"Die Presse" Leitartikel: "Der heilige Sonntag und seine verlogenen Jünger" (von Franz Schellhorn)

Ausgabe vom 4.10.2007

Wien (OTS) - Wenn es um geschlossene Geschäfte am Sonntag geht,
haben Unwahrheiten und gepflegte Irrtümer Hochsaison.
Man glaubt es kaum: Während der Fußball-Europameisterschaft 2008
dürfen Geschäfte in Österreich tatsächlich auch sonntags aufsperren.
Allerdings nur von 12 bis 18 Uhr, und nur dort, wo es Herr und Frau
Landeshauptmann erlauben. Aber keine Sorge, eine flächendeckende
Ladenöffnung werde es auch in diesen drei Wochen keinesfalls geben,
wie Gewerkschafter und Wirtschaftskammer-Funktionäre umgehend
beruhigen. Allein diese Klarstellung zeigt, womit wir es hier zu tun
haben: mit einer sonderbar sensiblen Debatte. Höchste Zeit also, sich
wieder einmal den populärsten Argumenten der "Liga für den
flächendeckenden Ladenschluss am Sonntag" anzunehmen.
"Es gibt ohnehin keinen Bedarf", wie allen voran die
Wirtschaftskammer gerne erklärt (falls Sie ein im Ausland lebender
Leser sein sollten: Die Wirtschaftskammer ist nicht die
österreichische Bezeichnung für Gewerkschaft, sondern jene für die
Interessenvertretung der Arbeitgeber). Ein bemerkenswerter Gedanke.
Schon deshalb, weil er nicht mehr ganz neu und mehrfach widerlegt
ist. Dasselbe Argument wurde jahrelang gegen das Offenhalten der
Geschäfte am 8. Dezember sowie gegen den langen Einkaufssamstag ins
Rennen geschickt. Wir wollen das hier nicht weiter polemisieren, die
Bedarfsfrage wird ohnehin jeden Samstagnachmittag in der Wiener
Innenstadt bzw. in den am Sonntag offenen Lebensmittelketten
hinreichend geklärt.
Und falls es tatsächlich keinen großen Bedarf geben sollte, wird sich
die Ladenöffnung am Sonntag ohnehin bald von selbst erledigt haben.
Es sperrt nämlich genau niemand sein Geschäft auf, um kein Geschäft
zu machen. Das werden vermutlich auch Kammerfunktionäre wissen.
"Am siebten Tag sollst du ruhen." Da werden wir also plötzlich
wieder katholisch. In einem Land, in dem laut einer Imas-Umfrage
nicht einmal die Mehrheit der Katholiken an Gott glaubt, ist die
biblisch verordnete Sonntagsruhe strikt einzuhalten. Jene, die das
wollen, können das auch ganz einfach tun. Etwa, indem sie sonntags
niemals einen der offenen Billa-Läden betreten, schon gar nicht
Skilift fahren, samstags keinesfalls auf das Auftanken des geliebten
Autos vergessen, das Schnitzel gefälligst selber zubereiten (oder
noch besser: von der Frau kochen lassen), sich nur wochentags
ausrauben lassen (wie kommen schließlich Polizisten dazu, am siebten
Tag der Woche Dienst zu schieben?) und freilich ausschließlich von
Montag bis Samstag 18 Uhr krank werden.
"Man muss nicht alles mitmachen, nur um der Wirtschaft steigende
Geschäfte zu bescheren." Nein, muss man eh nicht. Das ist auch der
Kern der Debatte: Nicht alle müssen aufsperren, sie sollen vielmehr
die freie Wahl haben, also dürfen. Etwa, wenn sich Arbeitgeber mit
Arbeitnehmern auf akzeptable Bedingungen einigen und sie es dann noch
immer für lukrativ halten.
"Der Ladenschluss schützt die kleinen Geschäfte." Ja, ja . . . Und
weil das so ist, gehören die Marktanteile der großen Handelsketten in
Österreich als Land mit den am strengsten limitierten Öffnungszeiten
ja auch zu den höchsten in Europa. Wahr dürfte das genaue Gegenteil
sein: Wenn kleine Geschäfte flexibel öffnen dürfen, könnten sie ihre
Chancen besser nützen und leichter überleben. Das funktioniert
übrigens auf der ganzen Welt.
"Der offene Sonntag belastet die Familie und die sozialen Kontakte."
Vermutlich das beste Argument. Aber noch einmal: Österreich fällt
trotz des streng geschütztem Sonntags nicht gerade mit einer
niedrigen Scheidungsrate auf. Zudem werden nicht gleich
Hunderttausende zwangsweise an ihren Arbeitsplatz gezerrt. Und es
wird wohl auch niemand behaupten, die rund 673.000 Österreicher, die
heute schon sonntags regelmäßig arbeiten, wären sozial verstörte
Menschen und Familien-Zerstörer. Es zählt zu den großen Geheimnissen,
warum in Wien nicht gelingen soll, was in Tourismusgemeinden wie Zell
am See, Pörtschach oder Lech an den Sonntagen in der Saison klaglos
funktioniert.
"Die Mehrheit der Bürger will es nicht." Das könnte stimmen. Die
Mehrheit der Bürger wäre aber vermutlich auch für dafür,
Besserverdienern deutlich mehr als die Hälfte ihrer Einkommen
abknöpfen zu lassen. Die Mehrheit hält nämlich gemeinhin nicht sehr
viel von Minderheiten. Darum werden Letztere in zivilisierten
Gesellschaften auch geschützt. Und genau darum geht es: Wenn sich
eine Minderheit von Geschäftsleuten und Handelsangestellten darauf
verständigen sollte, am Sonntag zu arbeiten, sollten sie das auch tun
dürfen.
Der Staat hat nämlich kein Recht, Bürger für unmündig zu erklären und
ihnen die Vertragsfreiheit zu nehmen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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