"Die Presse": Leitartikel "Ein paar Drogentote regen uns nicht auf" (von Rainer Nowak)

Ausgabe vom 24.11.2006

Wien (OTS) - Zum Drogenproblem fallen Politikern nur Haschtrafiken und Hängt-sie-höher-Parolen ein - ein Teil des Problems.
Wir diskutieren, ob auf ein paar Kilometern Autobahn 160 gefahren werden darf oder nicht. Ob der Finanzminister bleiben soll oder nicht. Was seine Frau dazu sagt. Und sein Kanzler.
Wenn aber bekannt wird, dass 191 Menschen im Vorjahr an Drogenmissbrauch gestorben sind, gibt es kaum Aufregung. Im internationalen Vergleich sei das kein alarmierender Trend, so der zynische aber statistisch richtige Einwand. Eine moderne Gesellschaft hat demnach eine bestimmte Ausfallsquote durch Drogen, eine gute moderne Gesellschaft eine etwas kleinere. Deswegen muss an Lebensgewohnheiten und Rahmenbedingungen nichts geändert werden. Österreich fährt doch gut mit der unauffällig halb-liberalen Drogenpolitik?
Nein. Denn eine andere Zahl im aktuellen Drogenbericht ist mindestens ebenso alarmierend wie jene der Toten: Immer mehr Junge greifen zu einer - noch gefährlicheren - Kombination aus mehreren Drogen, oft ist Heroin dabei. Die Analyse lasse darauf schließen, dass "die diesbezügliche Problematik in den letzten Jahren zugenommen hat", heißt es im Drogenbericht gestelzt. Soll klar heißen: Es gibt immer mehr junge Drogensüchtige. Und: Die Zahl der Toten wird weiter steigen.
Die zuständige Noch-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat warnte in einer ersten Reaktion pflichtschuldig Jugendliche vor Drogenkonsum - das verbessert die Situation sicher merkbar - und verwies auf bahnbrechende gesetzliche Veränderungen, die die Situation offenbar entschärfen könnten. Dabei geht es weder um Legalisierung weicher Drogen noch um Einführung der Todesstrafe für Drogendealer - um zwei höchst unterschiedliche radikale Lösungsansätze anzusprechen -, sondern um die so genannte Neuordnung der Substitutionsbehandlung, Unter diesem sperrigen Begriff wird die Drogenersatztherapie neu geregelt, die Vergabe von Substitol und Co. soll besser kontrolliert werden - sowohl bei Süchtigen als auch Ärzten. Nach Querelen gab es sogar eine Einigung zwischen Ländern und Bund.
Sehr schön, aber nach einer echten Strategie gegen die Problemdrogen klingt das nicht gerade. Eher nach einer guten Neuregelung von Details und für Symptome. Diese (Nicht-)Beschäftigung der Politik mit dem Thema steht in der Tradition der vergangenen Jahre: Eine echte Debatte fand nicht mehr statt. Dass es dazwischen ein Grazer Bürgermeister mit der Forderung nach Zwangstherapie für Süchtige in die lokalen Schlagzeilen schaffte, passt ins Bild. Wenn sonst von Drogen die Rede war, dann meist in dümmlichen Slogans. Die Freiheitlichen - oder waren es die anderen? - riefen zur Jagd auf Dealer aus. Kollateralschaden unter Suchtkranken vermutlich inklusive. Und die ÖVP warf den Grünen im vor-vergangenen Wahlkampf -da war die ÖVP noch hungriger und härter - "Haschtrafiken" vor: Mit Grünen-Regierungsbeteiligung würden weiche Drogen legalisiert werden, sollte suggeriert werden. Das fanden die Grünen gemein, aber irgendwie nicht uncharmant.

Die aktuelle Erklärung, dass Afghanistan am Preisverfall der Drogen und somit an gesteigertem Konsum schuld sei, ist zwar richtig, klingt aber ebenfalls nach Hilflosigkeit. Auf eine Verbesserung zu hoffen, wäre naiv-sinnlos. Die in Afghanistan stationierten deutschen Soldaten haben etwa nicht den Hauch einer Chance, gegen die Opium-Lords vorzugehen. Und die Rückkehr der Taliban, die wesentlich schärfer vorgingen, wird niemand ernsthaft erhoffen.
Zugegeben: Schlüssige Lösungsansätze gibt es kaum, in keinem Land der Welt sind Drogen verschwunden. Die mehr oder weniger offene Drogenszene Wiens, die jeder Passant am Karlsplatz und anderswo besichtigen kann, ist jedenfalls definitiv keine Lösung: Gut möglich, dass die Szene für die Polizei so leichter zu kontrollieren ist. Wenn eine Gesellschaft aber signalisiert, dass Drogen problemlos gekauft und konsumiert werden können, zerstört dies das Unrechtsbewusstsein:
Wirklich kriminell kann es nicht sein, wenn es täglich vor aller Augen auf den Straßen Wiens passiert. Im Gegensatz zum Sterben, das meist im "privaten" Umfeld geschieht.
Auch beim Einsatz der Mittel scheint einiges schief zu laufen: Die Einrichtungen für Drogensüchtige sind überlaufen und desolat wie Wiens Ganslwirt - nun wird es endlich einen Neubau geben. Aber etwa auch am Karlsplatz gibt es de facto keine Betreuungsräumlichkeiten. Betreuer und Sozialarbeiter sind ohnehin völlig überlastet. Dies kann nur geändert werden, wenn Problembewusstsein herrscht. Und das ist in Österreich nicht sehr ausgeprägt.

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