Neues Buch über Afrikaner in Österreich: Von Soliman bis Omofuma Barbara Prammer würdigt Leistungen der AfrikanerInnen für Österreich

Wien (PK) - Infolge der politischen, sozialen und ökologischen Krisen in Afrika hat sich in den letzten Jahren die Migration von AfrikanerInnen nach Europa verstärkt. Auch in Österreich hat die Zuwanderung von Afrikanerinnen und Afrikanern zugenommen, was in der Öffentlichkeit unterschiedlich wahrgenommen wird: Während sich Hilfs-und Bildungseinrichtungen, kommunale Institutionen, Kirchen und Gewerkschaften um die Integration der AfrikanerInnen bemühen, werden diese Menschen für andere zur Projektionsfläche populistischer und ausländerfeindlicher Politik. Mittlerweile haben die Zuwanderer aus Afrika in Österreich eine eigene Community gebildet, ein reiches Vereinsleben entfaltet und treten mit kulturellen Aktivitäten sowie zunehmend auch mit Firmengründungen in Erscheinung.

Die Präsentation eines Buches über AfrikanerInnen in Österreich stand heute Abend im Mittelpunkt einer Veranstaltung, zu der Nationalratspräsidentin Barbara Prammer in das Parlament einlud. Der Wiener Sozialhistoriker Walter Sauer stellte als Herausgeber den im StudienVerlag erschienenen Sammelband mit dem Titel "Von Soliman bis Omofuma. Afrikanische Diaspora in Österreich. 17. bis 20. Jahrhundert" vor. Kojo Taylor vom Pan-African Forum in Austria und die Sozialanthropologin Barbara Rohregger analysierten die aktuellen Migrationsprozesse und - hintergründe. Im künstlerischen Teil der Veranstaltung begeisterte der nigerianische Dichter Chibo Onyji das Publikum. Er trug Gedichte aus seinem Buch "Flowers, Bread and Gold" vor.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer konnte Bundesminister a. D. Peter Jankowitsch und die Nationalratsabgeordneten Petra Bayr (S) und Terezija Stoisits (G) begrüßen. Das Thema Afrika, so Prammer, ist in der österreichischen Geschichtsschreibung noch nicht so zentral, wie dies wünschenswert wäre, daher sei sie froh über das Erscheinen von Walter Sauers Buch, das einen Beitrag zum besseren Verständnis der afrikanischen Zuwanderer in Österreich leistet. Die Nationalratspräsidentin machte auf die besonders große Diskriminierungsgefahr der AfrikanerInnen, einer "sichtbaren Minderheit" aufmerksam und unterstrich die Notwendigkeit, stereotype Betrachtungsweisen abzubauen. Dazu gehöre auch, endlich die Leistungen zu würdigen, die die afrikanischen Zuwanderer für Österreich erbringen. "Die afrikanische Minderheit in Österreich verdient unsere Solidarität", sagte die Nationalratspräsidentin und zeigte sich erfreut über die im neuen Regierungsprogramm enthaltenen Ansätze für eine neue Integrationspolitik. Sie erwähnte die vorgesehene Integrationsplattform und insbesondere die beabsichtigte Aufnahme von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund in die Exekutive. Sie werde ihr Engagement für die afrikanische Gemeinschaft in Österreich, das mit Kontakten zur afrikanischen Frauenbewegung begonnen hat, verstärkt fortsetzen, versprach Nationalratspräsidentin Prammer.

Universitätsprofessor Walter Sauer verwies auf die lange Geschichte der Migration von Afrikanern nach Österreich, erinnerte an "exotische Diener als Statussymbole von Adeligen" als erstmals nachweisbare Migranten im 15. Jahrhundert und nannte die vielfältigen Milieus, in denen Menschen afrikanischer Herkunft in Österreich anzutreffen waren: Adelspaläste und Jahrmärkte, Freimaurerlogen und Klöster, Universitäten, Mauthausen und Spiegelgrund, Studentenheime und internationale Organisationen. Die Arbeitsmigration in bestimmte Nischen, etwa als Zeitungskolporteure wurde seit den achtziger Jahren von einer Asyl- und Krisenmigration abgelöst, analysierte Sauer und führte aus, dass diese Zuwanderung mit dem Niedergang afrikanischer Regionen und dem Verlust von Hoffnung zusammenhängt. Die Mitarbeiter des Sammelbandes sind auf eine historische Entwicklung zunehmender Diskriminierung gestoßen. Das in europäischer Sicht positive besetzte Zeitalter der europäischen Aufklärung leitete für Afrika eine Epoche der Kolonialisierung, Unterdrückung und Ausbeutung ein. Das Buch zeigt aber auch Erfolge im Emanzipationskampf der Afrikaner auf.

