- 16.08.2006, 18:16:16
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DER STANDARD-Kommentar: Die "Schande" des Günter Grass von Claus Philipp
Oder: Was soll das heute noch bedeuten - eine "moralische Instanz"?; Ausgabe vom 17. August 2006
Wien (OTS) - Am Anfang war das Unbehagen - weniger über das für
viele tatsächlich überraschende Eingestehen eines fast lebenslangen
Verschweigens biografischer Details als vielmehr über die Form, in
der das "Schweigen" gebrochen wurde: Staatstragend, acht Seiten
FAZ-Sonderbeilage ankündigend, durfte der deutsche Schriftsteller
Günter Grass dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher gestehen, was er
in privaten Kreisen seit Jahren erzählt hat: Mit 17 war er bei der
Waffen-SS.
Seither ist der Spekulationen darüber, ob Grass als "moralische
Instanz" nun tatsächlich erledigt sei, kein Ende. Ein vermeintlicher
Gerechter ha-be sich da seinen Nobelpreis erschlichen, wettern andere
Gerechte. So ein Schuft!
Ohne jetzt auch nur irgendwie eine wie auch immer moti-vierte
SS-Mitgliedschaft verharmlosen zu wollen: Die Erkenntnis, dass hier
ein weiteres Künstlerdenkmal zu Lebzeiten auf ein menschliches Maß
von Fehlbarkeit heruntergeholt wurde (was wahrscheinlich vor allem
ein Problem für die Fans von lebenden Legenden ist) - sie könnte
durchaus befreiende Wirkung haben. Fatal sind eher die Mechanismen
einer Öffentlichkeitsindustrie, die mit aller Macht und allem
Machtgefühl Trennlinien zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld
zieht, als hinge allein daran die "Bedeutung" des/der jeweils
Betroffenen.
Grass und sein Verleger sind an diesem Spiel natürlich durchaus
beteiligt: Schon jetzt hat der Steidl-Verlag den Erscheinungstermin
vorgezogen und dürfte erhöhte Auflagen in Erwägung ziehen. Überhaupt
hat der Schriftsteller als "moralische Instanz" und also auch
Medienstar ja durchaus gut gelebt. Auch wenn Grass’ politisches
Engagement im In- und Ausland nur selten über emotionale
Interventionen hin_ausging, und auch wenn er als Romancier mehr
Gespür beweist denn als "Aktivist" - die Rolle des staatstragenden
Dichters und Denkers und Moralisten hat er durchaus emphatisch
übernommen und (mit-)gespielt.
Insofern ist er jetzt wohl auch in die Falle der eigenen
Bedeutungsseligkeit getappt. Abgesehen davon gibt es aber noch eine
höhere Ebene, auf der die jüngste Auseinandersetzung besonders prekär
anmutet: Der deutsche Historiker Hans Mommsen kritisierte anlässlich
der Attacken gegen Grass völlig zu Recht einen "scheinheiligen"
Umgang mit deutscher Vergangenheit - vor dem Hintergrund einer
"mangelnden Bereitschaft der Nation, ihre eigene Verstrickung in die
NS-Verbrechen einzugestehen, und ihres Bestrebens, sie auf die
NS-Täter im engeren Sinne zu projizieren."
Dies passt leider zum immer noch inflationären TV-Einsatz von
Guido-Knopp-Dokus rund um Hitler, seine "Manager", Frauen und
willigen Vollstrecker, in denen mitnichten Aufklärung betrieben wird,
sondern eine krude Auratisierung "böser" Zeiten, die möglichst "nie
mehr passieren2, aber bitte möglichst oft verfilmt werden sollen. Es
passt weiters zu - auch in der FAZ hochgespielten - Debatten, ob etwa
ein Martin Walser Antisemit und damit eine Art von "Täter2 sei. Oder
ob man Peter Handke heute mit Ernst Jünger vergleichen könne.
Wie schrieb der britische Historiker Ian Kershaw in seiner
monumentalen Hitler-Analyse: Der reine Blick auf Biografien, Zitate
und deren mehr oder weniger sprunghafte Volten erschöpfe sich schnell
in einer Überbewertung dämonisierbarer Einzelschicksale. Es gelte,
größere Zusammenhänge auszuloten, in denen sich rund um den Einzelnen
größere Eigendynamiken entwickeln.
Insofern bedient wohl auch die Demontage der "moralischen Instanz"
Grass lediglich einen Wunsch nach mehr oder weniger autoritären
Einzelfiguren. Grass’ Biografie mag uns in Hinkunft als wichtiges
subjektives Zeugnis zur deutschen Zeit- und Geistesgeschichte dienen.
Viel interessanter wäre demnächst aber die Analyse einer
intellektuellen und medialen Landschaft der Nachkriegszeit, die bis
in die jüngste Gegenwart herauf inständig "Instanzen" und "Vordenker"
zelebriert - ohne deren Irrtumsanfälligkeit in Augenhöhe
mitzubedenken.
Rückfragehinweis:
Der Standard
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