- 17.01.2007, 19:51:47
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Neues Buch über Afrikaner in Österreich: Von Soliman bis Omofuma Barbara Prammer würdigt Leistungen der AfrikanerInnen für Österreich
Wien (PK) - Infolge der politischen, sozialen und ökologischen Krisen
in Afrika hat sich in den letzten Jahren die Migration von
AfrikanerInnen nach Europa verstärkt. Auch in Österreich hat die
Zuwanderung von Afrikanerinnen und Afrikanern zugenommen, was in der
Öffentlichkeit unterschiedlich wahrgenommen wird: Während sich Hilfs-
und Bildungseinrichtungen, kommunale Institutionen, Kirchen und
Gewerkschaften um die Integration der AfrikanerInnen bemühen, werden
diese Menschen für andere zur Projektionsfläche populistischer und
ausländerfeindlicher Politik. Mittlerweile haben die Zuwanderer aus
Afrika in Österreich eine eigene Community gebildet, ein reiches
Vereinsleben entfaltet und treten mit kulturellen Aktivitäten sowie
zunehmend auch mit Firmengründungen in Erscheinung.
Die Präsentation eines Buches über AfrikanerInnen in Österreich stand
heute Abend im Mittelpunkt einer Veranstaltung, zu der
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer in das Parlament einlud. Der
Wiener Sozialhistoriker Walter Sauer stellte als Herausgeber den im
StudienVerlag erschienenen Sammelband mit dem Titel "Von Soliman bis
Omofuma. Afrikanische Diaspora in Österreich. 17. bis 20.
Jahrhundert" vor. Kojo Taylor vom Pan-African Forum in Austria und
die Sozialanthropologin Barbara Rohregger analysierten die aktuellen
Migrationsprozesse und - hintergründe. Im künstlerischen Teil der
Veranstaltung begeisterte der nigerianische Dichter Chibo Onyji das
Publikum. Er trug Gedichte aus seinem Buch "Flowers, Bread and Gold"
vor.
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer konnte Bundesminister a. D.
Peter Jankowitsch und die Nationalratsabgeordneten Petra Bayr (S) und
Terezija Stoisits (G) begrüßen. Das Thema Afrika, so Prammer, ist in
der österreichischen Geschichtsschreibung noch nicht so zentral, wie
dies wünschenswert wäre, daher sei sie froh über das Erscheinen von
Walter Sauers Buch, das einen Beitrag zum besseren Verständnis der
afrikanischen Zuwanderer in Österreich leistet. Die
Nationalratspräsidentin machte auf die besonders große
Diskriminierungsgefahr der AfrikanerInnen, einer "sichtbaren
Minderheit" aufmerksam und unterstrich die Notwendigkeit, stereotype
Betrachtungsweisen abzubauen. Dazu gehöre auch, endlich die
Leistungen zu würdigen, die die afrikanischen Zuwanderer für
Österreich erbringen. "Die afrikanische Minderheit in Österreich
verdient unsere Solidarität", sagte die Nationalratspräsidentin und
zeigte sich erfreut über die im neuen Regierungsprogramm enthaltenen
Ansätze für eine neue Integrationspolitik. Sie erwähnte die
vorgesehene Integrationsplattform und insbesondere die beabsichtigte
Aufnahme von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund in die Exekutive.
Sie werde ihr Engagement für die afrikanische Gemeinschaft in
Österreich, das mit Kontakten zur afrikanischen Frauenbewegung
begonnen hat, verstärkt fortsetzen, versprach Nationalratspräsidentin
Prammer.
Universitätsprofessor Walter Sauer verwies auf die lange Geschichte
der Migration von Afrikanern nach Österreich, erinnerte an "exotische
Diener als Statussymbole von Adeligen" als erstmals nachweisbare
Migranten im 15. Jahrhundert und nannte die vielfältigen Milieus, in
denen Menschen afrikanischer Herkunft in Österreich anzutreffen
waren: Adelspaläste und Jahrmärkte, Freimaurerlogen und Klöster,
Universitäten, Mauthausen und Spiegelgrund, Studentenheime und
internationale Organisationen. Die Arbeitsmigration in bestimmte
Nischen, etwa als Zeitungskolporteure wurde seit den achtziger Jahren
von einer Asyl- und Krisenmigration abgelöst, analysierte Sauer und
führte aus, dass diese Zuwanderung mit dem Niedergang afrikanischer
Regionen und dem Verlust von Hoffnung zusammenhängt. Die Mitarbeiter
des Sammelbandes sind auf eine historische Entwicklung zunehmender
Diskriminierung gestoßen. Das in europäischer Sicht positive besetzte
Zeitalter der europäischen Aufklärung leitete für Afrika eine Epoche
der Kolonialisierung, Unterdrückung und Ausbeutung ein. Das Buch
zeigt aber auch Erfolge im Emanzipationskampf der Afrikaner auf.
