• 04.05.2007, 10:27:40
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Prammer: Gedenken als Mahnung, Orientierung und Auftrag Wortlaut der Rede bei der Gedenkveranstaltung im Parlament

Wien (PK) Wortlaut der Rede von Nationalratspräsidentin Barbara
Prammer bei der Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im
Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus:

Sehr geehrte Damen und Herren!

1997 haben Nationalrat und Bundesrat Entschließungen angenommen, die
den 5. Mai, den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers
Mauthausen, zum "Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an
die Opfer des Nationalsozialismus" erklären.

Die heutige Sitzung steht, wie in vergangenen Jahren, im Gedenken an
die Menschen, die die Gräuel des Nationalsozialismus erleben und
durchleiden mussten, die denunziert, vertrieben, eingekerkert,
gequält und ermordet wurden. Wir erinnern uns an ihr Leid und ihre
Geschichte als Mahnung an unsere Verantwortung. Und wir erinnern uns
heute ganz besonders an diejenigen, die aufgestanden sind gegen die
Verursacher dieses Leidens und Widerstand geleistet haben. Es sind
Menschen mit außergewöhnlicher Courage und sie sind uns allen heute,
die wir gegen Antisemitismus und Rassismus eintreten, große
Vorbilder.

Es ist mir daher eine besondere Ehre, allen voran die Vertreterinnen
und Vertreter der Organisationen, Verbände und Bünde österreichischer
Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer in unserer Mitte
begrüßen zu dürfen.

Ehrliches und engagiertes Gedenken ist mehr als bloße Rückschau. Es
will immer auch Mahnung, Orientierung und Auftrag sein.

Wir leben heute in einem demokratischen Rechtsstaat.
Aber ein Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass
auch die Demokratie nicht vor dem Aufkommen antidemokratischer
Tendenzen schützt. Und wenn diese Schwächen ausgenutzt, wenn
Grundrechte und Demokratie zerstört werden, gerade dann war und ist
Widerstand gefordert. Wenn es aber um die Sicherung, Förderung und
den Ausbau des demokratischen Rechtsstaats geht, ist Zivilcourage
eine Bedingung für deren Gelingen.

Schülerinnen und Schüler aus ganz Österreich werden heute in einem
Film ihr Verständnis von Zivilcourage zum Ausdruck bringen. Sie
fordern damit vor allem uns Politikerinnen und Politiker heraus,
Stellung zu nehmen. Stellung zu nehmen und Achtsamkeit zu üben im
Umgang mit den demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen
sowie den Überzeugungen und Anliegen der Menschen in unserem Land.
Ich möchte den vielen jungen Menschen, die an diesem Film mitgewirkt
haben, meinen Respekt für ihre mutigen und klugen Aussagen
ausdrücken, und ich freue mich, dass viele von ihnen zu dieser
Gedenksitzung gekommen sind.

Wie Sie wissen, hat es bis zur Entstehung dieses Gedenktages, den wir
heute zum zehnten Mal begehen, lange gedauert. Er wurde zu einem
Zeitpunkt eingeführt, als das "offizielle Österreich" noch immer
damit befasst war, das Verhältnis zu seiner eigenen Geschichte neu zu
bestimmen. Eine solche Neubestimmung ist niemals einfach, da sie
immer auch Auswirkungen darauf hat, wie wir heute und in Zukunft
unser Zusammenleben gestalten wollen.

Sie braucht Offenheit und Bereitschaft, sie braucht vor allem auch
Orte und Formen des Gedenkens und des Lernens.

Der Gedenktag im Parlament stellt für mich eine besondere Form des
Gedenkens dar. Er ist kein Staatsakt wie andere, die letztlich auf
wenige Personen beschränkt bleiben. Der Gedenktag zeichnet sich durch
die große Zahl und Verschiedenheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer
ebenso aus, wie durch die Breite und Vielfalt der Themen. Sie zeigen,
dass Gedenken nicht bloßes Ritual oder lieblose Traditionspflege ist.
In den vergangenen Jahren haben wir am Gedenktag beeindruckende und
sehr berührende Veranstaltungen erlebt. Wir sind durch die Beiträge
von Referentinnen und Referenten, von Künstlerinnen und Künstlern auf
eine Weise angesprochen und herausgefordert worden, wie es nur selten
in den Sälen dieses Hauses geschieht.

Im Mittelpunkt des heutigen Gedenktages stehen die Menschen des
österreichischen Widerstandes. Wir beschäftigen uns daher auch mit
der Frage, welche Lehren wir letztendlich aus ihren Geschichten und
Schicksalen für die heutige Zeit mitnehmen können.

Univ. Doz. Dr. Oliver Rathkolb wird dazu in seinem einleitenden
Referat wichtige Impulse geben.

Ein Film wird die lange unterschätzte Rolle von Frauen im Widerstand
thematisieren. Das ist mir ein besonderes Anliegen vor allem auch
deshalb, weil ihre Rolle bisher kaum berücksichtigt wurde.

Dem Nationalsozialismus lag ein zutiefst frauenfeindliches
Gesellschaftsbild zu Grunde. Daher ist dem Engagement der Frauen im
Widerstand gegen dieses Regime ganz besondere Achtung zu erweisen.

Ich freue mich und bin äußerst dankbar, dass Dr. Gerhard Kastelic,
Prof. Alfred Ströer und Oskar Wiesflecker sich zu einem gemeinsamen
Gespräch bereit erklärt haben, das Dr. Rudolf Nagiller moderieren
wird.

