DER STANDARD - Kommentar: Feiern wir die ORF-Reform - von Harald Fidler

Bedenken wir die guten Seiten der erneuerten Anstalt - inklusive Quotenschwund - Ausgabe vom 10.5.07

Wien (OTS) - Eine der letzten Verteidigungslinien der ORF-Führung verflüssigte sich Dienstag. Dauerregen, kühl - und dennoch nur 144.000 Zuschauer "mitten im Achten".

Heute, Donnerstag, haben wir den ersten Monat der größten Programmreform in der Geschichte des ORF hinter uns - einen Monat bitteren Zuschauerschwunds und böser Bulletins in der Presse. Dabei haben wir Grund zu feiern.

Kommenden Mittwoch jährt sich zum ersten Mal _Armin Wolfs Aufsehen erregende Rede, als er den Robert-Hochner-Preis erhielt. Vom Gleichgewicht des Schreckens der Großparteien im ORF war damals längst "nur mehr der Schrecken geblieben".

Vom Zentralismus eines Werner Mück ist in der TV-Information kaum mehr etwas zu spüren. Von verhinderten Beiträgen, weil sie nicht ins (politische) Konzept passen, ist nichts zu hören. Die "ZiB" bemüht sich um Geschichten statt Pressekonferenzen. Und klappt etwas nicht, stieß es "an die Grenzen unserer eigenen Unfähigkeit" (ein Redakteur), nicht an politisch-taktische.

Dass sich der Phantomschmerz der ÖVP darüber bei erster Gelegenheit lautstark Bahn bricht, ist da ganz natürlich. Jener ÖVP, deren Geschäft Mück wohl aus Überzeugung besorgte. Und die im Vorjahr ihre Generaldirektorin Monika Lindner gegen eine eigenartige Regenbogenkoalition aus Rot und Orange, Blau und Grün verlieren sah.

Deren forderndstem Teil,_Alexander Wrabetz’ Wahlhelfer Peter Westenthaler vom BZÖ, geben die ORF-Oberen offenbar auch nicht mehr so bereitwillig nach.

Journalistischer wurde die ORF-Information schon vor der großen Reform vom 10. April. Seither erklärt sie die Nachrichten auch um 19.30 Uhr an der großen Tafel - grundsätzlich kein Fehler, wenn laut Studien große Teile des Publikums die Fernsehnachrichten nicht verstehen.

Dagegen half über Jahrzehnte nicht, die Sendung auf beide Kanäle durchzuschalten. War höchste Zeit, das zu beenden.

Doch die ORF-Reform hat mehr gute Seiten als eine aktuelle Information, die sogar tief um den Küniglberg Besorgte auf gutem Weg sehen.

Das ambitioniert gemachte, aber eher gemein platzierte Vorabendmagazin "Wie bitte" lässt auf weitere Neuerungen unter ORF-Magazinen hoffen, die im Herbst folgen sollen. Ein neuer_"Report" ist da der Maßstab. (Deshalb muss man dessen bisherigen Chef ja nicht gleich nach Rom versetzen - wohl auch ein Grund für den laufenden Großangriff der Schwarzen auf die Anstalt.)

Die hervorragende Religionsreihe "Kreuz &_quer" etwas früher auf den Zuschauer loszulassen, steht einer öffentlich-rechtlichen Anstalt gut an. Gleiches gilt für den früheren "Schauplatz" und vorgezogene Dokus am Donnerstag (die damit freilich übers Jahr Sendetermine verlieren).

Noch immer viel zu spät laufen (etwas und tatsächlich) anspruchsvollere Filme und Dokus. Immerhin:_Sie laufen.

Das Kulturmagazin am Montagabend scheint zu funktionieren _- für eine Dauerbaustelle ist das schon einiges.

Das verplauderte "Extrazimmer" zeigt zumindest:_Nach neun Jahren Weiterwursteln auf dem Küniglberg traut man sich Neues.

So hat auch "Mitten im Achten" sein Gutes, bei aller deutschen und niederländischen Beihilfe: eine tägliche österreichische Produktion. Die auch auf aktuelle soziale Phänomene öffentlich-rechtlich eingehen könnte. Komatrinken im Achten statt Joints rauchen vor der Waschmaschine? Wenn man das Thema nicht verblödelt (was im Achten schwer fällt):_Warum nicht?

Gerade langt ein APA-Interview ein, in dem sich ORF-General Wrabetz beklagt, dass weder öffentlich-rechtliche Programme noch unabhängige(re) Information gewürdigt würden und alle nur über Quotenmangel klagten.

Stimmt nicht: Selbst der kann einen guten Zweck erfüllen. Weniger Menschen vor dem Fernseher bedeuten möglicherweise einen oder zwei mehr vor Büchern oder gar vor Mitmenschen. Mit denen kann man dann gleich die ORF-Reform feiern. Ohne Komatrinken halt.

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