DER STANDARD-Kommentar: Die "Schande" des Günter Grass von Claus Philipp

Oder: Was soll das heute noch bedeuten - eine "moralische Instanz"?; Ausgabe vom 17. August 2006

Wien (OTS) - Am Anfang war das Unbehagen - weniger über das für viele tatsächlich überraschende Eingestehen eines fast lebenslangen Verschweigens biografischer Details als vielmehr über die Form, in der das "Schweigen" gebrochen wurde: Staatstragend, acht Seiten FAZ-Sonderbeilage ankündigend, durfte der deutsche Schriftsteller Günter Grass dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher gestehen, was er in privaten Kreisen seit Jahren erzählt hat: Mit 17 war er bei der Waffen-SS.
Seither ist der Spekulationen darüber, ob Grass als "moralische Instanz" nun tatsächlich erledigt sei, kein Ende. Ein vermeintlicher Gerechter ha-be sich da seinen Nobelpreis erschlichen, wettern andere Gerechte. So ein Schuft!
Ohne jetzt auch nur irgendwie eine wie auch immer moti-vierte SS-Mitgliedschaft verharmlosen zu wollen: Die Erkenntnis, dass hier ein weiteres Künstlerdenkmal zu Lebzeiten auf ein menschliches Maß von Fehlbarkeit heruntergeholt wurde (was wahrscheinlich vor allem ein Problem für die Fans von lebenden Legenden ist) - sie könnte durchaus befreiende Wirkung haben. Fatal sind eher die Mechanismen einer Öffentlichkeitsindustrie, die mit aller Macht und allem Machtgefühl Trennlinien zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld zieht, als hinge allein daran die "Bedeutung" des/der jeweils Betroffenen.
Grass und sein Verleger sind an diesem Spiel natürlich durchaus beteiligt: Schon jetzt hat der Steidl-Verlag den Erscheinungstermin vorgezogen und dürfte erhöhte Auflagen in Erwägung ziehen. Überhaupt hat der Schriftsteller als "moralische Instanz" und also auch Medienstar ja durchaus gut gelebt. Auch wenn Grass’ politisches Engagement im In- und Ausland nur selten über emotionale Interventionen hin_ausging, und auch wenn er als Romancier mehr Gespür beweist denn als "Aktivist" - die Rolle des staatstragenden Dichters und Denkers und Moralisten hat er durchaus emphatisch übernommen und (mit-)gespielt.
Insofern ist er jetzt wohl auch in die Falle der eigenen Bedeutungsseligkeit getappt. Abgesehen davon gibt es aber noch eine höhere Ebene, auf der die jüngste Auseinandersetzung besonders prekär anmutet: Der deutsche Historiker Hans Mommsen kritisierte anlässlich der Attacken gegen Grass völlig zu Recht einen "scheinheiligen" Umgang mit deutscher Vergangenheit - vor dem Hintergrund einer "mangelnden Bereitschaft der Nation, ihre eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen einzugestehen, und ihres Bestrebens, sie auf die NS-Täter im engeren Sinne zu projizieren."
Dies passt leider zum immer noch inflationären TV-Einsatz von Guido-Knopp-Dokus rund um Hitler, seine "Manager", Frauen und willigen Vollstrecker, in denen mitnichten Aufklärung betrieben wird, sondern eine krude Auratisierung "böser" Zeiten, die möglichst "nie mehr passieren2, aber bitte möglichst oft verfilmt werden sollen. Es passt weiters zu - auch in der FAZ hochgespielten - Debatten, ob etwa ein Martin Walser Antisemit und damit eine Art von "Täter2 sei. Oder ob man Peter Handke heute mit Ernst Jünger vergleichen könne.
Wie schrieb der britische Historiker Ian Kershaw in seiner monumentalen Hitler-Analyse: Der reine Blick auf Biografien, Zitate und deren mehr oder weniger sprunghafte Volten erschöpfe sich schnell in einer Überbewertung dämonisierbarer Einzelschicksale. Es gelte, größere Zusammenhänge auszuloten, in denen sich rund um den Einzelnen größere Eigendynamiken entwickeln.
Insofern bedient wohl auch die Demontage der "moralischen Instanz" Grass lediglich einen Wunsch nach mehr oder weniger autoritären Einzelfiguren. Grass’ Biografie mag uns in Hinkunft als wichtiges subjektives Zeugnis zur deutschen Zeit- und Geistesgeschichte dienen. Viel interessanter wäre demnächst aber die Analyse einer intellektuellen und medialen Landschaft der Nachkriegszeit, die bis in die jüngste Gegenwart herauf inständig "Instanzen" und "Vordenker" zelebriert - ohne deren Irrtumsanfälligkeit in Augenhöhe mitzubedenken.

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