Heute braucht es neuer Regelungen in der Migrationspolitik, unterstrich Sauer und erteilte der Vorstellung von einer "Festung Europa" eine Absage. Solange Afrika keine nachhaltige Entwicklung erfährt, werde es Versuche afrikanischer Menschen geben, ihr gelobtes Land Europa zu erreichen. "Aus heutiger Sicht werten wir die Sklaverei von vor fünfhundert oder dreihundert Jahren als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wie stellen wir sicher, dass nicht kommende Generationen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden, was sich heute in der europäischen Migrationspolitik abspielt", lautete die abschließende Frage Walter Sauers.

Kojo Taylor bezeichnete die Präsentation von Walter Sauers Buch über die Afrikaner in Österreich als einen historischen Tag. Es gehe darum, in Europa Bedingungen zu schaffen, die es möglich machen, die Klischees von Schwarz und Weiß sowie die Gleichsetzung von "fremd" und "böse" zu überwinden, und es so möglich zu machen, dass europäische und afrikanische Menschen einander im Geist der Menschlichkeit begegnen. Kritik übte Taylor am einseitigen Integrationsdiskurs in Österreich und forderte, dass, wer Pflichten erfülle, auch Rechte bekomme. Kojo Taylor schlug für eine neue Integrationspolitik den Grundsatz der Chancengerechtigkeit vor, weil Chancengleichheit nicht ausreiche, solange es Starke und Schwache gebe. Für die Wahrnehmung des Selbstvertretungsanspruches brauche es finanzieller Mittel, sagte der Vertreter des Pan-African Forum in Österreich. Ein wichtiger Punkt sei schließlich auch die Bereitschaft, schwarze Menschen in öffentlichen Institutionen und staatsnahen Unternehmen anzustellen.

Barbara Rohregger klagte darüber, das Migration allzu oft als Bedrohung betrachtet werde, statt als Lebenszusammenhang von Menschen, die auf politische, soziale und ökologische Krisen durch Mobilität reagieren. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen in Afrika setzt laut Rohregger eine neue internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik mit unterstützenden Maßnahmen für den Export afrikanischer Produkte und eine sowohl bi- als auch multilaterale Entschuldung der ärmsten Länder voraus. Zudem forderte Rohregger mehr Kohärenz zwischen der Entwicklungszusammenarbeit und anderen Politikbereichen und einen globalen Ansatz zur Lösung der Probleme Afrikas. Walter Sauers Buch trägt zu einem besseren Verständnis der Ursachen von Migration bei und dient damit einem angstfreien Umgang mit Menschen, die nach Österreich zuwandern.

Das Buch

Der von Walter Sauer herausgegebenen Sammelband "Von Soliman bis Omofuma" präsentiert das Thema im historischen Zusammenhang vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Den ausführlich recherchierten wissenschaftlichen Aufsätzen sind auch kurze Texte aus zeitgenössischen Quellen beigegeben, welche auf die Biographien von Afrikanern in Wien und Österreich verweisen.

Vorweg erläutert der Herausgeber sein Anliegen, den Klischees über eine ethnische Konstante eines "weißen, germanischen" Österreichs entgegenzutreten. Zu allen Zeiten sind Migrationen nachzuweisen und Kontakte zwischen Menschen aus Afrika und Menschen im Gebietes des heutigen Österreich bestanden schon in der Antike und im Mittelalter.

Unter dem Titel "Sklaven, Freie, Fremde" verweisen Walter Sauer und Andrea Wiesböck in einem gemeinsamen Aufsatzes auf die differenzierte soziale Stellung von AfrikanerInnen im Wien des 17. und 18. Jahrhunderts, die mit dem zeitgenössischen Begriff "Mohren" klassifiziert wurden. Ihre Anwesenheit in Österreich erklärt sich vor allem durch den Konflikt mit dem Osmanischen Reich (so genannte "Beutetürken") und Verbindungen zum südeuropäischen Sklavenhandel.

