- 10.05.2007, 16:08:24
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"Nützliches Wissen" - Treibstoff des Wirtschaftswachstums
Wien (OTS) - Joel Mokyr, Northwestern University, USA - einer der
führenden Wirtschaftshistoriker bei der derzeit laufenden Science
Impact Conference des FWF - bringt in seinem Beitrag interessante
Anhaltspunkte, wie Wissen - historisch betrachtet - wirkt.
In den vergangenen zwei Jahrhunderten hat sich die
Wirtschaftsleistung pro Kopf dramatisch erhöht. Und zwar nachhaltig
und in einer Art und Weise wie noch nie zuvor in der Geschichte. Am
Beginn dieser Entwicklung stand die Industrielle Revolution - und
Technologie war und ist ein zentraler Faktor dieser Dynamik. "Der
technologische Fortschritt wurde aus vielen Quellen gespeist, doch
eine notwendige Voraussetzung dafür war 'nützliches Wissen'", betont
der US-Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr von der Northwestern
University bei Chicago, der bei der vom Wissenschaftsfonds FWF
veranstalteten Konferenz "Science Impact" die Entstehung des modernen
Wirtschaftswachstums und die Rolle von "nützlichem Wissen" und
Wissenschaft dabei beleuchtet.
Hochkarätige in- und ausländische Experten diskutieren bei der vom
FWF in Kooperation mit der European Science Foundation organisierten
internationalen Konferenz "Science Impact - Rethinking the Impact of
Basic Research on Society and the Economy" am 10. und 11. Mai 2007 in
Wien die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Grundlagenforschung,
Gesellschaft und Wirtschaft.
Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt: Wirtschaft kann auch ohne
technologischen Fortschritt wachsen. Auch "verbesserte Institutionen"
können zum Aufschwung beitragen, verweist Mokyr auf Faktoren wie
Frieden, Recht und Ordnung, gesicherte Eigentumsverhältnisse, etc.
Vor 1750 sind Phasen der Prosperität vor allem auf solche
Verbesserungen zurückzuführen. So basierte etwa der Wohlstand des
Römischen Reiches oder die florierenden mittelalterlichen
italienischen und flämischen Städte auf Fortschritten im Handel.
Mokyr will damit nicht sagen, dass vor der Industriellen
Revolution die Technologie einen unwichtigen Einfluss auf das
Wachstum gehabt hat. Auch das mittelalterliche Europa war eine
innovative Gesellschaft, in der es viele bedeutende Fortschritte
gegeben hat, etwa die Erfindung der beweglichen Lettern oder
mechanischer Uhren. Noch mehr wurden Erfindungen anderer
Gesellschaften übernommen, wie Papier oder verbesserte
Navigationsinstrumente. "Doch der Einfluss dieser Innovationen war
nicht allzu groß", so Mokyr, der den Hauptgrund dafür im geringen
Wissensstand der damaligen Zeit sieht.
"Die Welt vor 1750 produzierte, und sie produzierte gut. Aber es
war eine Welt von Maschinenbau ohne Mechanik, Eisenproduktion ohne
Metallurgie, Landwirtschaft ohne Bodenkunde, Bergbau ohne Geologie,
Wasserkraft ohne Hydraulik und Medizin ohne Mikrobiologie", so Mokyr.
Neue Techniken tauchten auf, aber sie waren das Ergebnis von Versuch
und Irrtum, von glücklichen Zufällen. Es wurde einfach nicht genug
gewusst, um nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erzielen, das auf
technologischem Fortschritt beruht.
Das war so, weil die meiste Zeit in der Geschichte hoch gebildete
Menschen, die an der Front der Wissenschaft standen, sich nicht mit
praktischen Angelegenheiten befassten. Erst im Zeitalter der
Aufklärung änderte sich das. Francis Bacon (1561-1626) entwarf mit
dem ihm zugeschriebenen Ausspruch "Wissen ist Macht" eine Idee, Mokyr
nennt es das Bacon’sche Programm, die später die Naturwissenschaft
weitgehend bestimmt hat: ihre praktische Nutzanwendung mit dem Ziel,
die Natur im Interesse des Fortschritts zu beherrschen.
Die Akzeptanz dieses Bacon’schen Programms war wesentlicher
Bestandteil der Aufklärung, die sich in Folge zur "Industriellen
Aufklärung" entwickelte, wie Mokyr dieses Phänomen nennt. Den Ideen
Bacons folgend wandten viele Wissenschafter ihr Interesse angewandten
Problemen zu. Als Beispiele nennt Mokyr die Royal Society in England,
aber auch die Arbeit einzelner Wissenschafter.
Eine große Zahl der wesentlichen Akteure dieser Entwicklung waren
"Amateure" - in dem Sinn, dass sie nicht bzw. kaum durch das Streben
nach Profit motiviert waren. Stattdessen gab es viele
"Gentlemen-Experten", wie Mokyr sie nennt. Leute, die
wissenschaftlich führend waren, aber nicht davon lebten, und durch
Ehrgeiz, Altruismus und Neugierde motiviert waren.
