Wiener Landwirtschaft will Zusammenarbeit mit Tourismus forcieren

Impulsveranstaltung von FORUM LAND Wien und Ökosozialem Forum Wien

Wien (AIZ) - Die Frage, wie es der Wiener Stadt-Landwirtschaft gelingen kann, sich in Zusammenarbeit mit dem Tourismus besser zu behaupten und zusätzliche Einkommensquellen zu schaffen, stand gestern im Mittelpunkt einer Tagung von FORUM LAND Wien und dem Ökosozialen Forum Wien. Grundkonsens der Veranstaltung "Gast-Land-Wirt - Tourismus und Landwirtschaft neu gedacht" war die Aussage, dass es gelingen muss, die Touristen oder die im Urlaub Daheimgebliebenen an die Wiener Betriebe zu holen und zu motivieren, deren vielfältigen Angebote in Anspruch zu nehmen. Die Identifikation der Bevölkerung oder der "für kurze Zeit Einheimischen" mit der Landwirtschaft der Bundeshauptstadt sollte forciert werden. Dies kann beispielsweise über spezielle, innovative Wien-Produkte gelingen, die für Regionalität und Authentizität stehen.

Touristen und Wiener gezielt mit Landwirtschaft in Kontakt bringen

Universitätsprofessor Peter Zellmann vom Institut für Freizeitforschung hob insbesondere Spazier- und Radwege als oft erste und wichtige Kontaktzone zwischen Touristen und der Bevölkerung mit landwirtschaftlichen Flächen hervor. "Gerade diese Kontakträume sollen einladen und weiterführen. Sie müssen daher gestaltet und inszeniert werden", sagte Zellmann. Beispielsweise eine offene Parzellengestaltung, Einblicke in die Nutzungsformen oder entsprechende Beschilderungen seien zielführend. So könnten gerade Familien mit Kindern beim agrarischen Geschehen zuschauen und auf diesem Wege an die Höfe geholt werden. Auch aus den Möglichkeiten des Ab-Hof-Verkaufs könne eine Identifikation mit der "persönlichen" Landwirtschaft erreicht werden. Familien oder auch Kinder, die über Bildungseinrichtungen zu erreichen seien, sollten somit gezielt eingeladen und mit den landwirtschaftlichen Produkten in Kontakt gebracht werden, so Zellmann.

"Agritainment"-Veranstaltungen und Urlaubspakete für Daheimgebliebene

Zusätzlich erwähnte der Forscher, dass man auch nicht vergessen dürfe, dass rund 50% der Bevölkerung nicht verreisen und ihren Urlaub meist aus finanziellen Gründen zu Hause verbringen. "Diese Daheimgebliebenen sind das größte Potenzial, das es zu nutzen gilt", meinte Zellmann. Gerade auch für diese Form von Touristen müsse man speziell geschnürte, kostengünstige Pakete anbieten. Zusätzlich seien auch Hoffeste, Themenpartys und Events als neue Einkommensquellen geeignet. Diese "Agritainment"-Veranstaltungen dienten außerdem dazu, die Bevölkerung auf die Leistungen der Wiener Landwirtschaft aufmerksam zu machen und für diese zu begeistern. Kooperationen seien zu diesem Zweck unbedingt erforderlich, meinte der Freizeitforscher. Zellmann hob ferner hervor, wie wichtig personenbezogene Dienstleistungen "von Mensch zu Mensch" seien. Dazu müssten auch entsprechende Ausbildungs- und Qualifikationsmöglichkeiten geschaffen werden.

Wien-typische Agrarprodukte entwickeln und vermarkten

In einer Podiums- und Publikumsdiskussion meinte der Wiener Gastronom und Initiator des Wiener Kochsalons, Christian Wrenkh, dass es Kernprodukte und Speisen geben sollte, die Touristen wie Einheimische untrennbar mit der Landwirtschaft der Bundeshauptstadt verbinden. Wiener Erzeugnisse sollten auch mehr als solche gekennzeichnet werden, um Konsumenten und Gastronomie eine Hilfestellung zu bieten. Der Ehrenobmann des Wiener Bauernbundes, Gottfried Schabbauer, erwähnte, dass man im Lebensmittelhandel bald eigens eingepackte "Wiener Äpfel" kaufen könne. Eine Vertreterin der Tourismusindustrie meinte dazu, dass viele Gäste extra aus dem Ausland anreisen, um beispielsweise einen Wiener Apfelstrudel backen zu lernen. Sicherstellen zu können, dass das Rohmaterial dafür auch aus der Bundeshauptstadt kommt, hält sie für einen großen Vorteil.

