- 24.05.2007, 17:27:24
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Klimawandel - Chancen und Herausforderungen für den Tourismus? Enquete im Parlament
Wien (PK) - In einer Parlamentarischen Enquete befassten sich
Abgeordnete, Bundesräte, Ministerialbeamte, ExpertInnen,
Tourismusreferenten und Vertreter von Tourismus-Organisationen mit
dem Thema "Klimawandel - Chancen und Herausforderungen für den
österreichischen Tourismus?".
Staatssekretärin Marek: Schnee-unabhänigen Tourismus forcieren
Das Einleitungsreferat hielt in Vertretung von Wirtschaftsminister
Bartenstein Staatssekretärin Christine Marek. Sie meinte, selbst die
größten Kritiker könnten nicht mehr ignorieren, dass ein Klimawandel
stattfindet. Es gebe keinen globalen Reduktionseffekt bei Emissionen,
weil die Schwellenländer immer noch zu weltweiten
Emissionssteigerungen beitragen. Der Anteil der EU an den
Emissionsausstößen betrug 14,75 % im Jahr 2004 und werde im Jahr 2030
auf 10 % sinken. Daran erkenne man, sagte sie, dass andere Länder
ihre Hausaufgaben noch zu machen haben. Der Klimawandel habe auch
Auswirkungen auf den österreichischen Tourismus, nicht nur auf die
Hotellerie und auf die Gastronomiebetriebe, sondern auf alles, was
tourismusrelevant ist.
Für den Tourismus habe der Klimawandel mehrere Seiten, so Marek. Auf
der einen Seite gelte es, Herausforderungen und Probleme im
Wintertourismus zu lösen, aber auch für den Sommertourismus gebe es
Chancen, die genutzt werden sollten. Laut einer bei der
Tourismustagung in Werfenweng vorgestellten Studie habe Österreich
neben der Einzigartigkeit der Landschaft vor allem aufgrund des
Klimas eine internationale Wettbewerbsposition. Auf Grund des
extremen Temperaturanstieges in den heute warmen Urlaubsländern
eröffne sich für den Sommertourismus eine große Chance.
Die aktuellste OECD-Studie zum Klimawandel in den Alpen spreche
davon, dass die Erwärmung der Alpen mit 2 bis 2,5 Grad bis zum Jahr
2040 doppelt so hoch ausfallen könnte wie der globale Durchschnitt.
Dies führe zu einem Rückzug des Schnees in deutlich höhere Lagen und
zu einer Reduktion der schneesicheren Schigebiete in den Alpen. Wenn
also in immer höher gelegene Schigebiete ausgewichen werden muss,
müsse entsprechend mehr investiert werden und das Buhlen um die Gäste
würde sich nicht nur auf regionalem und nationalem Niveau, sondern
massiv auf internationalem Niveau abspielen.
Zu der Frage, wie der Tourismus auf den Klimawandel reagieren könnte,
führte die Staatssekretärin aus, dass der schneeunabhängige
Wintertourismus (Städte-, Kur- und Gesundheitstourismus sowie Messe-
und Kulturtourismus)forciert werden müsse. Weiters sollten
Destinationen als Lifestyle-Marken aufgebaut werden. Man werde sich
zudem stärker um neue Quellmärkte bemühen müssen. Auch die künstliche
Beschneiung sei weiter auszubauen und die Kooperationen zwischen den
Betrieben und Regionen müssten verbessert werden. Eher heikel sei die
Frage der Erschließung der höheren Regionen für den Schitourismus.
Dem Sommertourismus biete der Klimawandel sehr viele Chancen, da
werde es die Umlenkung von Reiseströmen geben, weil in vielen
Regionen die Temperaturen zu hoch sind und Österreich auf Grund
seines milden Klimas attraktiv für den Sommertourismus sein kann. Für
die Ausflugsdestinationen sei die Saisonverlängerung im
Sommertourismus sicher ein wichtiges Thema. Sauberes Wasser, saubere
Luft und eine intakte Natur seien heute schon zentrale
Wettbewerbsvorteile für Österreich, der Alpenraum biete noch ein
großes Potenzial, meinte Marek abschließend.
Schenn: Klimaänderung führt zu Änderung des Reiseverhaltens
Klaus Schenn (SPÖ-Referent) strich heraus, dass im Rahmen des
Klimawandels kalte Witterungen seltener, warme Witterungen würden
stark zunehmen und extrem warme Witterungen häufiger werden. Als
Folge der Klimaänderung verändern sich die Jahreszeiten. Das Frühjahr
beginne früher und werde wärmer, der Sommer werde wärmer und länger,
der Herbst werde wärmer und ende später und der Winter werde milder
und kürzer. Die Extremereignisse, bedingt durch Hitze und
Trockenperioden, durch Niederschlagsextreme und Stürme, nehmen zu,
auch die touristische "Verwundbarkeit" steige.