Neue, bessere Werkzeuge und Instrumente steigerten in dieser Zeit
die Fähigkeiten der Wissenschafter. Dies führte gemeinsam mit
Fortschritten in der Mathematik und ihrer Anwendung in der Technik
sowie verbesserten experimentellen Methoden zu schlichtweg besserer
Forschung.
Entscheidend waren auch neue Verbreitungsmechanismen für das
Wissen: horizontal zwischen Wissenschaftern, Handwerkern und
Technikern sowie vertikal zwischen den einzelnen Fachgebieten. Dabei
halfen wissenschaftliche Gesellschaften und Akademien, Vorlesungen,
persönliche Korrespondenzen und Netzwerke sowie die Mobilität der
Handwerker. Aber auch Enzyklopädien, für Mokyr die "Suchmaschinen"
der Aufklärung, technische Handbücher, billigere Bücher, Bibliotheken
und wissenschaftliche und technische Periodika taten das ihre.
Doch "nützliches Wissen" sollte nicht mit Wissenschaft oder
Technologie gleichgesetzt werden, meint Mokyr. Es geht vielmehr um
die Kombination verschiedener Arten des Wissens - einerseits
Hintergrundwissen über die Phänomene und Gesetzmäßigkeiten der Natur
(Wissenschaft und mehr), andererseits Funktionswissen, also
Anleitungen oder Rezepte, wie etwas funktioniert (Technik, Methoden,
etc.).
Bedeutend für den technologischen Fortschritt ist das Verhältnis
zwischen diesen beiden Wissens-Arten. "Je mehr wir wissen, warum eine
bestimmte Technologie funktioniert, desto wahrscheinlicher ist es,
dass sie den Durchbruch schafft, desto billiger ist die Forschung und
desto leichter können wir sie verbessern und für andere Anwendungen
adaptieren", so Mokyr.
Der Wirtschaftshistoriker nennt noch eine weitere
Schlüssel-Innovation der "Industriellen Aufklärung": die
Brückenbildung zwischen der Welt des Wissens und der Welt der
Produktion, zwischen Gelehrten und Fabrikanten. Im Europa der
Aufklärung tauchte eine Personengruppe auf, die es sich zur Aufgabe
machte, solche Brücken zu bauen. Vertreter einer "dualen Karriere",
die ihre Fähigkeiten und Einsichten aus wissenschaftlicher Arbeit für
"banale" Probleme der Produktion einsetzten, waren u.a. Benjamin
Franklin, Count Rumford und Antoin Lavoisier.
Vor 1800 funktionierte das Bacon’sche Programm noch nicht sehr
gut, die meisten Versprechungen der Mathematik, Chemie, Mechanik,
etc. enttäuschten. Viele Erfindungen hingen nur wenig von den
wissenschaftlichen Fortschritten ab, weil man einfach noch zu wenig
wusste.
"Aber man glaubte, dass sich Investitionen in 'nützliches Wissen'
langfristig auszahlen", so Mokyr - und dieser Optimismus rechnete
sich. Zwischen 1815 und 1860 beeinflusste "nützliches Wissen" die
Produktion in zahlreichen Industriezweigen. Das Ergebnis waren
anhaltender technologischer Fortschritt in verschiedenen Gebieten
(z.B. verbesserte Dampfmaschinen), neue Anwendungen, Adaptierungen
und Rekombinationen existierender Technologien (etwa das Dampfschiff)
sowie das Auftauchen völlig neuer Technologien, die auf neuem
"nützlichen Wissen" basierten (z. B. Telegrafie).
Viele Faktoren mussten zusammenspielen, um das europäische
Wirtschaftswunder in Gang zu setzen. Ein wesentlicher Bestandteil war
"nützliches Wissen". Damit wurde ein wirtschaftlicher Prozess mit
einer Dynamik ausgelöst, die es bisher noch nie gegeben hat. Nicht
nur, dass das Wachstum schneller und auch geografisch breiter als je
zuvor war, es war auch nachhaltig.
Es überstand selbst das für die westliche Welt so katastrophale
20. Jahrhundert. Trotz aller Rückschläge war der Motor, der diesen
"Okzident-Express" antrieb, so kraftvoll geworden, dass er leicht die
Hindernisse dieser Zeit aus dem Weg räumte.
Treibstoffe dieser Fahrt waren "nützliches Wissen" und
technologischer Fortschritt . Doch dieser kann, so Mokyr, "nur
nachhaltig sein, wenn es ein kontinuierliches Feedback mit der
Wissenschaft gibt".
Grundlagenforschung ist für Mokyr ein zentrales Element im
wirtschaftlichen Wandel, "weil sie uns hilft zu verstehen, warum
etwas, das funktioniert, dies tatsächlich tut. Sobald wir das
verstehen, ist es einfacher, zu erweitern und durch Feineinstellung
zu optimieren. "Fast das gesamte Produktivitätswachstum kommt von
diesem Prozess der Verbesserung durch Feineinstellung", den Mokyr
"Mikro-Erfindungen" nennt. Grundlagenforschung hilft aber auch, so
der Wirtschaftshistoriker, Sackgassen zu vermeiden.
Rückfragehinweis:
Mag. Stefan Bernhardt, MBA
Tel.: +43 1 5056740 DW 8111
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