- 05.03.2007, 11:04:51
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Frauentag: Olga Rudel-Zeynek - eine Pionierin im Parlament Weltweit erste Frau an der Spitze einer gesetzgebenden Körperschaft
Wien (PK) - Unweit des Empfangssalons des Parlaments mit seiner
eleganten Galerie der Nationalratspräsidenten, im Vorzimmer des
Sitzungssaal des Bundesrats, stößt der interessierte Besucher, die
interessierte Besucherin auf ein Porträt von Olga Rudel-Zeynek. Die
christlich-soziale Politikerin war in der Ersten Republik zweimal
Vorsitzende des Bundesrats und damit weltweit die erste Frau an der
Spitze einer gesetzgebenden Körperschaft. Dennoch ist Olga Rudel-
Zeynek heute in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.
Olga Rudel-Zeynek entstammte einer altösterreichischen, katholisch
geprägten Beamtenfamilie und wurde am 28. Jänner 1871 in Olmütz
(Olomouc), im Nordosten der heutigen Tschechischen Republik, als Olga
Zeynek geboren. Ihr Vater, Gustav Zeynek, war dort Direktor der
Lehrerbildungsanstalt. Später zog die Familie aus beruflichen Gründen
nach Troppau um.
Zeynek erhielt die in guten Familien übliche Erziehung für Mädchen.
Sie absolvierte eine Bürgerschule und besuchte anschließend eine
Höhere Töchterschule im Ursulinen-Kloster in Freiwaldau. 1892
übersiedelte ihre Familie - mittlerweile war ihr Vater in den
Ritterstand erhoben worden - nach Wien. Dort heiratete Olga von
Zeynek 1897 den Offizier Rudolf Rudel. An seiner Seite lebte sie in
verschiedenen Garnisonsstädten der österreichisch-ungarischen
Monarchie, etwa in Trient, Lemberg, Ödenburg (Sopron) und Tarnopol.
Der Kriegsbeginn überraschte Zeynek in Graz, wo sie Verwandte besucht
hatte und wo sie sich schließlich auch niederließ. Sie begann sich
karitativ zu betätigen, verteilte etwa Lebensmittel an Bedürftige,
half ehrenamtlich in einer Kriegsküche und wurde in katholischen
Frauenverbänden aktiv. Gleichzeitig begann sie, Märchen und
Erzählungen zu verfassen, die in verschiedenen steirischen Zeitungen
erschienen. 1918 wurde ihre Ehe geschieden.
Nach der Ausrufung der Republik und der Zuerkennung des aktiven und
passiven Frauenwahlrechts engagierte sich Rudel-Zeynek im Wahlkampf
für die Konstituierende Nationalversammlung, blieb jedoch vorerst
ohne Mandat. Dafür gelang ihr im Mai 1919 der Einzug in den
steiermärkischen Landtag, in dem sie eine rege Tätigkeit entfaltete.
Mehrere Berichte Rudel-Zeyneks von Wahlversammlungen zeugen von der
großen Skepsis, die damals Frauen in der Politik entgegengebracht
wurde.
Ende 1920 konnte Rudel-Zeynek schließlich doch in den Nationalrat
wechseln, nachdem Abgeordneter Kaspar Hosch zuvor sein Mandat
zurückgelegt hatte. In der darauf folgenden II. Gesetzgebungsperiode
(1923-1927) war sie sogar die einzige bürgerliche Abgeordnete im
Hohen Haus. Bis Mai 1927, als ihr Mandat erlosch, kämpfte sie unter
anderem für die Interessen einzelner Frauenberufsgruppen, für eine
bessere Mädchenbildung, für Kinder- und Jugendschutz und gegen
Frauenarbeitslosigkeit und "sittliche Verwahrlosung". Manche ihrer
Initiativen, wie ein Alkohol-Abgabeverbot an Jugendliche, sind heute
noch aktuell.
Parallel zu ihrer parlamentarischen Tätigkeit war Rudel-Zeynek auch
in der christlichsozialen Partei - etwa als Mitglied der
Bundesparteileitung - und in diversen Frauenorganisationen aktiv und
nahm auch an internationalen Kongressen und Beratungen teil.
1927 kandidierte Rudel-Zeynek nicht mehr für den Nationalrat,
stattdessen entsandte der steiermärkische Landtag sie am 21. Mai 1927
in den Bundesrat, dessen Mitglied sie bis zu seiner Auflösung Ende
April 1934 blieb. Zweimal, vom 1. Dezember 1927 bis zum 30. Mai 1928
und vom 1. Juni bis zum 30. November 1932, führte sie turnusgemäß den
Vorsitz in der Länderkammer.