Wir wollen mit ihren Beiträgen und der Musik des "Ensemble Klesmer
Wien" diesem Gedenktag eine besondere Bedeutung und Würde geben, und
ich danke Ihnen allen sehr herzlich.

Sehr geehrten Damen und Herren!

Soweit es der Anlass gebietet oder wir dazu aufgefordert werden, ist
es für uns Politikerinnen und Politiker ganz selbstverständlich
geworden, an die Gräuel des Nationalsozialismus zu erinnern. In
unseren Reden verurteilen wir diese Zeit und bekennen uns zu einem
"Niemals wieder!" Umso wichtiger ist es, dass dieser Gedenktag nicht
zur Routine wird. Wir sind im Umgang mit unserer Geschichte, mit der
Erinnerung und dem Gedenken heute und in aller Zukunft gefordert.

Ich möchte den Gedenktag daher als einen Tag sehen, an dem wir alle
nachdenken und lernen können. Besonders wir Politikerinnen und
Politiker haben einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung und
Gestaltung öffentlicher Meinungen. Lassen Sie uns dies auch bei aller
Emotionalität und den reibungsvollen Auseinandersetzungen im
politischen Alltag nicht vergessen.

Denn wir haben eine besondere Verantwortung, wenn es um den
öffentlichen Umgang mit Geschichte und Erinnerung geht. Und wir haben
vor allem jetzt eine große Verantwortung zu tragen, wo die lebendige
Erinnerung an diese Zeit mehr und mehr vergeht.

Umso wichtiger ist es, dass wir heuer die österreichischen
Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer in den Mittelpunkt des
Gedenktags stellen.

Lange Zeit wusste unsere Republik und unsere Gesellschaft ihren
Einsatz und ihre Verdienste nicht zu würdigen. Lange Zeit war vielen
in unserem Land nicht klar, ob ihre Entscheidung zur Tat, ihr Weg und
ihr Mut zur Eindeutigkeit wirklich gewürdigt und uns allen zum
Vorbild werden würde. Es hat schließlich auch bis 2005 gedauert, bis
hier, im Parlament, ein großes und parteienübergreifendes Symposion
zum Widerstand in Österreich abgehalten werden konnte.

Sie, die Vertreterinnen und Vertreter des Widerstands, gehören zu
jenen - leider all zu wenigen - die aus tiefer Überzeugung das
nationalsozialistische Regime abgelehnt haben. Die Ablehnung allein
hat ihnen aber nicht gereicht. Sie waren bereit, alles für ihre
Überzeugungen zu geben. Aus dieser überzeugten Ablehnung heraus,
haben sie in großen wie in kleinen Taten viel Mut aufgebracht. Mut,
den viele andere nicht hatten. Und sie haben es sich zur
Lebensaufgabe gemacht, Zeugnis über das Leid abzulegen, das
Antisemiten und Rassisten - darunter auch viele Österreicherinnen und
Österreicher - verursacht haben.

Sie haben ein doppeltes Risiko auf sich genommen: das Risiko Opfer zu
sein, und das Risiko, Zeuge zu sein. Denn auch der Versuch, das
Geschehene für die eigene und für zukünftige Generationen zu
dokumentieren, aufzuzeichnen und weiterzugeben, der Versuch, das Böse
zu entlarven, wie es der Philosoph Avishai Margalit nennt, stellt ein
Risiko dar, das vielleicht viele nicht tragen und ertragen können.
Ihr Engagement ist aber auch Zeugnis für eine sehr bestimmte
Vorstellung von Politik. Ihr Engagement steht dafür, dass immer
wieder auch ein Neuanfang möglich ist, dass wir neue Handlungen und
Taten setzen können.

Hannah Arendt hat Politik einmal als "angewandte Liebe zur Welt"
bezeichnet. Damit hat sie nicht die Wirklichkeit beschrieben. Sie hat
formuliert, was politisches Streben letztendlich bedeuten muss: Das
Attribut "angewandt" heißt, dass die Liebe zur Welt praktisch werden
muss - Bereitschaft zum Kompromiss und zur Geduld braucht. "Liebe zur
Welt" heißt, die Menschen zunächst so anzunehmen, wie sie sind.
Zugleich aber bringt "Liebe zur Welt" zum Ausdruck, dass die Welt
nicht einfach so geliebt werden kann, wie sie ist. Dazu gibt es
zuviel Leid und Elend, Ungerechtigkeit, Not, Gewalt und Krieg.

Die Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, die wir heute
würdigen, stehen in ihrem Engagement für ein solches Verständnis von
Politik.

Sie haben dem, was der Nationalsozialismus als Politik bezeichnet
hat, ihre humane Vorstellung von Politik entgegengesetzt. Sie haben
aber auch nach 1945 für dieses Ideal weitergekämpft - sie haben in
unermüdlicher Weise gezeigt, dass wir diese Ideale brauchen. Wir
brauchen sie um Überzeugung für die Demokratie und die Grundrechte zu
wecken, zu fördern, sie weiterzuentwickeln und zu sichern.

In diesem Sinne erweise ich meinen tief empfundenen Respekt und Dank
an all jene, die dem NS-Regime Widerstand entgegengebracht haben. Und
wir alle haben uns immer daran zu erinnern, dass Mut und Zivilcourage
die Wirklichkeit zum Besseren verändern können.

Ich danke Ihnen.

(Schluss)

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