• 15.11.2006, 17:35:21
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"Die Presse" Leitartikel: Putin und Bush: Psychologen unter sich von Burkhard Bischof

Wien (OTS) - Das russisch-amerikanische Ringen um geopolitischen
Einfluss wird wieder bedeutend härter werden.

Der Zwischenstopp war kurz, die Begrüßung durch den Gastgeber gewohnt
herzlich. Dabei hätte es Wladimir Putin, der russische Staatschef,
der auf dem Höhepunkt seiner Macht ist, wahrscheinlich gar nicht
nötig gehabt, extra hinaus zum Moskauer Regierungsflughafen Wnukowo-2
zu rauschen, um mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush,
der seit dem Debakel der Republikaner bei den Halbzeitwahlen nur noch
als "lahme Ente" gilt, ein Plauderstündchen zu führen. Putin tat es
trotzdem, wohl auch deshalb, weil er mit Bush wirklich gut kann.
Immerhin hat der Amerikaner dem Russen schon bei ihrem ersten Treffen
in Slowenien 2001 "tief in die Augen geblickt" und den Russen
sogleich als "geradeheraus" und "vertrauenswürdig" gepriesen.
Und nur so nebenbei: Bush ist nicht der einzige westliche Staatschef,
der gut mit Putin kann. Der frühere Geheimdienstler, das weiß man
inzwischen, ist ein hervorragender Psychologe, der es ausgezeichnet
versteht, auf seine Gesprächspartner einzugehen und ihnen zu
schmeicheln. Die westlichen Besucher, die geradezu begeistert von
ihren Gesprächen aus dem Kreml herauskamen, sind bereits Legion.
Das Putin-Regime legt ja auch größten Wert darauf, dass die
Beziehungen auf Regierungsebene bestens funktionieren. Die
Beziehungen darunter, auf der gesellschaftlichen Ebene, die sind dem
Kreml weniger wichtig. Zwar hätte man es in Moskau bestimmt viel
lieber, wenn auch in der Öffentlichkeit der westlichen Staaten ein so
rosiges Russland-Bild vorherrschen würde wie in den Regierungsstuben
dieser Länder. Aber nachdem die Berichterstattung in den westlichen
Medien weiterhin so kritisch gegenüber Putin ist, versucht man das
einfach zu ignorieren - und pflegt umso intensiveren Kontakt zu den
Oberen.
Aber auch wenn sich Putin und Bush vor den TV-Kameras gegenseitig auf
die Schultern klopfen: "Die bilateralen Beziehungen zwischen Russland
und den USA sind so schlecht wie nie zuvor seit 1991", meint Dimitrij
Trenin, Analytiker der renommierten Moskauer Carnegie-Stiftung. Seit
Moskau sich von den Amerikanern getäuscht sieht, weil diese keinen
der russischen Wünsche im gemeinsamen Krieg gegen den Terror nach dem
11. September 2001 erfüllt hätten, ist der gegenseitige Umgang immer
ruppiger geworden.
Putins Russland sieht das amerikanische Engagement im
post-sowjetischen Raum, den es wieder als seine natürliche
Einflusssphäre betrachtet, nur noch negativ; es verfolgt im Iran,
dessen Atomprogramm weltweit Sorgen auslöst, seine ganz eigenen Pläne
und betreibt insgesamt zur Freude der arabischen Staaten wieder eine
Nahostpolitik nach eigenem Geschmack.
Ohne sie direkt beim Namen zu nennen, hat auch Putin selbst den
Amerikanern zuletzt in einer Reihe von öffentlichen Stellungnahmen
eine destabilisierende Rolle in vielen Weltgegenden vorgeworfen.
Unwahrscheinlich, dass er diesen Vorwurf gestern in Wnukowo-2 auch im
persönlichen Gespräch mit Bush erhoben hat.
Umgekehrt ist kaum anzunehmen, dass Bush dem Russen sein
Sündenregister unter die Nase gerieben hat: Dass Putin in den
vergangenen sechs Jahren die Staatsgewalt zentralisiert und
monopolisiert hat; dass er Parlament, Justiz und Medien
gleichgeschaltet und die Gewaltenteilung aufgehoben hat; dass unter
ihm die Bürokratie allmächtig wurde, aber die Opposition geknebelt
und die Zivilgesellschaft unterdrückt wird; dass sich Russland den
kleinen Nachbarn gegenüber neuerdings wie ein ungehobelter Rüpel
verhält, die abgestraft werden, wenn sie nicht nach Moskaus Pfeife
tanzen; dass es die russischen außenpolitischen Alleingänge der
internationalen Staatengemeinschaft immens erschweren, nicht
vertrauenswürdige und verantwortungslose Regime wie etwa jenes in
Teheran zur Räson zu bringen.

Diese Sicht von Putins Russland ist heute nicht nur in den US-Medien,
sondern auch in der demokratischen Partei weit verbreitet. Aber
beispielsweise auch Senator John McCain, ein Topfavorit für die
republikanische Präsidentschaftskandidatur, sieht Russland so
kritisch. Insofern kann es durchaus sein, dass die amerikanische
Rhetorik gegenüber Russland schon bald viel schärfer wird.
Hauptschlachtfeld des russisch-amerikanischen Ringens wird der
post-sowjetische Raum werden: Es geht um Energierohstoffe, und es
geht um die Nähe zur Krisenzone Naher und Mittlerer Osten. Ein neuer
Kalter Krieg wird zwar wohl nicht ausbrechen, aber doch ein
beinhartes Tauziehen zweier selbstbewusster Mächte, für die nationale
Interessen über alles gehen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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