Ist Strache eher salonfähig als Haider?

"Presse"-Leitartikel von Martina Salomon

Wien (OTS) - Heuchlerische Debatte um die braune Vergangenheit des FP-Chefs, die nur dank des internen Streits publik wurde.

Was wäre, wenn sich die beiden Blauen Heinz-Christian Strache und Ewald Stadler aus der Politik zurückziehen würden? Der Weg für eine Wiedervereinigung von FPÖ und BZÖ wäre frei. Dann müsste nur noch der orange Peter Westenthaler davon überzeugt werden, dass er nicht mehr Parteichef spielen darf. Aber den Einzug ins Parlament verdankt das BZÖ ohnehin vorwiegend den Kärntner Wählern, die Jörg Haider mobilisieren konnte. Haider könnte wieder einmal als Parteichef zurückkehren - es wäre ja nicht das erste Mal. Es gibt Kräfte bei Blau und Orange, die daran arbeiten.
Dann gäbe es wieder eine rechte Mehrheit im Parlament. Das scheint auch der Hauptgrund für die erstaunlich zahme Reaktion Alfred Gusenbauers zu sein - Vorsitzender jener Partei, die unter Schwarz-Blau schon wegen weit geringerer Anlässe die Republik praktisch in Flammen sah.
Allein, dass FP-Chef Heinz-Christian Strache offenbar in einem mit Neonazis gespickten Umfeld sozialisiert wurde, ist ein Problem. Dass er sich jetzt nur halbherzig davon distanziert, ein noch viel größeres. "Ich war ein dummer Bub" ist eine schwache Ausrede. Kann man ihm da die "Abscheu vor dem Nationalsozialismus", die er im "Presse"-Interview äußerte, wirklich abnehmen? Nur weil er geschickter war als Haider und im Gegensatz zu ihm kein Nazi-Vokabular verwendete, ist er nicht salonfähiger. Haider erregte Aufruhr mit Reden vor SS-Veteranen in Krumpendorf. Aber Strache hat mit deren ideologischen Nachfahren, darunter auch verurteilte Gaskammern-Leugner, offenbar intensiven Kontakt gepflegt - bis wann, ist nicht so genau zu eruieren. Man lügt sich in den Sack, wenn man das als besser empfindet als die Haidereien früherer Jahre.

Im Grunde spielen alle ein recht durchsichtiges Spiel: Die SPÖ hat immer schon (schlag nach bei Kreisky) bewiesen, dass sie die FPÖ so behandelt, wie es ihr gerade nutzt. Die ÖVP, die alle Kapriolen Jörg Haiders mit "Gelassenheit" aufnahm, entdeckt jetzt plötzlich ihre "Firewall" gegen so eine Geisteshaltung (Zitat Vizekanzler Molterer). Auch das ist nicht glaubwürdig. Noch absurder ist das Gekreische des BZÖ gegen den FP-Chef. Das Lager, wo Strache zu Hause war, ist Haider nicht fremd. Und auch er hat ja jahrelang angestrebt, was jetzt FP-Mann Andreas Mölzer vollzogen hat: eine Allianz (ultra-)rechter Parteien in der EU. Aus Sicht des rechten Lagers in Österreich hat die Zusammenarbeit einen krassen Schönheitsfehler: Mit der Liste Mussolini ist eine Partei mit an Bord, die Südtirol als klaren Bestandteil Italiens sieht - in den Augen der Deutschnationalen ist das "Verrat". Dass dann auch noch der deutschnationale Chefideologe Stadler von Strache demontiert wurde - indem man ihn in der Partei-Akademie entthronte -, war offenbar der Grund für den nachfolgenden Rachefeldzug der Rechten gegen Strache. "H.C." musste daraufhin in die Offensive gehen und veröffentlichte selbst jene Fotos, mit denen er offensichtlich erpresst wurde.
Dass es davon noch mehr - und auch belastendere - gibt, ist sehr wahrscheinlich. Das zeigte die voreilige freiheitliche Reaktion auf ein von der Tageszeitung "Österreich" am Samstag veröffentlichtes Bild, das viel harmloser ist, als es die FPÖ erwartete. Denn über die Geste Straches lässt sich streiten. Der Neonazigruß (oder jener der Südtiroler Freiheitskämpfer, wie ihn die FPÖ noch vor Ansicht des Fotos annahm) muss das nicht zwingend sein, Straches Arm ist nicht gestreckt.

Wohin wird sich das einstige Dritte Lager hinbewegen? Strache hat sich zwar von "Übervater" Haider losgesagt, aber nicht ganz von der nach wie vor aktiven braunen Szene, die ihn offenbar bis vor kurzem als Hoffnungsträger betrachtete. In der FPÖ findet ein Machtkampf statt. Wie deutschnational, wie christlich, wie "rechts" soll die Partei sein? Das ist überhaupt nicht geklärt, die Entmachtung Stadlers aber ein Zeichen dafür, dass sich Strache in dieselbe Richtung wie Haider bewegt: Weniger "wehrhaftes Christentum", mehr eine Art neue Arbeiterpartei wollen die Blauen sein. Die unterprivilegierten, wütenden jungen Männer waren schon immer eine interessante Zielgruppe für die FPÖ - und für rechte Ausländer-raus-Parolen sehr empfänglich.
Das BZÖ wiederum ist zur "Ortstafel-Partei" Jörg Haiders degeneriert, langfristig wird es nicht überleben. Es sei denn, Blau und Orange heben die willkürliche Trennung auf. Dagegen wird sich Strache wehren, solange ihn seine parteiinternen Gegner nicht völlig geschwächt haben.

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