"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Innsbrucks Kreuz" (Von PETER NINDLER)

Ausgabe vom 24. August 2006

Innsbruck (OTS) - Was vor 20 Jahren noch als nackte Erregung empfunden wurde, wäre heute ein Akt kultureller Vergangenheitsbewältigung: die Aufstellung von Rudi Wachs Kruzifix mit dem splitternackten Jesus auf seinem ursprünglich vorgesehenen Platz an der Innsbrucker Innbrücke. Die Landeshauptstadt verträgt schon längst das Kreuz, das mittlerweile auch eine erregte kulturpolitische Debatte verinnerlicht. Deshalb es ist auch kein besonders mutiger Vorstoß, das Kunstwerk endlich von seinem Schattendasein im Hof des Volkskunstmuseums zu befreien.

Altbischof Reinhold Stecher wollte sich 1986 nicht gegen die Ablehnung der Gläubigen stellen und verweigerte den Segen für den völlig entmaterialisiert dargestellten Sohn Gottes. Nacktheit als falsch verstandenes kulturelles Symbol legte der Kunst damals Fesseln an. Verlangte nach einem Lendenschurz für den Glaubensanker der Katholiken. An der Jesus-Darstellung hat sich seither nichts geändert, doch die Stadtführung möchte jetzt endgültig die Fesseln eines großen Missverständnisses sprengen.

Natürlich wird es wieder Proteste geben, doch Kultur benötigt diesen Widerspruch. Heute wie 1986. Nur im Jahr 2006 hat sich vielleicht das Kulturverständis geändert, ist in der Tiroler Landeshauptstadt Platz für diese Kontroverse. Und wenn nicht, muss einer geschaffen werden. Denn Rudi Wach verletzt keine religiösen Gefühle, sondern vermenschlicht den Erlöser. Für einen Kulturkampf gibt es somit keinen Anlass, außer es wird zwanghaft nach einem gesucht.

Pfarrer Meinrad Schumacher hat es schon zum Zeitpunkt der Erregung vor 20 Jahren treffend auf den Punkt gebracht, als er in einem Leserbrief zum nackten Jesus schrieb: "Er ist ein Sinnbild aller Geschlagenen, Getretenen und Gefolterten. Und denen ist kein Lendenschurz vergönnt." Heute wie 1986.

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