Mit dem Fortschreiten der Klimaänderung erfolge eine Veränderung des
Reiseverhaltens, und zwar eine zeitliche, räumliche und eine
aktivitätsorientierte. Dass man sich anpassen muss, war dem
Referenten klar, diese Anpassung sollte durch Diversifikation, durch
zeitliche Expansion des Angebotes, durch räumliche Expansion und
durch den gemanagten Rückzug des Schitourismus erfolgen. Da es kein
Patentrezept für eine Tourismusanpassung gibt, brauche man regionale
touristische Klimafolgenanpassungsstrategien. Der Klimawandel,
unterstrich Schenn, sei keine plötzlich auftauchende
Einzelkatastrophe, sondern eine permanent stattfindende Veränderung
der Umwelt. Daher müsse man den Klimawandel akzeptieren, sich laufend
anpassen und am Klimaschutz aktiv teilnehmen.
Formayer: Klimawandel begünstigt Sommertourismus
Herbert Formayer (ÖVP-Referent) merkte an, dass die
Entscheidungsträger beginnen, die Klimaänderung ernst zu nehmen. Der
Redner befasste sich im Zusammenhang mit dem Wintertourismus mit der
Variabilität der Witterung und auch mit den besonders gefährdeten
Gebieten. Hiezu zählen Gipfel um 1.500 m, Schigebiete, die keine
Mittelstation kennen. Die Abnahme der Niederschlagsmenge und der
Niederschlagshäufigkeit seien günstige Bedingungen für den
Sommertourismus, vor allem für den Seen-, Donau- und Alpentourismus.
Die Hitzebelastung werde aber das Tourismusverhalten im Alpenraum
beeinflussen, da die Leute aus den Städten flüchten und sich
Veränderungen im Freizeitverhalten ergeben werden. Auch müsse der
Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre mitberücksichtigt werden,
daher habe der Tourismus auch einen Beitrag zur Reduktion von
Treibhausgasen zu leisten, und zwar durch die thermische Sanierung
von Hotels, durch Kraft-Wärme-Kopplungen in Wintersportorten, durch
Nutzung der Solarenergie auch im Wellnessbereich und durch verstärkte
Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Hlavac: Tourismuswirtschaft als Opfer und als Täter des Klimawnadels
Christian Hlavac (Referent der Grünen) unterstrich: "Der Klimawandel
findet statt, die Tourismuswirtschaft ist Opfer und Täter zugleich."
Aufgrund des Klimawandels werde die Sommersaison in den Alpen länger
und bedeutender und man werde in einigen Jahren, mutmaßte er, in den
Alpen vor Liftruinen stehen. In der Schweiz seien derzeit über 60
Anlagen wirtschaftlich nicht mehr rentabel, aus diesem Grund wurde
ein neues Seilbahngesetz beschlossen, das den Rückbau von
stillgelegten Anlagen verlangt. Eine solche gesetzliche Regelung
würde man nach Ansicht des Referenten auch in Österreich brauchen.
Außerdem sollte es eine Klimaverträglichkeitsprüfung geben, und auch
die touristische Mobilität vor Ort sei auszubauen. In Zukunft müsse
das Motto "Urlaub von Anfang an" lauten. Als Beispiel einer
geschlossenen Mobilitätskette nannte der Redner Werfenweng. Es habe
sich gezeigt, dass die Nachfrage hiefür vorhanden ist, weil die Zahl
der Übernachtungen zugenommen hat. Als notwendig sah er auch an, die
Kostenwahrheit in den Verkehrssystemen einzuführen.
Huber: Förderungen für Tourismus-Kleinbetriebe im ländlichen Raum
Er komme aus Lienz, also einem typischen vom Klimawandel betroffenen
Ort, erklärte einleitend Gerhard Huber (von der FPÖ nominierter
Referent). In seinem Referat konzentrierte er sich auf die
touristischen Familienbetriebe, die besonders unter den negativen
Auswirkungen der klimatischen Veränderungen zu leiden haben. Es
handle sich dabei um Klein- und Kleinstbetriebe mit maximal 30 bis 40
Betten, die unter die Kategorie 1- bis 3-Sterne fallen, oder um
Vermieter von privaten und gewerblichen Ferienwohnungen bzw. -zimmern
sowie um Urlaub am Bauernhof. Österreichweit gibt es davon rund
58.000 Betriebe mit 540.000 Betten, die jährlich - bei 39 Millionen
Nächtigungen - 7,5 Millionen Gäste beherbergen; dies sei ein Drittel
des österreichischen Tourismus. Es sei sehr wichtig, diese
touristischen Familienbetriebe, von denen rund 200.000 Menschen
abhängen, im ländlichen Raum zu erhalten, unterstrich Huber. Im
Hinblick auf den Klimawandel solle man nicht vergessen, dass die
Personen, die in diesen Betrieben tätig sind, ihren Arbeitsplatz zu
Hause haben und somit auch keinen Verkehr verursachen. Huber forderte
zudem die Politik auf, diesen Menschen zusätzliche Förderprogramme
und Weitbildungsmaßnahmen anzubieten, um auf die neuen Verhältnisse
reagieren zu können, sowie die Installierung einer gemeinsamen
Interessenvertretung.
