• 30.03.2007, 09:59:18
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Health Technology Assessment (HTA): Ein Instrument fällt keine Entscheidungen!

Wien (OTS) - Das Geld ist knapp, auch und gerade im
Gesundheitssystem. Reflexartig den Sparstift anzusetzen, ohne das
große Ganze zu sehen, ist aber sicherlich nicht des Rätsels Lösung,
gerade auch, wenn es darum geht, dass eine alternde Gesellschaft in
Zukunft sicherlich eher mehr als weniger medizinischer Hilfe bedarf.
Eines der Instrumente zur Evaluierung des Bedarfs an medizinischen
Leistungen, wie etwa Medikamenten, stellt HTA dar. Objektiv gesehen
bietet es Entscheidungshilfen, was Versorgung, Innovationskraft,
soziales und ökonomisches Potenzial von Heilmitteln betrifft. Im
Rahmen einer Veranstaltung des Forums der forschenden
pharmazeutischen Industrie (FOPI) und des Europäischen Forums Alpbach
(EFA) wurden am Mittwoch in Wien Chancen und Risken dieses
gesundheitspolitischen Instruments diskutiert.

"Die unterschiedlichen Erstattungssysteme für Arzneimittel in
Europa verfügen über eine Gemeinsamkeit: das knappe Budget", hielt
die Bundesministerin für Gesundheit, Jugend und Familie, Dr. med
Andrea Kdolsky eingangs ihres Referats im Rahmen der Veranstaltung
"Health Technology Assessment: Entscheidet HTA über die Medikamente
der Zukunft?" fest. "Das bedeutet, nicht alle Medikamente, die auf
dem Markt zugelassen werden, werden auch von den Krankenkassen
erstattet", umriss die Gesundheitsministerin das Problem, vor dem
nicht nur die europäischen Gesundheitssysteme stehen, sondern mit dem
auch PatientInnen und nicht zuletzt die Pharmaunternehmen zu kämpfen
haben.

Fragwürdige Regelungen

In Österreich bedeutet die Nichterstattung eines neuen,
innovativen Medikaments, wie in anderen Ländern auch, in erster Linie
Nachteile für jene, für die das Arzneimittel gedacht ist, die
PatientInnen. Was die Angelegenheit noch komplizierter macht, sind
die völlig unterschiedlichen Regelungen in verschiedenen Ländern. Das
gilt nicht nur zwischen der EU und den USA, das gilt sogar innerhalb
der EU. Es ist gar nicht gesagt, dass ein Medikament, das in
Deutschland von den Krankenkassen erstattet wird, auch in Österreich
bezahlt wird. Ein Bewertungsinstrument wie Health Technology
Assessment könnte zu einer Vereinheitlichung der Regeln zur
Rückerstattung von Heilmitteln in der gesamten EU beitragen. Im
Idealfall soll HTA nämlich die Wirksamkeit (efficacy), die
Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen (effectiveness), die Sicherheit
(safety) und die ökonomischen Aspekte (cost-effectiveness) sowie den
sozialen, ethischen und legalen Rahmen eines Heilmittels prüfen. (1)
Als multidisziplinären Prozess bezeichnete Dr. Andrea Rappagliosi vom
Economic and Social Policy Committee in Genf HTA im Idealfall und
meinte: "HTA fasst Informationen über medizinische, soziale,
ökonomische und ethische Aspekte eines Heilmittels auf systematische,
transparente und unvoreingenommene Weise zusammen." Im Mittelpunkt
der Bewertung stehe dabei der Wert (value) eines Heilmittels, ein
Begriff, der wesentlich mehr als nur den ökonomischen Wert eines
Arzneimittels meint: "Value bedeutet vielmehr den Wert eines
Medikaments aus sozialer, ethischer und ökonomischer Sicht", wollte
Rappagliosi festgehalten wissen.

