"Nützliches Wissen" - Treibstoff des Wirtschaftswachstums

Wien (OTS) - Joel Mokyr, Northwestern University, USA - einer der führenden Wirtschaftshistoriker bei der derzeit laufenden Science Impact Conference des FWF - bringt in seinem Beitrag interessante Anhaltspunkte, wie Wissen - historisch betrachtet - wirkt.

In den vergangenen zwei Jahrhunderten hat sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf dramatisch erhöht. Und zwar nachhaltig und in einer Art und Weise wie noch nie zuvor in der Geschichte. Am Beginn dieser Entwicklung stand die Industrielle Revolution - und Technologie war und ist ein zentraler Faktor dieser Dynamik. "Der technologische Fortschritt wurde aus vielen Quellen gespeist, doch eine notwendige Voraussetzung dafür war 'nützliches Wissen'", betont der US-Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr von der Northwestern University bei Chicago, der bei der vom Wissenschaftsfonds FWF veranstalteten Konferenz "Science Impact" die Entstehung des modernen Wirtschaftswachstums und die Rolle von "nützlichem Wissen" und Wissenschaft dabei beleuchtet.

Hochkarätige in- und ausländische Experten diskutieren bei der vom FWF in Kooperation mit der European Science Foundation organisierten internationalen Konferenz "Science Impact - Rethinking the Impact of Basic Research on Society and the Economy" am 10. und 11. Mai 2007 in Wien die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Grundlagenforschung, Gesellschaft und Wirtschaft.
Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt: Wirtschaft kann auch ohne technologischen Fortschritt wachsen. Auch "verbesserte Institutionen" können zum Aufschwung beitragen, verweist Mokyr auf Faktoren wie Frieden, Recht und Ordnung, gesicherte Eigentumsverhältnisse, etc. Vor 1750 sind Phasen der Prosperität vor allem auf solche Verbesserungen zurückzuführen. So basierte etwa der Wohlstand des Römischen Reiches oder die florierenden mittelalterlichen italienischen und flämischen Städte auf Fortschritten im Handel.

Mokyr will damit nicht sagen, dass vor der Industriellen Revolution die Technologie einen unwichtigen Einfluss auf das Wachstum gehabt hat. Auch das mittelalterliche Europa war eine innovative Gesellschaft, in der es viele bedeutende Fortschritte gegeben hat, etwa die Erfindung der beweglichen Lettern oder mechanischer Uhren. Noch mehr wurden Erfindungen anderer Gesellschaften übernommen, wie Papier oder verbesserte Navigationsinstrumente. "Doch der Einfluss dieser Innovationen war nicht allzu groß", so Mokyr, der den Hauptgrund dafür im geringen Wissensstand der damaligen Zeit sieht.

"Die Welt vor 1750 produzierte, und sie produzierte gut. Aber es war eine Welt von Maschinenbau ohne Mechanik, Eisenproduktion ohne Metallurgie, Landwirtschaft ohne Bodenkunde, Bergbau ohne Geologie, Wasserkraft ohne Hydraulik und Medizin ohne Mikrobiologie", so Mokyr. Neue Techniken tauchten auf, aber sie waren das Ergebnis von Versuch und Irrtum, von glücklichen Zufällen. Es wurde einfach nicht genug gewusst, um nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erzielen, das auf technologischem Fortschritt beruht.

Das war so, weil die meiste Zeit in der Geschichte hoch gebildete Menschen, die an der Front der Wissenschaft standen, sich nicht mit praktischen Angelegenheiten befassten. Erst im Zeitalter der Aufklärung änderte sich das. Francis Bacon (1561-1626) entwarf mit dem ihm zugeschriebenen Ausspruch "Wissen ist Macht" eine Idee, Mokyr nennt es das Bacon’sche Programm, die später die Naturwissenschaft weitgehend bestimmt hat: ihre praktische Nutzanwendung mit dem Ziel, die Natur im Interesse des Fortschritts zu beherrschen.

Die Akzeptanz dieses Bacon’schen Programms war wesentlicher Bestandteil der Aufklärung, die sich in Folge zur "Industriellen Aufklärung" entwickelte, wie Mokyr dieses Phänomen nennt. Den Ideen Bacons folgend wandten viele Wissenschafter ihr Interesse angewandten Problemen zu. Als Beispiele nennt Mokyr die Royal Society in England, aber auch die Arbeit einzelner Wissenschafter.

Eine große Zahl der wesentlichen Akteure dieser Entwicklung waren "Amateure" - in dem Sinn, dass sie nicht bzw. kaum durch das Streben nach Profit motiviert waren. Stattdessen gab es viele "Gentlemen-Experten", wie Mokyr sie nennt. Leute, die wissenschaftlich führend waren, aber nicht davon lebten, und durch Ehrgeiz, Altruismus und Neugierde motiviert waren.