Steininger: "Die Alpen sind speziell verwundbar"
Der Grazer Universitätsprofessor Karl Steininger (vom BZÖ nominiert)
ging in seiner Rede auf die volkswirtschaftlichen Aspekte des
Klimawandels auf den Tourismus ein. Der direkte Wertschöpfungsanteil
des Tourismus in Österreich betrage 6,5 %, bzw. wenn man die
indirekten Effekte hinzuzählt sogar 9 %. Damit liege man im Vergleich
zu den anderen Industrieländern an erster Stelle, was den Anteil des
Tourismus am BIP angeht, hob Steininger hervor. Die Wetterbedingungen
und die Schneelage im Winter hätten natürlich eine Auswirkung auf die
Saison und auf die Arbeitslosenzahlen, zumal in einzelnen Gemeinden
bis zu 80 % der Beschäftigten im Tourismus tätig sind. Die
Freizeitwirtschaft müsse sich an die neuen Bedingungen anpassen, und
zwar zunächst einmal auf die Niederschlagsänderungen sowie auf die
Erwärmung um 0,2 Grad pro Dekade bis 2050. Danach hänge es davon ab,
welche Maßnahmen heute ergriffen werden, erklärte Steininger, die
Prognosen gehen von einer Temperaturerhöhung zwischen 1,8 und 4 Grad
aus.
Im Alpenraum könne man davon ausgehen, dass es keine geschlossene
Schneedecke unter 1.500 Meter mehr geben wird; eine Schneesicherheit
(eine Schneedecke von 30-50 cm an zumindest 100 Tagen zwischen dem 1.
Dezember und 15. April, in 7 von 10 Wintern) werde es nicht mehr
unter 1.800 Meter geben. Gleichzeitig habe man festgestellt, dass die
Gletscher (bis 3000 Meter) noch früher als man bisher dachte, und
zwar bis zum Jahr 2035 wegschmelzen werden. Bezüglich der
Auswirkungen auf den Sommertourismus gebe es noch nicht so viele
Untersuchungen, räumte Steininger ein. Man wisse lediglich, dass die
erwartete Temperaturerwärmung im Mittelmeerraum (teilweise über 40
Grad) dazu führen wird, dass der bisherige Tourismusstrom (vom Norden
in den Süden) teilweise in den Norden, d.h. auch nach Österreich,
umgelenkt wird.
In einzelnen Jahren würden bestimmte Tourismusformen auch empfindlich
auf die zunehmenden extremen Wetterereignisse, z.B. Hitzewellen,
Hochwasser, Lawinen, Muren etc. reagieren. Da die Betroffenheit in
den einzelnen Gebieten sehr unterschiedlich ist, gelte es,
spezifische Adaptionsstrategien und Gesamtkonzepte für die Regionen
zu entwickeln, wünschte sich Steininger. Auch im Rahmen des Energie-
und Klimafonds sollte es eine Programmlinie geben, die spezielle
Förderungen für Anpassungsmaßnahmen vorsieht. Abschließend stellte er
fest, dass die Alpen speziell verwundbar sind, dass der Einfluss des
Klimawandels in verschiedenen Dimensionen bereits feststellbar sei,
dass sich die beobachteten Trends verstärken werden, dass die
Verluste im Wintertourismus durch Zugewinne im Sommertourismus
ausgeglichen werden können, aber nur dann, wenn wirksame
Anpassungsmaßnahmen durchgeführt werden.
Die Statements der Tourismussprecher
Abgeordnete Melitta Trunk (S) sprach von einem dringenden
Handlungsbedarf der Politik auf allen Ebenen im Sinne einer
nachhaltigen, ökologischen, sozialen und ökonomischen
Werteorientierung in der Freizeitwirtschaft. Die Experten haben heute
ganz klar auf die sichtbaren Auswirkungen des kontinuierlichen
nachlässigen Umgangs mit der Umwelt im globalen Zusammenhang
hingewiesen. Nunmehr gehe es darum, die Konsequenzen zu ziehen und
Maßnahmen zu setzen, die von der Evaluierung und Änderung von
Förderrichtlinien, einer sehr klaren Prioritätensetzung im Bereich
der Infrastruktur bis hin zur Erstellung eines Masterplans für die
österreichische Freizeit- und Tourismuswirtschaft reichen.