Heute braucht es neuer Regelungen in der Migrationspolitik,
unterstrich Sauer und erteilte der Vorstellung von einer "Festung
Europa" eine Absage. Solange Afrika keine nachhaltige Entwicklung
erfährt, werde es Versuche afrikanischer Menschen geben, ihr gelobtes
Land Europa zu erreichen. "Aus heutiger Sicht werten wir die
Sklaverei von vor fünfhundert oder dreihundert Jahren als Verbrechen
gegen die Menschlichkeit. Wie stellen wir sicher, dass nicht kommende
Generationen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden, was sich
heute in der europäischen Migrationspolitik abspielt", lautete die
abschließende Frage Walter Sauers.
Kojo Taylor bezeichnete die Präsentation von Walter Sauers Buch über
die Afrikaner in Österreich als einen historischen Tag. Es gehe
darum, in Europa Bedingungen zu schaffen, die es möglich machen, die
Klischees von Schwarz und Weiß sowie die Gleichsetzung von "fremd"
und "böse" zu überwinden, und es so möglich zu machen, dass
europäische und afrikanische Menschen einander im Geist der
Menschlichkeit begegnen. Kritik übte Taylor am einseitigen
Integrationsdiskurs in Österreich und forderte, dass, wer Pflichten
erfülle, auch Rechte bekomme. Kojo Taylor schlug für eine neue
Integrationspolitik den Grundsatz der Chancengerechtigkeit vor, weil
Chancengleichheit nicht ausreiche, solange es Starke und Schwache
gebe. Für die Wahrnehmung des Selbstvertretungsanspruches brauche es
finanzieller Mittel, sagte der Vertreter des Pan-African Forum in
Österreich. Ein wichtiger Punkt sei schließlich auch die
Bereitschaft, schwarze Menschen in öffentlichen Institutionen und
staatsnahen Unternehmen anzustellen.
Barbara Rohregger klagte darüber, das Migration allzu oft als
Bedrohung betrachtet werde, statt als Lebenszusammenhang von
Menschen, die auf politische, soziale und ökologische Krisen durch
Mobilität reagieren. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen in
Afrika setzt laut Rohregger eine neue internationale Wirtschafts- und
Finanzpolitik mit unterstützenden Maßnahmen für den Export
afrikanischer Produkte und eine sowohl bi- als auch multilaterale
Entschuldung der ärmsten Länder voraus. Zudem forderte Rohregger mehr
Kohärenz zwischen der Entwicklungszusammenarbeit und anderen
Politikbereichen und einen globalen Ansatz zur Lösung der Probleme
Afrikas. Walter Sauers Buch trägt zu einem besseren Verständnis der
Ursachen von Migration bei und dient damit einem angstfreien Umgang
mit Menschen, die nach Österreich zuwandern.
Das Buch
Der von Walter Sauer herausgegebenen Sammelband "Von Soliman bis
Omofuma" präsentiert das Thema im historischen Zusammenhang vom 17.
bis zum 20. Jahrhundert. Den ausführlich recherchierten
wissenschaftlichen Aufsätzen sind auch kurze Texte aus
zeitgenössischen Quellen beigegeben, welche auf die Biographien von
Afrikanern in Wien und Österreich verweisen.
Vorweg erläutert der Herausgeber sein Anliegen, den Klischees über
eine ethnische Konstante eines "weißen, germanischen" Österreichs
entgegenzutreten. Zu allen Zeiten sind Migrationen nachzuweisen und
Kontakte zwischen Menschen aus Afrika und Menschen im Gebietes des
heutigen Österreich bestanden schon in der Antike und im Mittelalter.
Unter dem Titel "Sklaven, Freie, Fremde" verweisen Walter Sauer und
Andrea Wiesböck in einem gemeinsamen Aufsatzes auf die differenzierte
soziale Stellung von AfrikanerInnen im Wien des 17. und 18.
Jahrhunderts, die mit dem zeitgenössischen Begriff "Mohren"
klassifiziert wurden. Ihre Anwesenheit in Österreich erklärt sich vor
allem durch den Konflikt mit dem Osmanischen Reich (so genannte
"Beutetürken") und Verbindungen zum südeuropäischen Sklavenhandel.
In einem gesonderten Artikel befasst Sauer sich mit der Biographie
Angelo Solimans, des bekanntesten der so genannten "Hofmohren" des
18. Jahrhunderts in Wien. Sauer versucht hier, dem wuchernden
"Mythos" über Soliman die quellenmäßig fassbare Wirklichkeit
entgegenzustellen. Er bringt neben neuen biographischen Details auch
eine ausführliche Diskussion der Vorgänge nach Solimans Tod im Jahr
1796. Anscheinend wurden, wenn auch gegen den heftigen Widerstand
seiner Tochter Josepha, Teile von Solimans Leiche im Auftrag des Hof-
Naturalienkabinett präpariert. Wie Sauer nachweist, sind die genauen
Umstände aufgrund der schwierigen Quellenlage bis heute ungeklärt.
