DER STANDARD-Kommentar "Entkommen. Konsequenzen?" von Gerfried Sperl

Der Fall Kampusch und die Frage, ob das Richtige zu ihrer Auffindung geschah

Wien (OTS) - Adolf Brenner, der Gänserndorfer Kriminalist, der den Namen des Kommissars in den Krimis von Wolf Haas trägt, hat Recht:
Auch auf dem Land herrsche schon der städtische Zustand, dass man einander nicht kennt. Das sei traurig.
Der wirkliche Brenner braucht glücklicherweise keinen Mord aufklären, er hat es trotzdem mit einem Kriminalfall zu tun, der eine Publizität erreicht wie selten ein Tötungsdelikt: Ein Mädchen, das man totgeglaubt hatte, ist wieder aufgetaucht.
In Wirklichkeit ist diese positive und berührende Nachricht von vielen Schatten umgeben. Natascha Kampusch wird noch jahrelang einer intensiven Betreuung bedürfen. Und selbst dann: Wie autonom wird sie sein können? Wird sie genug Konzentration für eine Berufsschulung haben? Wird sie je eine gute Beziehung eingehen können? Wenige Fragen von vielen.
Entführung und Gefangenschaft bleiben, was sie von Anfang an waren:
ein schreckliches Verbrechen. Weshalb die Fragen an die Polizei zu stellen sind. 1. Hat man sich zu sehr auf die Annahme verlassen, es handle sich um ein Sexualverbrechen? 2. Lässt man das Haus des Besitzers eines weißen Kastenwagens unbeobachtet, nur weil kein Durchsuchungsbefehl möglich ist? Noch dazu, da ein Wasserzähler ausgetauscht und andere behördliche "Besuche" im Hause stattgefunden haben. Nur halt keine polizeilichen. 3. Sind all die Krimis falsch, in denen man so lange anläutet, bis man hineinkann, es außerdem verkleidet probiert? 4. Wird jemand nicht verdächtig, je unauffälliger er ist, je unverlässlicher er ist, was Jobs betrifft? Weil die Polizei immer sich selbst untersucht, wird man etwaige Fehler nie eruieren können. Es bleibt nur ein bitterer Nachgeschmack. Und die in "Kottan"-Drehbücher hin-einreichende Vermutung, dass Teile der Exekutive bei der Geschenkannahme fantasiereicher sind als bei Ermittlungen.Was bleibt? Dass man den Fall Kampusch möglicherweise vergeigt hat.
Die Diskussion eines Problems, das nicht die Polizei selbst betrifft, sondern den Gesetzgeber und die Regierung, wird spätestens in einigen Tagen stattfinden: Wie weit kann die Exekutive gehen? Denn ein Lauschangriff hilft genauso wenig wie ein dichtes Netz von Informanten - wenn selbst die Nachbarn, darunter ein Onkel des Opfers, nichts bemerkt haben.
Weshalb wir mit der bangen Frage konfrontiert sind: Wie viele der in Österreich (aber nicht nur hier) verschwundenen Menschen sind in der Gewalt eines Entführers oder einer Entführerin? Fast 800 Personen gelten in Österreich derzeit als vermisst, an die 200 sind, so sie noch leben, unter 18 Jahre alt. Wie Natascha Kampusch. Die meisten vermissten Jugendlichen tauchen nach zwei bis vier Tagen wieder auf, nach wie vor gibt es Kinder, die mit Fremden mitgehen. Auf EU-Ebene wird angenommen, dass es in Europa mehrere unentdeckte "Privat"-Gefängnisse gibt, die von Schwergestörten "befehligt" werden. Auch Natascha Kampusch soll in den ersten Jahren genötigt gewesen sein, ihren Entführer als "mein Gebieter" anzusprechen.
Der Fall Kampusch zeigt uns, als Konsequenz, mindestens drei Aspekte:
1. Die Reduktion der Zahl der Polizisten auf dem Lande ist falsch. Sie ist unter Schwarz-Blau und Schwarz-Orange forciert worden, obwohl die Regierungspolitiker ständig "Law and Order" riefen. 2. Die Medien werden genau beobachten müssen, wie viel Geld der Staat für die jahrelange Behandlung der jungen Frau auszugeben bereit ist. Denn die Familie allein wird das mit Sicherheit nicht leisten können. 3. Man wird sich an den Fall erinnern müssen, wenn wieder einmal versucht wird, die Zahl der Psychologen und Psychotherapeuten im öffentlichen Dienst zu reduzieren.
Überall in den österreichischen Medien wurde das Entführungsopfer mit einer Decke über dem Kopf gezeigt. Eine symbolische Aufnahme: die mental wohl immer noch Gefangene mit wenig Luft und nahezu keinem Kontakt nach außen. Draußen, für sie nicht sichtbar, die Welt.

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