Die Debatte über den Klimawandel in den letzten Monaten schwankte je
nach Interessenlage zwischen Hysterie und Verharmlosung, konstatierte
Abgeordneter Franz Hörl (V). Die Einschätzung sei manchmal auch
schwierig, da Schigebiete, die im Winter gar nicht in Betrieb waren,
Schiregionen gegenüberstehen, die enorme Umsatzsteigerungen
aufweisen. Aus seiner Sicht sei es auch kein großes Problem, wenn in
den nächsten 20 Jahren der Wintertourismus zahlenmäßig den
Sommertourismus überhole; diese Entwicklung habe Tirol in den letzten
20 Jahren bereits durchgemacht. Es sei auch sachlich falsch, dass das
Wetter in den letzten Jahren viel extremer geworden ist. Seiner
Auffassung nach gehe es vor allem darum, den Unternehmen mehr
Freiheiten einzuräumen und sie von Bürokratie zu entlasten, damit sie
in der Lage sind, die jeweiligen Probleme zu lösen. Außerdem müssen
mit der gebotenen Gelassenheit und Konsequenz jene ökologischen
Maßnahmen gesetzt werden, die der Erderwärmung entgegensteuern. Da es
sich allerdings um ein globales Problem handelt, könnten die
österreichischen Aktivitäten nur symbolischen und
bewusstseinsbildenden Charakter haben. Der Klimawandel könne jedoch
als Chance für den Tourismus und auch für die österreichische
Wirtschaft, die gerade auf dem Sektor der Umwelttechnologie zu den
innovativsten der Welt gehöre, gesehen werden; dieser
Wirtschaftszweig wachse mit 7,3 % pro Jahr.
Da es den Klimawandel immer gegeben habe und auch immer geben werde,
geht es für Abgeordnete Gabriela Moser (G) vor allem darum,
einerseits auf die Auswirkungen richtig zu reagieren und andererseits
die Energieeffizienz zu erhöhen. Angesichts der Energieengpässe sei
es ein Gebot der Stunde, auch die Tourismusindustrie fit für die
Zukunft zu machen und bei Investitionen Klimaverträglichkeits-
Prüfungen durchzuführen. Weiters sprach sich Moser für die Förderung
des Inlands- und Nachbarschaftstourismus, der sanften Mobilität sowie
für kreative Lösungen und Modelle in Bezug auf die Anreise zum
Urlaubsort aus. Sie könnte sich auch vorstellen, dass der Staatspreis
für Tourismus an jene Betriebe verliehen wird, die innovative
Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel entwickelt haben.
Auch für Abgeordneten Gerald Hauser (F) steht es außer Streit, dass
der Klimawandel stattfindet und eine Herausforderung für die
Freizeitwirtschaft darstellt. Die Politik sei nun aufgefordert, die
negativen Auswirkungen einzubremsen und die Betriebe durch
zusätzliche Förderungen zu unterstützen, damit vor allem die kleinen
Familienunternehmen die notwendigen Investitionen in die
Infrastruktur vornehmen können.
Österreich sei an einer Wegscheide angekommen und es sei nun der
richtige Zeitpunkt, den heimischen Tourismus grundsätzlich und
strategisch völlig neu auszurichten, meinte Abgeordneter Josef Bucher
(B). Wenn man sich die Wortmeldungen der Experten anhört, dann stehen
für ihn vor allem drei Maßnahmen im Vordergrund. Erstens gehe es um
die Erstellung eines Masterplans für die nächsten zehn Jahre, der die
gesamtheitliche Betrachtung des Tourismus mit einschließt. Dieses
Vorhaben könnte in einem Unterausschuss vorbereitet werden, schlug
Bucher vor, und letztlich in einem Bundestourismusgesetz seinen
Ausdruck finden. Es sollte seiner Meinung nach auch eine
Koordinationsstabstelle eingerichtet und gewisse Kompetenzen von den
Ländern an den Bund übertragen werden. Drittens schlug Bucher als
kurzfristige Maßnahme "eine Auffettung" des Budgets der Österreich-
Werbung vor.
HINWEIS: Eine noch ausführliche Zusammenfassung der Enquete finden
Sie auf der Homepage des Parlaments (http://www.parlament.gv.at),
Menüpunkt Aktuelles, Pressedienst. (Schluss)
Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
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