Neue, bessere Werkzeuge und Instrumente steigerten in dieser Zeit die Fähigkeiten der Wissenschafter. Dies führte gemeinsam mit Fortschritten in der Mathematik und ihrer Anwendung in der Technik sowie verbesserten experimentellen Methoden zu schlichtweg besserer Forschung.

Entscheidend waren auch neue Verbreitungsmechanismen für das Wissen: horizontal zwischen Wissenschaftern, Handwerkern und Technikern sowie vertikal zwischen den einzelnen Fachgebieten. Dabei halfen wissenschaftliche Gesellschaften und Akademien, Vorlesungen, persönliche Korrespondenzen und Netzwerke sowie die Mobilität der Handwerker. Aber auch Enzyklopädien, für Mokyr die "Suchmaschinen" der Aufklärung, technische Handbücher, billigere Bücher, Bibliotheken und wissenschaftliche und technische Periodika taten das ihre.

Doch "nützliches Wissen" sollte nicht mit Wissenschaft oder Technologie gleichgesetzt werden, meint Mokyr. Es geht vielmehr um die Kombination verschiedener Arten des Wissens - einerseits Hintergrundwissen über die Phänomene und Gesetzmäßigkeiten der Natur (Wissenschaft und mehr), andererseits Funktionswissen, also Anleitungen oder Rezepte, wie etwas funktioniert (Technik, Methoden, etc.).

Bedeutend für den technologischen Fortschritt ist das Verhältnis zwischen diesen beiden Wissens-Arten. "Je mehr wir wissen, warum eine bestimmte Technologie funktioniert, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie den Durchbruch schafft, desto billiger ist die Forschung und desto leichter können wir sie verbessern und für andere Anwendungen adaptieren", so Mokyr.

Der Wirtschaftshistoriker nennt noch eine weitere Schlüssel-Innovation der "Industriellen Aufklärung": die Brückenbildung zwischen der Welt des Wissens und der Welt der Produktion, zwischen Gelehrten und Fabrikanten. Im Europa der Aufklärung tauchte eine Personengruppe auf, die es sich zur Aufgabe machte, solche Brücken zu bauen. Vertreter einer "dualen Karriere", die ihre Fähigkeiten und Einsichten aus wissenschaftlicher Arbeit für "banale" Probleme der Produktion einsetzten, waren u.a. Benjamin Franklin, Count Rumford und Antoin Lavoisier.

Vor 1800 funktionierte das Bacon’sche Programm noch nicht sehr gut, die meisten Versprechungen der Mathematik, Chemie, Mechanik, etc. enttäuschten. Viele Erfindungen hingen nur wenig von den wissenschaftlichen Fortschritten ab, weil man einfach noch zu wenig wusste.

"Aber man glaubte, dass sich Investitionen in 'nützliches Wissen' langfristig auszahlen", so Mokyr - und dieser Optimismus rechnete sich. Zwischen 1815 und 1860 beeinflusste "nützliches Wissen" die Produktion in zahlreichen Industriezweigen. Das Ergebnis waren anhaltender technologischer Fortschritt in verschiedenen Gebieten (z.B. verbesserte Dampfmaschinen), neue Anwendungen, Adaptierungen und Rekombinationen existierender Technologien (etwa das Dampfschiff) sowie das Auftauchen völlig neuer Technologien, die auf neuem "nützlichen Wissen" basierten (z. B. Telegrafie).

Viele Faktoren mussten zusammenspielen, um das europäische Wirtschaftswunder in Gang zu setzen. Ein wesentlicher Bestandteil war "nützliches Wissen". Damit wurde ein wirtschaftlicher Prozess mit einer Dynamik ausgelöst, die es bisher noch nie gegeben hat. Nicht nur, dass das Wachstum schneller und auch geografisch breiter als je zuvor war, es war auch nachhaltig.

Es überstand selbst das für die westliche Welt so katastrophale 20. Jahrhundert. Trotz aller Rückschläge war der Motor, der diesen "Okzident-Express" antrieb, so kraftvoll geworden, dass er leicht die Hindernisse dieser Zeit aus dem Weg räumte.

Treibstoffe dieser Fahrt waren "nützliches Wissen" und technologischer Fortschritt . Doch dieser kann, so Mokyr, "nur nachhaltig sein, wenn es ein kontinuierliches Feedback mit der Wissenschaft gibt".

Grundlagenforschung ist für Mokyr ein zentrales Element im wirtschaftlichen Wandel, "weil sie uns hilft zu verstehen, warum etwas, das funktioniert, dies tatsächlich tut. Sobald wir das verstehen, ist es einfacher, zu erweitern und durch Feineinstellung zu optimieren. "Fast das gesamte Produktivitätswachstum kommt von diesem Prozess der Verbesserung durch Feineinstellung", den Mokyr "Mikro-Erfindungen" nennt. Grundlagenforschung hilft aber auch, so der Wirtschaftshistoriker, Sackgassen zu vermeiden.

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