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"DER STANDARD"-Kommentar: "Der Osten kommt in den Westen" von Renate Graber
Die Strabag ist nur ein Präzedenzfall - Österreich ist der Türöffner Europas - Ausgabe vom 26.4.2007
Wien (OTS) - Hans-Peter Haselsteiner, der Chef und - bisherige -
Mehrheitseigentümer des Baukonzerns Strabag mit seinen mehr als zehn
Milliarden Euro Umsatz im Jahr, hat also wieder einmal einen
Überraschungscoup gelandet. Während seine Anwälte und
Investmentbanker noch damit beschäftigt waren, dem für Mai geplanten
Börsengang seines Unternehmens den letzten Schliff zu verpassen, war
Haselsteiner, bildlich gesprochen, in russischen Gefilden unterwegs
-dort, wo das große Geld zu Hause ist.
Binnen drei Wochen hat der langgediente Bauunternehmer in aller
Diskretion einen Deal ausgehandelt, dessen Protagonisten und
Folgewirkungen seine Konkurrenten und die Öffentlichkeit mit
Argusaugen beobachten werden. Statt mühsam über die Börse Geld
zusammen zu sammeln (die Strabag-Altaktionäre Haselsteiner und
Raiffeisen wollten 30 Prozent platzieren und haben mit einem Erlös
von 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro gerechnet), hat Haselsteiner nun mehr
als eine Milliarde Euro an frischem Kapital herein- beziehungsweise
herausgeholt. Und zwar mit einem Schlag, und ohne sich in der Folge
an alle komplizierten Auflagen und strengen Regeln für börsennotierte
Gesellschaften halten zu müssen.
Den Weg an die Börse halten sich die Kompagnons Haselsteiner,
Raiffeisen und neuerdings Oleg Deripaska noch offen. Aufgeschoben ist
nicht aufgehoben, sagen sie, sollte sich zeigen, dass das angepeilte
Wachstum weiteres Eigenkapital erforderlich macht, wird man sich
selbiges an der Börse abholen.
Der Einstieg des russischen Oligarchen, der Präsident Wladimir Putin
seinen Freund nennt und seinen riesigen Reichtum auf seinen Siegen in
der Schlacht um die russische Aluminiumindustrie in den
Neunzigerjahren aufgebaut hat, kommt beiden Seiten zugute. Gemeinsam
mit den Unternehmen Deripaskas wird die Strabag über Nacht zur Nummer
eins auf dem russischen Markt, der bis 2009 um fast 13 Prozent
wachsen wird und damit der wichtigste, weil potenteste Markt Europas
ist. Die Strabag sichert sich Russland, Deripaska wiederum sichert
sich den Westen. Nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im
politischen Sinn.
Die geografische Diversifizierung gen Westen brauchen russische
Investoren so dringend wie nie zuvor - vor allem die von den
politischen Machthabern abhängigen Oligarchen. Nicht nur, dass es
sich bei Kreml-Chef Putin schnell in Ungnade fallen lässt, wie das
enteignende Beispiel Michail Chodorkowski trefflich beweist, darüber
hinaus wird die Ära Putin doch auch bald zu Ende sein, absichernde
Maßnahmen können also nicht schaden. Privat hat sich Deripaska vor
Kurzem in London ein teures Haus gekauft, beruflich lässt er sich nun
in Österreich nieder.
Dass ausgerechnet der bäuerliche Genossenschaftssektor Raiffeisen,
der sich katholisch-christlichen Werten verpflichtet fühlt, den
ersten russischen Oligarchen ins Land und in eines der größten
Unternehmen holt, mag man als Ironie der Geschichte ansehen. Viel
eher ist es aber ein Beweis dafür, dass Wirtschaft keine
Einbahnstraße ist.
Deripaska ist durchaus umstritten in seinen Methoden, sein Geld und
Vermögen haben zweifellos Geschichte - und sei es, im besten Falle,
auch nur die, dass er bei den Kämpfen um die Vorherrschaft in
Russlands Industrie der Bessere oder Schnellere war. Und die besseren
Leibwächter hatte.
Ob Raiffeisen und seine hoch-expansive Ostbankenholding unter dem
Abenteurer Herbert Stepic, ob alle anderen österreichischen Banken,
ob Industrie oder Politik, die dem Hunde verschenkenden Präsidenten
Putin stets freundlich ihre Pforten öffnet: Das Tor nach Osten, als
das sich Österreich gern inszeniert, lässt sich in beide Richtungen
öffnen. Russische Investoren, die ob des Rohstoffreichtums ihres
Landes geradezu in Geld schwimmen, werden nicht die letzten
Investoren aus dem Osten sein, die durch diese Türe kommen.
Die Strabag ist freilich der Präzedenzfall.
Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445
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