Biodiversitätsverluste bedrohen Ernährungssicherung

Wien (OTS) - In der neuesten Ausgabe der Agrarischen Rundschau beschäftigen sich Agrarexperten mit dem Verlust der Biodiversität in der Landwirtschaft, den Gefahren dieser Entwicklung sowie Gegenstrategien.

Tagtäglich gehen 200 Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich verloren. Der Verlust an Biodiversität könnte für die Menschheit eine reale Gefahr darstellen - dies gilt im Besonderen für den Agrarbereich. Experten gehen davon aus, dass auf der Erde zwischen fünf und 30 Millionen Arten existieren, von denen bisher erst rund 1,74 Millionen Arten wissenschaftlich beschrieben sind. Der Anteil der durch den Menschen genutzten Arten beläuft sich dabei auf weniger als 0,1 Prozent der in der Natur vorkommenden Arten - etwa 5.000 bis 30.000 Arten werden von Menschen genutzt. Der dramatische Rückgang der biologischen Vielfalt, das Schwinden intakter Ökosysteme, das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, von wilden wie auch von Kulturpflanzensorten und Nutztierrassen hat sich in den letzten 150 Jahren durch den Einfluss des Menschen Besorgnis erregend beschleunigt.

Derzeit werden 75 % des globalen Bedarfs an Kohlenhydraten von nur zwölf Pflanzenarten gedeckt. Davon liefern allein Weizen und Reis 40 % des globalen Konsums an Kohlenhydraten und Proteinen. Drei Viertel der Weltbevölkerung ernähren sich von nur acht Pflanzen. Der damit verbundenen landwirtschaftlichen Praxis fallen weniger markttaugliche Landsorten zum Opfer, die gerade in der Züchtung als Träger von Resistenzgenen wichtig sind. Im Falle von Krankheits- oder Schädlingsbefall stehen der Agrarforschung dadurch reduzierte Möglichkeiten für die Bekämpfung zur Verfügung.

Die neue Ausgabe der Agrarischen Rundschau steht ganz im Zeichen der landwirtschaftlichen Biodiversität. Franz Fischler, Präsident des Ökosozialen Forums, plädiert für einen ganzheitlichen Ansatz im Umgang mit der Natur. Dieses Konzept geht weit über den reinen Artenschutz hinaus. Wichtig ist ihm, auch ökonomische und soziale Aspekte zu integrieren. Ebenso sollen ethische Aspekte wie der Eigenwert der biologischen Vielfalt berücksichtigt werden. Dieser umfassende Ansatz stelle die Biodiversität aber auch in ein enormes Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen, die sich zwischen Schutz und Nutzung bewegen.

Gabriele Obermayr und Günter Liebel vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft sehen den Erhalt landwirtschaftlicher Biodiversität als Beitrag zur Ernährungssicherung: "Ähnlich wie bei der Portfolio-Strategie jedes Wertpapierverwalters gilt es daher auch im Umgang mit dem natürlichen Kapital auf Vielfältigkeit und Streuung des Risikos zu setzen, auch wenn Biodiversität heute (noch) keinen ökonomischen Wert hat."

Während die nicht-landwirtschaftliche Biodiversität v. a. durch die Abwesenheit menschlicher Eingriffe geschützt werden kann, ist für die Erhaltung der Agrobiodiversität menschliche Nutzung zentral. Clive Stannard von der Kommission für pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft der FAO beleuchtet den Internationalen Saatgutvertrag, der auf die Erhaltung und die nachhaltige Nutzung pflanzengenetischer Ressourcen abzielt. Dieser Vertrag ist das erste international bindende Vertragswerk, das die Rechte von Bauern anerkennt. Er ermöglicht Bauern und Pflanzenzüchtern sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich den breitest möglichen Zugang zu den Ressourcen, die für die weltweite Ernährungssicherung notwendig sind.

Außerhalb des Heftschwerpunktes erörtert der scheidende Landwirtschaftskammer-Präsident Rudolf Schwarzböck die Rolle der Bauern im Spannungsfeld globaler Agrarmärkte. Eine starke, offensive und nach vorn orientierte Landwirtschaft betrachtet Schwarzböck als notwendige Voraussetzung für eine positive wirtschaftliche Entwicklung im ländlichen Raum: "Nur wenn der Wirtschafts- und Arbeitsplatzmotor Landwirtschaft rund läuft und nicht untertourig stottert, kann er lebendige ländliche Regionen sichern." Schwarzböck spricht sich vehement gegen ständige Agrarreformen aus, die ausschließlich Finanzkürzungen im Auge hätten. Die Politik möge Europas Bauern ohne ständige Einmischung in Ruhe arbeiten lassen.

Die Agrarische Rundschau wird vom Ökosozialen Forum Österreich herausgegeben und ist heute eines der bedeutendsten Journale für agrar-, umwelt- und wirtschaftspolitische Fragen in Europa. Seit über 75 Jahren informiert sie über agrar-, umwelt- und wirtschaftspolitische Entwicklungen im In- und Ausland. Sie versucht, drohende Probleme, Trends und Chancen aufzuzeigen und diese mit nationalen und internationalen Fachleuten zu diskutieren. Die Agrarische Rundschau erscheint sechsmal im Jahr. Das Heft 1/2007:
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