Niederwieser: Finnisches Modell der gemeinsamen Schule vorbildhaft

Wien (SK) - "Es gibt Bereiche, die das Thema gemeinsame Schule brandheiß machen", betonte der SPÖ-Bildungssprecher am Montag im Rahmen einer Veranstaltung gemeinsam mit dem finnischen Bildungsexperten Rainer Domisch. Einerseits werde der Druck auf Kinder in der dritten und vierten Klasse Volksschule immer größer -immerhin seien diese Klassen entscheidend, ob man in ein Gymnasium oder eine Hauptschule kommt-, und andererseits stelle die steigende Heterogenität unter Schülern das Bildungssystem vor neue Herausforderungen, erklärte Niederwieser. Bei den Koalitionsverhandlungen habe man mit der ÖVP auch beim Thema Schule gerungen. Die Formulierung betreffend der Schule der Zehn- bis Fünfzehnjährigen zeige, dass ein Grundstein gelegt wurde, das Bildungssystem zu ändern. ****

PISA-Sieger Finnland sei vorbildhaft, so Niederwieser, dort wolle man keinesfalls mehr von der gemeinsamen Schule abrücken, diese Schulform habe "in der allgemeinen Überzeugung Platz gegriffen". Wie intensiv die Diskussion in Österreich um die gemeinsame Schule geführt werde, zeige alleine die Flut an Presseaussendungen der letzten Wochen zu diesem Thema, unterstrich Niederwieser, dabei würden die Auffassungen und der Wissensstand, was eine gemeinsame Schule eigentlich sei, stark differenzieren. Es sei daher wichtig, endlich zu definieren, "wohin wir eigentlich wollen". Deshalb habe die "Initiative Bildung aktuell" Rainer Domisch eingeladen, um anhand des finnischen Modells einen Eindruck zu gewinnen.

Domisch: Weg vom Lehren, hin zum Lernen

"Schulreformen fallen nicht vom Himmel. Sie müssen politisch gewollt sein", bemerkte Rainer Domisch vom Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki. In Finnland habe die Diskussion um die gemeinsame Schule bereits in den Sechzigern stattgefunden. Das Thema wurde zwischen 1964 und 1968 im Parlament behandelt, eingeführt wurde die gemeinsame Schule 1972. Die zentrale Fragestellung zu Beginn der Diskussion lautete: Wie kann man Chancengleichheit für alle im Bildungsbereich verwirklichen? Man habe sich für das Modell der gemeinsamen Schule entschieden und eine hohe Verantwortlichkeit der Kommunen im Schulbereich verwirklicht. Seither habe man das Modell stetig weiterentwickelt, betonte der Bildungsexperte. Insbesondere in den 80ern und 90ern kam es zu Reformen, so wurden beispielsweise die Niveaukurse abgeschafft, die Lehrpläne erneuert und die Evaluierung anstatt der Schulinspektion eingeführt.

Neben der Ermöglichung der Chancengleichheit stand in Finnland auch die Frage im Mittelpunkt, wie man einerseits den Wohlfahrtsstaat erhalten könne und andererseits Konkurrenzfähig bleibe. Deshalb habe man in den Schulen bereits vor anderen Staaten auf Informationstechnologien gesetzt, den Sprachunterricht verbessert und die Naturwissenschaften den modernen Gegebenheiten angepasst.

Ziel einer modernen Schule müsse es sein, so Domisch, dass man weg vom Lehren und hin zum Lernen gehe. In Finnland stehe im Mittelpunkt, wie man am besten mit unterschiedlichen Lernern umgehe. Es dürfe kein Kind ausgegrenzt oder beschämt werden. Man wolle ein Umfeld des "Wohlbefindens" schaffen, wo angstfrei gelernt werden könne und der Bildungsweg für alle soweit wie möglich offen stehe. Auch die Gesellschaft profitiere von der Gesamtschule, argumentierte Domisch. So habe sich in Studien gezeigt, dass Jugendliche, die in der Schulzeit kaum Konkurrenzkampf ausgesetzt gewesen wären, optimistischer und gestärkter ins Berufsleben eintreten würden.

Zur PISA-Studie merkte Domisch an, dass sich gezeigt habe, dass große Kulturnationen wie Deutschland relativ schlecht abeschnitten hätten. Grund sei, so Domisch, dass man "Begabungen wegwirft", wenn man zu früh auf einzelne Schultypen aufteile. Überdies sei es vorteilhaft, ein hohes Niveau an alle Schüler zu stellen, denn dies hebe das Gesamtniveau. Nicht verständlich sei für ihn auch, warum Eltern Geld in Nachhilfe investieren müssten und so für etwas bezahlen, was eigentlich die Schule leisten müsse. (Schluss) sw

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