Neben Obst wie Äpfeln werden in der Bundeshauptstadt auch große Mengen an Gemüse produziert. So kommen 75% des Frischgemüse-Verbrauchs aus den Wiener Gärtnereien. "Hier werden jährlich 60.000 t Gemüse produziert. Das sind über 160 t pro Tag", berichtete der Vizepräsident der Landwirtschaftskammer Wien und Obmann von FORUM LAND Wien, Franz Windisch. Die Universitätsprofessorin und Präsidentin des Ökosozialen Forum Wien, Gerlind Weber, sagte, dass es zusätzlich gelingen sollte, haltbare Agrarprodukte zu entwickeln, die die Touristen auch als Mitbringsel kaufen können. Diese Erzeugnisse könnten somit auch international als Botschafter für die Wiener Landwirtschaft dienen.

Geeignete Förderungsmittel geschaffen - müssen genützt werden

Stephan Pernkopf, Kabinettchef von Lebensminister Josef Pröll, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass im Programm für die Ländliche Entwicklung in der Periode 2007 bis 2013 auch erstmals sektorübergreifend die Verarbeitungsindustrie für die Entwicklung von innovativen Agrarprodukten gefördert werden soll. Projekte, die eine Verknüpfung von Tourismus und Landwirtschaft vorsehen, sollen ebenfalls verstärkt unterstützt werden. "Wir hoffen, dass diese Mittel ab 01.01.2007 auch entsprechend genutzt werden", sagte Pernkopf. Da man sich darüber im Klaren sei, dass Touristen auch ein intaktes, gepflegtes Landschaftsbild schätzen, gebe es weiters Programme wie die Bergbauernförderung, das Agrarumweltprogramm ÖPUL oder Regionalprogramme.

Wiener Wein verstärkt als Qualitätsprodukt positionieren

Der Wiener Wein ist ein Produkt, dem es bereits - speziell in Zusammenhang mit den Wiener Heurigen - sehr gut gelungen ist, auch über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt zu werden. "Wir versuchen, den Wiener Wein noch mehr als Qualitätswein zu positionieren", sagte der Obmann des Vereins "Wiener Heuriger", Herbert Schilling. Wichtig sei es dabei, den Wein immer unter dem Namen der einzelnen Winzer zu vermarkten. Seit zwei Jahren arbeite man gezielt mit dem Wiener Tourismusverband zusammen, was schon einige Früchte getragen habe. So bekam der Wiener Wein den Wiener Tourismuspreis 2005 verliehen. "Wir brauchen jedoch auch Partner in der Gastronomie", betonte Schilling. Um solche zu finden und den Absatz von Wiener Weinen in den Lokalen zu fördern, gebe es gezielte Aktionen wie die Wahl des Restaurants mit der besten Wiener Weinkarte und Ähnliches.

Thomas Podsednik von der MA 49 (Forstamt und Landwirtschaftsbetrieb) berichtete, dass die für die Wiener Winzer so wichtigen Ab-Hof-Verkäufe teilweise zurückgehen. Das von ihm geleitete Weingut Cobenzl, das seit 1907 im Besitz der Stadt Wien steht, habe sich aus diesem Grund etwas Besonderes einfallen lassen. So kann man dort standesamtlich heiraten. "Viele der Gäste nehmen dann kartonweise Wein mit", berichtete Podsednik von dieser Marketing-Strategie. So sei es gelungen, wieder mehr persönliche Kontakte zu den Konsumenten herzustellen. Auch über beworbene Betriebs- und Kellerführungen könne man potenzielle Stammkunden anlocken.

Auftakt der Veranstaltungsreihe zur Multifunktionalität der Wiener Landwirtschaft

Wie Präsidentin Weber betonte, sei die Veranstaltung "Gast-Land-Wirt - Tourismus und Landwirtschaft neu gedacht" lediglich als erster Impuls zu diesem Thema zu verstehen. Weitere Gespräche müssten folgen. Außerdem stellte die Tagung den Auftakt einer Veranstaltungsreihe von FORUM LAND Wien und dem Ökosozialen Forum Wien dar, die die Multifunktionalität der Wiener Landwirtschaft in den Mittelpunkt stellt.
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