- 24.08.2006, 08:08:43
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"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Innsbrucks Kreuz" (Von PETER NINDLER)
Ausgabe vom 24. August 2006
Innsbruck (OTS) - Was vor 20 Jahren noch als nackte Erregung
empfunden wurde, wäre heute ein Akt kultureller
Vergangenheitsbewältigung: die Aufstellung von Rudi Wachs Kruzifix
mit dem splitternackten Jesus auf seinem ursprünglich vorgesehenen
Platz an der Innsbrucker Innbrücke. Die Landeshauptstadt verträgt
schon längst das Kreuz, das mittlerweile auch eine erregte
kulturpolitische Debatte verinnerlicht. Deshalb es ist auch kein
besonders mutiger Vorstoß, das Kunstwerk endlich von seinem
Schattendasein im Hof des Volkskunstmuseums zu befreien.
Altbischof Reinhold Stecher wollte sich 1986 nicht gegen die
Ablehnung der Gläubigen stellen und verweigerte den Segen für den
völlig entmaterialisiert dargestellten Sohn Gottes. Nacktheit als
falsch verstandenes kulturelles Symbol legte der Kunst damals Fesseln
an. Verlangte nach einem Lendenschurz für den Glaubensanker der
Katholiken. An der Jesus-Darstellung hat sich seither nichts
geändert, doch die Stadtführung möchte jetzt endgültig die Fesseln
eines großen Missverständnisses sprengen.
Natürlich wird es wieder Proteste geben, doch Kultur benötigt
diesen Widerspruch. Heute wie 1986. Nur im Jahr 2006 hat sich
vielleicht das Kulturverständis geändert, ist in der Tiroler
Landeshauptstadt Platz für diese Kontroverse. Und wenn nicht, muss
einer geschaffen werden. Denn Rudi Wach verletzt keine religiösen
Gefühle, sondern vermenschlicht den Erlöser. Für einen Kulturkampf
gibt es somit keinen Anlass, außer es wird zwanghaft nach einem
gesucht.
Pfarrer Meinrad Schumacher hat es schon zum Zeitpunkt der Erregung
vor 20 Jahren treffend auf den Punkt gebracht, als er in einem
Leserbrief zum nackten Jesus schrieb: "Er ist ein Sinnbild aller
Geschlagenen, Getretenen und Gefolterten. Und denen ist kein
Lendenschurz vergönnt." Heute wie 1986.
Rückfragehinweis:
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