1.) Quelle: www.cochrane.de/de/hta.htm

Nicht auf die Kosten beschränken

Das sieht auch der deutsche Gesundheitsökonom Christoph Vauth von
der Universität Hannover so: "HTA kann eine Hilfestellung für
Entscheidungsträger sein." Soweit die Theorie. In der Praxis
etabliert sich HTA häufig nahezu ausschließlich als Instrument zur
ökonomischen Bewertung von Arzneimitteln. Soziale und ethische
Aspekte, aber auch die Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen werden
viel zu häufig außer acht gelassen. So kann etwa schon die orale
Applikationsform eines Medikaments gegenüber einer subkutanen
Injektion wesentliche Alltagserleichterungen für PatientInnen bringen
- in eine HTA-Bewertung fließen diese Überlegungen kaum ein.
Das liegt allerdings auch daran, dass vielfach zum Zeitpunkt der
Zulassung eines Medikaments eine Bewertung durch Health Technology
Assessment aufgrund der Datenlage schwierig ist. Zu diesem Zeitpunkt
liegen häufig nur Daten zur Efficacy, also zur Wirksamkeit unter
Studienbedingungen, vor. Viel aussagekräftiger für die Praxis sind
dagegen Daten, die die Effectiveness, also die Wirksamkeit unter
Alltagsbedingungen, zeigen. "Derzeit besteht bei jedem Assessment ein
Mangel an guten Daten als Entscheidungsgrundlage", kritisierte Dr.
Marcus Müllner, Bereichsleiter der AGES PharmMed (2): "Das "echte
Leben" bleibt vorerst in der Zulassung von Medikamenten weitestgehend
ausgespart."

2) Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit
GmbH: Die AGES PharmMed ist ein Geschäftsbereich der AGES, der
Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit
GmbH. Eingerichtet wurde dieser Bereich, um dem neu errichteten
Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen bei der Erfüllung seiner
Aufgaben zur Seite zu stehen.

Als sinnvolles Instrument nutzen

Nicht nur fehlende Daten, sondern auch uneinheitliches Vorgehen in
der Prüfung von Medikamenten verwässern die an sich positiven Effekte
von Health Technology Assessment. So arbeiten derzeit laut Christoph
Vauth europaweit 18 HTA-Agenturen an Arzneimittelprüfungen, jede nach
ihrem eigenen Ermessen. An einer Vernetzung dieser Agenturen wird
gearbeitet, mit intensiver Unterstützung der Europäischen Union, der
es ein Anliegen ist, "den Output der HTA-Agenturen zu erhöhen und
Doppelgleisigkeiten zu verhindern", wie Christoph Vauth weiter
festhielt.

Innovationen fördern

In Österreich funktioniert die Vernetzung schon ganz gut: Seit
2006 arbeitet ein eigenes Ludwig Boltzmann-Institut für Health
Technology Assessment an Arzneimittelbewertungen, das innerhalb eines
EU-Projekts mit 59 Non-Profit Organisationen in 27 Ländern
zusammenarbeitet: "HTA ist nicht nur eine Wissenschaftsmethode
sondern auch eine Bewegung", referierte die Leiterin des
österreichischen HTA-Institutes, Dr. Claudia Wild: "Es arbeiten kaum
Leute in unserem Bereich, die nicht zutiefst davon überzeugt sind,
dass unser Gesundheitssystem etwas ist, das es zu verteidigen gilt."

Health Technology Assessment will, so Claudia Wild, nicht nur
Hilfestellung in der Bewertung von Medikamenten liefern, sondern auch
Innovationen fördern. Eine Ansicht, der sich AGES-Bereichsleiter Dr.
Marcus Müllner anschloss, der sich durchaus auch für Kostenkontrolle
auf dem Arzneimittelsektor aussprach: "Nur eine strenge
Kostenkontrolle im Gesundheitswesen wird die Entwicklung von wirklich
innovativen Medikamenten fördern", so Müllner in seinem Statement.

PatientInnen sollen mitentscheiden

Um HTA aber zu einem Instrument zu formen, das nicht nur hilft,
die Kosten im Gesundheitssystem unter Kontrolle zu halten, sondern
auch den Nutzen von sowie den Zugang zu innovativen Arzneien für die
betroffenen PatientInnen - auch in der Zukunft - zu ermöglichen, muss
vor allem auch deren Sichtweise in HTA-Bewertungen miteinbezogen
werden. Dieser Ansicht ist zumindest Dr. Stefan Edgeton, Referent für
Gesundheit beim Bundesverband der Verbraucherzentralen Deutschlands:
"Wir brauchen mehr Evidenz für die Lebensqualität der PatientInnen",
forderte Edgeton in seinem Statement und setzte hinzu: "Die Grundlage
von Bewertungen durch Health Technology Assessment müssen auch in
Zukunft die evidenzbasierte Medizin, die Sicherstellung eines
transparenten Verfahrens und die Abwägung zwischen Patientennutzen
und Wirtschaftlichkeit sein."

Rückfragehinweis:
Gabriela Bauer-Szmolek
FOPI
Tel.: 01 26044-180
Mobil: 0664 523 69 37

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