"Die Presse" Leitartikel: Putin und Bush: Psychologen unter sich von Burkhard Bischof

Wien (OTS) - Das russisch-amerikanische Ringen um geopolitischen Einfluss wird wieder bedeutend härter werden.

Der Zwischenstopp war kurz, die Begrüßung durch den Gastgeber gewohnt herzlich. Dabei hätte es Wladimir Putin, der russische Staatschef, der auf dem Höhepunkt seiner Macht ist, wahrscheinlich gar nicht nötig gehabt, extra hinaus zum Moskauer Regierungsflughafen Wnukowo-2 zu rauschen, um mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush, der seit dem Debakel der Republikaner bei den Halbzeitwahlen nur noch als "lahme Ente" gilt, ein Plauderstündchen zu führen. Putin tat es trotzdem, wohl auch deshalb, weil er mit Bush wirklich gut kann. Immerhin hat der Amerikaner dem Russen schon bei ihrem ersten Treffen in Slowenien 2001 "tief in die Augen geblickt" und den Russen sogleich als "geradeheraus" und "vertrauenswürdig" gepriesen.
Und nur so nebenbei: Bush ist nicht der einzige westliche Staatschef, der gut mit Putin kann. Der frühere Geheimdienstler, das weiß man inzwischen, ist ein hervorragender Psychologe, der es ausgezeichnet versteht, auf seine Gesprächspartner einzugehen und ihnen zu schmeicheln. Die westlichen Besucher, die geradezu begeistert von ihren Gesprächen aus dem Kreml herauskamen, sind bereits Legion. Das Putin-Regime legt ja auch größten Wert darauf, dass die Beziehungen auf Regierungsebene bestens funktionieren. Die Beziehungen darunter, auf der gesellschaftlichen Ebene, die sind dem Kreml weniger wichtig. Zwar hätte man es in Moskau bestimmt viel lieber, wenn auch in der Öffentlichkeit der westlichen Staaten ein so rosiges Russland-Bild vorherrschen würde wie in den Regierungsstuben dieser Länder. Aber nachdem die Berichterstattung in den westlichen Medien weiterhin so kritisch gegenüber Putin ist, versucht man das einfach zu ignorieren - und pflegt umso intensiveren Kontakt zu den Oberen.
Aber auch wenn sich Putin und Bush vor den TV-Kameras gegenseitig auf die Schultern klopfen: "Die bilateralen Beziehungen zwischen Russland und den USA sind so schlecht wie nie zuvor seit 1991", meint Dimitrij Trenin, Analytiker der renommierten Moskauer Carnegie-Stiftung. Seit Moskau sich von den Amerikanern getäuscht sieht, weil diese keinen der russischen Wünsche im gemeinsamen Krieg gegen den Terror nach dem 11. September 2001 erfüllt hätten, ist der gegenseitige Umgang immer ruppiger geworden.
Putins Russland sieht das amerikanische Engagement im post-sowjetischen Raum, den es wieder als seine natürliche Einflusssphäre betrachtet, nur noch negativ; es verfolgt im Iran, dessen Atomprogramm weltweit Sorgen auslöst, seine ganz eigenen Pläne und betreibt insgesamt zur Freude der arabischen Staaten wieder eine Nahostpolitik nach eigenem Geschmack.
Ohne sie direkt beim Namen zu nennen, hat auch Putin selbst den Amerikanern zuletzt in einer Reihe von öffentlichen Stellungnahmen eine destabilisierende Rolle in vielen Weltgegenden vorgeworfen. Unwahrscheinlich, dass er diesen Vorwurf gestern in Wnukowo-2 auch im persönlichen Gespräch mit Bush erhoben hat.
Umgekehrt ist kaum anzunehmen, dass Bush dem Russen sein Sündenregister unter die Nase gerieben hat: Dass Putin in den vergangenen sechs Jahren die Staatsgewalt zentralisiert und monopolisiert hat; dass er Parlament, Justiz und Medien gleichgeschaltet und die Gewaltenteilung aufgehoben hat; dass unter ihm die Bürokratie allmächtig wurde, aber die Opposition geknebelt und die Zivilgesellschaft unterdrückt wird; dass sich Russland den kleinen Nachbarn gegenüber neuerdings wie ein ungehobelter Rüpel verhält, die abgestraft werden, wenn sie nicht nach Moskaus Pfeife tanzen; dass es die russischen außenpolitischen Alleingänge der internationalen Staatengemeinschaft immens erschweren, nicht vertrauenswürdige und verantwortungslose Regime wie etwa jenes in Teheran zur Räson zu bringen.

Diese Sicht von Putins Russland ist heute nicht nur in den US-Medien, sondern auch in der demokratischen Partei weit verbreitet. Aber beispielsweise auch Senator John McCain, ein Topfavorit für die republikanische Präsidentschaftskandidatur, sieht Russland so kritisch. Insofern kann es durchaus sein, dass die amerikanische Rhetorik gegenüber Russland schon bald viel schärfer wird. Hauptschlachtfeld des russisch-amerikanischen Ringens wird der post-sowjetische Raum werden: Es geht um Energierohstoffe, und es geht um die Nähe zur Krisenzone Naher und Mittlerer Osten. Ein neuer Kalter Krieg wird zwar wohl nicht ausbrechen, aber doch ein beinhartes Tauziehen zweier selbstbewusster Mächte, für die nationale Interessen über alles gehen.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001