In einem gesonderten Artikel befasst Sauer sich mit der Biographie Angelo Solimans, des bekanntesten der so genannten "Hofmohren" des 18. Jahrhunderts in Wien. Sauer versucht hier, dem wuchernden "Mythos" über Soliman die quellenmäßig fassbare Wirklichkeit entgegenzustellen. Er bringt neben neuen biographischen Details auch eine ausführliche Diskussion der Vorgänge nach Solimans Tod im Jahr 1796. Anscheinend wurden, wenn auch gegen den heftigen Widerstand seiner Tochter Josepha, Teile von Solimans Leiche im Auftrag des Hof-Naturalienkabinett präpariert. Wie Sauer nachweist, sind die genauen Umstände aufgrund der schwierigen Quellenlage bis heute ungeklärt. Der "Fall Soliman" zeigt jedenfalls den Übergang von fürstlichen Wunderkammern und "Kuriositätenkabinetten" zu wissenschaftlichen Sammlungen. Mit dem dabei erhobenen Anspruch, Forschungseinrichtungen zu sein, war aber auch die Entstehung von rassistischen Betrachtungsweisen und Stereotypen verbunden.

Wie Christine Sulzbacher in ihrem Aufsatz "Beten - dienen -unterhalten. Die Funktionalisierung von Afrikanern und Afrikanerinnen im 19. Jahrhundert in Österreich" hinweist, waren die Lebensmöglichkeiten von AfrikanerInnen in Österreich beengt. Obwohl Österreich keine Kolonialpolitik betrieb, wie sie andere europäische Staaten führten, hatte das koloniale System auch Auswirkungen auf die Denkweisen der Österreicher und Österreicherinnen und formte die Umstände, unter denen Afrikaner und Afrikanerinnen nach Österreich kamen, hier lebten und arbeiteten. Die Zuordnung in die Bereiche "Unterhaltung" oder "Dienstleistungen" verfestigte rassistische Stereotypen, deren schlimmsten Auswirkungen sich in der Zeit des Nationalsozialismus manifestierten.

Ein interessantes Kapitel österreichischer Wissenschaftsgeschichte erforscht Marcel Chacrour im Beitrag "Vom Morgenhauch aufstrebender Cultur umweht", der die studentische Migration aus Ägypten nach Österreich im Zeitraum von 1830 bis 1945 behandelt.

Herwig Czech verweist mit dem Titel seines Aufsatzes "Vorwiegend negerische Rassenmerkmale" auf die rassistische Terminologie und die mörderische Praxis des NS-Regimes. Die Tatsache, dass unter den Verfolgten des NS-Regimes in Österreich auch Personen afrikanischer Abstammung waren, darunter Kinder, die als "Mischlinge" eingestuft wurden, ist im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert. Czech macht unter anderem auf den vor 1933 in der radikalen Arbeiterbewegung engagierten Malinesen Tiémoko Garan Kouyaté aufmerksam, der im Juli 1944 im KZ Mauthausen umkam.

In Vorarlberg waren als Teile der französischen Besatzungstruppen auch nordafrikanische Einheiten stationiert. Die Beziehungen von marokkanischen Soldaten zu österreichischen Frauen unterlagen einer starken Tabuisierung, unter deren psychischen Folgen auch noch die Kinder aus solchen Beziehungen zu leiden haben. Hamid Lechhab versucht daher, sich dem Thema "Marokkanische Besatzungskinder in Vorarlberg nach 1945" vor allem mit Methoden der Oral History in Verbindung mit Erkenntnissen der Psychoanalyse anzunähern.

Der abschließende Überblick von Walter Sauer "Afro-österreichische Diaspora heute. Migration und Integration in der 2. Republik" thematisiert den öffentlichen Diskurs über afrikanische Zuwanderer, der nicht zuletzt von rassistischen Vorurteilen geprägt ist. Das führt dazu, dass eine der kleinsten Ausländergruppen in Österreich in der öffentlichen Wahrnehmung als eine "Problemgruppe" gesehen wird. Neben alltäglichen Beispielen von Diskriminierung verweist Sauer auf Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt, auf Armut und Abtauchen in Schattenwirtschaft mit daraus resultierenden Folgen. Im Gegenzug verweist er auf die starke Vereinstätigkeit afrikanischer Zuwanderer. Es entsteht auch ein kleinunternehmerisches "African Business", das vor allem spezifische Nachfragen abdeckt. Eine für die Bedürfnisse der African Community entstandene Medienszene in Österreich unterliegt starken Veränderungen. Von den vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen der Migrantenszene wird vor allem die afrikanische Musik rezipiert. Nicht zuletzt sieht Sauer Ansätze zu einer politischen Partizipation von Austro-AfrikanerInnen.

Walter Sauer (Hrsg.): Von Soliman bis Omofuma. Afrikanische Diaspora in Österreich. 17. bis 20. Jahrhundert. StudienVerlag Innsbruck, Wien, Bozen 2007. Das 269 Seiten starke Buch ist reich illustriert und verfügt über ausführliche Anmerkungen sowie Quellen-Literaturhinweise. (Schluss)

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