Rudel-Zeynek war, wie die damals amtierende Bundesratspräsidentin
Sissy Roth-Halvax im Juni 2006 festhielt, während ihrer politischen
Tätigkeit als "Biene des Parlaments" bekannt. Dennoch war es in den
20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit,
eine Frau an die Spitze der Länderkammer zu berufen. Das zeigt auch
ein Ausschnitt aus ihrer Antrittsrede: "Dass ich heute auf diesem
Platze stehen darf, danke ich der bei uns in Österreich in jeder
Hinsicht durchgeführten Demokratie und ich hoffe und bitte, dass Sie
als echte Demokraten der Tätigkeit der ersten Frau, die an die Spitze
einer parlamentarischen Körperschaft berufen worden ist, Ihre
kollegiale Unterstützung gewähren werden", wandte sie sich an das
Plenum.
Ein halbes Jahr später meinte ihr Nachfolger Richard Steidle etwas
gönnerhaft: "Wenn es eines Beweises für die Eignung der Frau zu solch
öffentlicher Würde bedurft hätte, unsere Kollegin Frau Rudel-Zeynek
hat ihn erbracht."
Für ihre Tätigkeit in der Ersten Republik, vor allem für ihr soziales
Wirken, wurde Rudel-Zeynek mehrfach ausgezeichnet. So erhielt sie
1931 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik
Österreich, 1932 das päpstliche Ehrenkreuz "Pro Ecclesia et
Pontifice" und 1935 das Bürgerrecht der Stadt Graz. Zu den
Organisationen und Vereinen, in denen sie aktiv war, zählten u.a. der
Verein der Witwen und Waisen nach öffentlichen Beamten in Graz, der
Katholische Frauenverein der werktätigen christlichen Liebe und der
Verein "Fest der Treue". Überdies war Rudel-Zeynek Vizepräsidentin
der Zentralstelle für Kinderschutz und Jugendfürsorge in Wien und
österreichische Ehrendelegierte der Internationalen Vereinigung für
Kinderhilfe in Genf. "Abgeordnete haben die Pflicht, sich zu plagen,
wer Ruhe und Bequemlichkeit liebt, suche einen anderen Beruf",
schrieb sie schon 1921 über ihr Selbstverständnis als
Parlamentarierin.
Nach der Ausschaltung des Parlaments in Österreich Mitte der 30-er
Jahre verlegte sich Rudel-Zeynek verstärkt auf karitative Tätigkeiten
und ging auch ihrer schriftstellerischen Tätigkeit weiter nach. Dem
"Ständestaat" stand sie dabei durchaus positiv gegenüber, wie Andrea
Ertl in einer Broschüre der Parlamentsdirektion schreibt. Vor den
Gefahren des Nationalsozialismus warnte sie hingegen bereits Anfang
der 30-er Jahre. Später äußerte sie sich über die Zeit der NS-
Herrschaft: "Wir mussten schweigen, durften kein Wort der Kritik,
keine eigene Meinung äußern; so wurden wir hart und voll Bitterkeit."
Rudel-Zeynek erlebte noch die Wiedererrichtung des freien Österreich,
doch verzichtete sie weitgehend auf politische Aktivitäten. Sie legte
aber großen Wert darauf, anlässlich der Wahlen im November 1945 vor
allem die Frauen aufzufordern, zur Wahlurne zu gehen und ihr
demokratisches Recht wahrzunehmen. Im August 1948 starb die
politische Pionierin schließlich an den Folgen eines Schlaganfalls.
Das Porträt im Vorzimmer des Sitzungssaals des Bundesrats stammt von
Helga Druml. Die in Villach geborene und in Nötsch im Gailtal
aufgewachsene Malerin arbeitet gern mit Ausschnitten und mit
Kontrasten und rückte auch bei dem im Jahr 2006 entstandenen Bild das
zentrale Motiv an den Rand. Es zeigt Rudel-Zeynek sitzend an ihrem
Schreibtisch, hinter ihr, im Zentrum, ein schwarzhaariger Bub mit
Victory-Zeichen. Er soll an das Engagement Rudel-Zeyneks für Kinder
erinnern, wie überhaupt das Porträt zahlreiche Symbole enthält.
Eine umfassende biographische Skizze über Rudel-Zeynek - mit einer
Reihe von Quellenhinweisen - hat Andrea Ertl für eine von der
Parlamentsdirektion im Jahr 2003 herausgegebenen Broschüre verfasst.
Diese Broschüre ist im Volltext auf der Homepage des Parlaments im
Virtuellen Lesesaal (Menüpunkt Service und Kontakt) abrufbar.
(Schluss)
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