Der "Fall Soliman" zeigt jedenfalls den Übergang von fürstlichen
Wunderkammern und "Kuriositätenkabinetten" zu wissenschaftlichen
Sammlungen. Mit dem dabei erhobenen Anspruch, Forschungseinrichtungen
zu sein, war aber auch die Entstehung von rassistischen
Betrachtungsweisen und Stereotypen verbunden.
Wie Christine Sulzbacher in ihrem Aufsatz "Beten - dienen -
unterhalten. Die Funktionalisierung von Afrikanern und Afrikanerinnen
im 19. Jahrhundert in Österreich" hinweist, waren die
Lebensmöglichkeiten von AfrikanerInnen in Österreich beengt. Obwohl
Österreich keine Kolonialpolitik betrieb, wie sie andere europäische
Staaten führten, hatte das koloniale System auch Auswirkungen auf die
Denkweisen der Österreicher und Österreicherinnen und formte die
Umstände, unter denen Afrikaner und Afrikanerinnen nach Österreich
kamen, hier lebten und arbeiteten. Die Zuordnung in die Bereiche
"Unterhaltung" oder "Dienstleistungen" verfestigte rassistische
Stereotypen, deren schlimmsten Auswirkungen sich in der Zeit des
Nationalsozialismus manifestierten.
Ein interessantes Kapitel österreichischer Wissenschaftsgeschichte
erforscht Marcel Chacrour im Beitrag "Vom Morgenhauch aufstrebender
Cultur umweht", der die studentische Migration aus Ägypten nach
Österreich im Zeitraum von 1830 bis 1945 behandelt.
Herwig Czech verweist mit dem Titel seines Aufsatzes "Vorwiegend
negerische Rassenmerkmale" auf die rassistische Terminologie und die
mörderische Praxis des NS-Regimes. Die Tatsache, dass unter den
Verfolgten des NS-Regimes in Österreich auch Personen afrikanischer
Abstammung waren, darunter Kinder, die als "Mischlinge" eingestuft
wurden, ist im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert. Czech macht
unter anderem auf den vor 1933 in der radikalen Arbeiterbewegung
engagierten Malinesen Tiémoko Garan Kouyaté aufmerksam, der im Juli
1944 im KZ Mauthausen umkam.
In Vorarlberg waren als Teile der französischen Besatzungstruppen
auch nordafrikanische Einheiten stationiert. Die Beziehungen von
marokkanischen Soldaten zu österreichischen Frauen unterlagen einer
starken Tabuisierung, unter deren psychischen Folgen auch noch die
Kinder aus solchen Beziehungen zu leiden haben. Hamid Lechhab
versucht daher, sich dem Thema "Marokkanische Besatzungskinder in
Vorarlberg nach 1945" vor allem mit Methoden der Oral History in
Verbindung mit Erkenntnissen der Psychoanalyse anzunähern.
Der abschließende Überblick von Walter Sauer "Afro-österreichische
Diaspora heute. Migration und Integration in der 2. Republik"
thematisiert den öffentlichen Diskurs über afrikanische Zuwanderer,
der nicht zuletzt von rassistischen Vorurteilen geprägt ist. Das
führt dazu, dass eine der kleinsten Ausländergruppen in Österreich in
der öffentlichen Wahrnehmung als eine "Problemgruppe" gesehen wird.
Neben alltäglichen Beispielen von Diskriminierung verweist Sauer auf
Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt, auf Armut und Abtauchen in
Schattenwirtschaft mit daraus resultierenden Folgen. Im Gegenzug
verweist er auf die starke Vereinstätigkeit afrikanischer Zuwanderer.
Es entsteht auch ein kleinunternehmerisches "African Business", das
vor allem spezifische Nachfragen abdeckt. Eine für die Bedürfnisse
der African Community entstandene Medienszene in Österreich
unterliegt starken Veränderungen. Von den vielfältigen künstlerischen
Ausdrucksformen der Migrantenszene wird vor allem die afrikanische
Musik rezipiert. Nicht zuletzt sieht Sauer Ansätze zu einer
politischen Partizipation von Austro-AfrikanerInnen.
Walter Sauer (Hrsg.): Von Soliman bis Omofuma. Afrikanische Diaspora
in Österreich. 17. bis 20. Jahrhundert. StudienVerlag Innsbruck,
Wien, Bozen 2007. Das 269 Seiten starke Buch ist reich illustriert
und verfügt über ausführliche Anmerkungen sowie Quellen-
Literaturhinweise. (Schluss)
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