- 24.08.2006, 18:18:14
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DER STANDARD-Kommentar "Entkommen. Konsequenzen?" von Gerfried Sperl
Der Fall Kampusch und die Frage, ob das Richtige zu ihrer Auffindung geschah
Wien (OTS) - Adolf Brenner, der Gänserndorfer Kriminalist, der den
Namen des Kommissars in den Krimis von Wolf Haas trägt, hat Recht:
Auch auf dem Land herrsche schon der städtische Zustand, dass man
einander nicht kennt. Das sei traurig.
Der wirkliche Brenner braucht glücklicherweise keinen Mord aufklären,
er hat es trotzdem mit einem Kriminalfall zu tun, der eine Publizität
erreicht wie selten ein Tötungsdelikt: Ein Mädchen, das man
totgeglaubt hatte, ist wieder aufgetaucht.
In Wirklichkeit ist diese positive und berührende Nachricht von
vielen Schatten umgeben. Natascha Kampusch wird noch jahrelang einer
intensiven Betreuung bedürfen. Und selbst dann: Wie autonom wird sie
sein können? Wird sie genug Konzentration für eine Berufsschulung
haben? Wird sie je eine gute Beziehung eingehen können? Wenige Fragen
von vielen.
Entführung und Gefangenschaft bleiben, was sie von Anfang an waren:
ein schreckliches Verbrechen. Weshalb die Fragen an die Polizei zu
stellen sind. 1. Hat man sich zu sehr auf die Annahme verlassen, es
handle sich um ein Sexualverbrechen? 2. Lässt man das Haus des
Besitzers eines weißen Kastenwagens unbeobachtet, nur weil kein
Durchsuchungsbefehl möglich ist? Noch dazu, da ein Wasserzähler
ausgetauscht und andere behördliche "Besuche" im Hause stattgefunden
haben. Nur halt keine polizeilichen. 3. Sind all die Krimis falsch,
in denen man so lange anläutet, bis man hineinkann, es außerdem
verkleidet probiert? 4. Wird jemand nicht verdächtig, je
unauffälliger er ist, je unverlässlicher er ist, was Jobs betrifft?
Weil die Polizei immer sich selbst untersucht, wird man etwaige
Fehler nie eruieren können. Es bleibt nur ein bitterer Nachgeschmack.
Und die in "Kottan"-Drehbücher hin-einreichende Vermutung, dass Teile
der Exekutive bei der Geschenkannahme fantasiereicher sind als bei
Ermittlungen.Was bleibt? Dass man den Fall Kampusch möglicherweise
vergeigt hat.
Die Diskussion eines Problems, das nicht die Polizei selbst betrifft,
sondern den Gesetzgeber und die Regierung, wird spätestens in einigen
Tagen stattfinden: Wie weit kann die Exekutive gehen? Denn ein
Lauschangriff hilft genauso wenig wie ein dichtes Netz von
Informanten - wenn selbst die Nachbarn, darunter ein Onkel des
Opfers, nichts bemerkt haben.
Weshalb wir mit der bangen Frage konfrontiert sind: Wie viele der in
Österreich (aber nicht nur hier) verschwundenen Menschen sind in der
Gewalt eines Entführers oder einer Entführerin? Fast 800 Personen
gelten in Österreich derzeit als vermisst, an die 200 sind, so sie
noch leben, unter 18 Jahre alt. Wie Natascha Kampusch. Die meisten
vermissten Jugendlichen tauchen nach zwei bis vier Tagen wieder auf,
nach wie vor gibt es Kinder, die mit Fremden mitgehen. Auf EU-Ebene
wird angenommen, dass es in Europa mehrere unentdeckte
"Privat"-Gefängnisse gibt, die von Schwergestörten "befehligt"
werden. Auch Natascha Kampusch soll in den ersten Jahren genötigt
gewesen sein, ihren Entführer als "mein Gebieter" anzusprechen.
Der Fall Kampusch zeigt uns, als Konsequenz, mindestens drei Aspekte:
1. Die Reduktion der Zahl der Polizisten auf dem Lande ist falsch.
Sie ist unter Schwarz-Blau und Schwarz-Orange forciert worden, obwohl
die Regierungspolitiker ständig "Law and Order" riefen. 2. Die Medien
werden genau beobachten müssen, wie viel Geld der Staat für die
jahrelange Behandlung der jungen Frau auszugeben bereit ist. Denn die
Familie allein wird das mit Sicherheit nicht leisten können. 3. Man
wird sich an den Fall erinnern müssen, wenn wieder einmal versucht
wird, die Zahl der Psychologen und Psychotherapeuten im öffentlichen
Dienst zu reduzieren.
Überall in den österreichischen Medien wurde das Entführungsopfer mit
einer Decke über dem Kopf gezeigt. Eine symbolische Aufnahme: die
mental wohl immer noch Gefangene mit wenig Luft und nahezu keinem
Kontakt nach außen. Draußen, für sie nicht sichtbar, die Welt.
Rückfragehinweis:
Der Standard
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