• 09.05.2007, 18:31:49
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DER STANDARD - Kommentar: Feiern wir die ORF-Reform - von Harald Fidler

Bedenken wir die guten Seiten der erneuerten Anstalt - inklusive Quotenschwund - Ausgabe vom 10.5.07

Wien (OTS) - Eine der letzten Verteidigungslinien der ORF-Führung
verflüssigte sich Dienstag. Dauerregen, kühl - und dennoch nur
144.000 Zuschauer "mitten im Achten".

Heute, Donnerstag, haben wir den ersten Monat der größten
Programmreform in der Geschichte des ORF hinter uns - einen Monat
bitteren Zuschauerschwunds und böser Bulletins in der Presse. Dabei
haben wir Grund zu feiern.

Kommenden Mittwoch jährt sich zum ersten Mal _Armin Wolfs Aufsehen
erregende Rede, als er den Robert-Hochner-Preis erhielt. Vom
Gleichgewicht des Schreckens der Großparteien im ORF war damals
längst "nur mehr der Schrecken geblieben".

Vom Zentralismus eines Werner Mück ist in der TV-Information kaum
mehr etwas zu spüren. Von verhinderten Beiträgen, weil sie nicht ins
(politische) Konzept passen, ist nichts zu hören. Die "ZiB" bemüht
sich um Geschichten statt Pressekonferenzen. Und klappt etwas nicht,
stieß es "an die Grenzen unserer eigenen Unfähigkeit" (ein
Redakteur), nicht an politisch-taktische.

Dass sich der Phantomschmerz der ÖVP darüber bei erster Gelegenheit
lautstark Bahn bricht, ist da ganz natürlich. Jener ÖVP, deren
Geschäft Mück wohl aus Überzeugung besorgte. Und die im Vorjahr ihre
Generaldirektorin Monika Lindner gegen eine eigenartige
Regenbogenkoalition aus Rot und Orange, Blau und Grün verlieren sah.

Deren forderndstem Teil,_Alexander Wrabetz’ Wahlhelfer Peter
Westenthaler vom BZÖ, geben die ORF-Oberen offenbar auch nicht mehr
so bereitwillig nach.

Journalistischer wurde die ORF-Information schon vor der großen
Reform vom 10. April. Seither erklärt sie die Nachrichten auch um
19.30 Uhr an der großen Tafel - grundsätzlich kein Fehler, wenn laut
Studien große Teile des Publikums die Fernsehnachrichten nicht
verstehen.

Dagegen half über Jahrzehnte nicht, die Sendung auf beide Kanäle
durchzuschalten. War höchste Zeit, das zu beenden.

Doch die ORF-Reform hat mehr gute Seiten als eine aktuelle
Information, die sogar tief um den Küniglberg Besorgte auf gutem Weg
sehen.

Das ambitioniert gemachte, aber eher gemein platzierte
Vorabendmagazin "Wie bitte" lässt auf weitere Neuerungen unter
ORF-Magazinen hoffen, die im Herbst folgen sollen. Ein neuer_"Report"
ist da der Maßstab. (Deshalb muss man dessen bisherigen Chef ja nicht
gleich nach Rom versetzen - wohl auch ein Grund für den laufenden
Großangriff der Schwarzen auf die Anstalt.)

Die hervorragende Religionsreihe "Kreuz &_quer" etwas früher auf den
Zuschauer loszulassen, steht einer öffentlich-rechtlichen Anstalt gut
an. Gleiches gilt für den früheren "Schauplatz" und vorgezogene Dokus
am Donnerstag (die damit freilich übers Jahr Sendetermine verlieren).

Noch immer viel zu spät laufen (etwas und tatsächlich)
anspruchsvollere Filme und Dokus. Immerhin:_Sie laufen.

Das Kulturmagazin am Montagabend scheint zu funktionieren _- für eine
Dauerbaustelle ist das schon einiges.

Das verplauderte "Extrazimmer" zeigt zumindest:_Nach neun Jahren
Weiterwursteln auf dem Küniglberg traut man sich Neues.

So hat auch "Mitten im Achten" sein Gutes, bei aller deutschen und
niederländischen Beihilfe: eine tägliche österreichische Produktion.
Die auch auf aktuelle soziale Phänomene öffentlich-rechtlich eingehen
könnte. Komatrinken im Achten statt Joints rauchen vor der
Waschmaschine? Wenn man das Thema nicht verblödelt (was im Achten
schwer fällt):_Warum nicht?

Gerade langt ein APA-Interview ein, in dem sich ORF-General Wrabetz
beklagt, dass weder öffentlich-rechtliche Programme noch
unabhängige(re) Information gewürdigt würden und alle nur über
Quotenmangel klagten.

Stimmt nicht: Selbst der kann einen guten Zweck erfüllen. Weniger
Menschen vor dem Fernseher bedeuten möglicherweise einen oder zwei
mehr vor Büchern oder gar vor Mitmenschen. Mit denen kann man dann
gleich die ORF-Reform feiern. Ohne Komatrinken halt.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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