- 19.05.2006, 17:59:08
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DER STANDARD-Kommentar "Leseunwillige Prokop" von Gerfried Sperl
"Der Intergrationsflop der Innenministerin und die nötigen Lehren daraus" - Ausgabe vom 20./21.5.2006
Wien (OTS) - Für die Behauptung der Innenministerin Liese Prokop,
vierzig Prozent der in Österreich lebenden Muslime seien
"integrationsunwillig", gibt es nur zwei Interpretationen. Entweder
ist die Ministerin "leseunwillig" oder sie hat den Ausdruck nur
verwendet, um damit bei der gegenüber Muslimen kritischen Bevölkerung
zu punkten. Faktum ist, dass dieses Doppelwort nirgends vorkommt.
Noch mehr: Die Inhalte der Studie widersprechen dem Befund Prokops.
Nur (oder immerhin) zwanzig Prozent werden als "religiös-konservativ"
eingestuft, was sich auch in den "äußeren Zeichen" wie Kleidung und
Ritualgebet ausdrückt. Immerhin (oder nur) 25 Prozent sind so weit
säkularisiert, dass sie auch auf die religiöse Zeichensetzung
verzichten. 30 Prozent sind gläubig, aber kritisch gegen streng
Gläubige. Und 25 Prozent sind Muslime mit konservativer Grundhaltung.
Umgekehrt ist unter den Österreichern trotz der internationalen
Terrorattacken die Haltung zu Muslimen überraschend positiv. 23
Prozent sind positiv eingestellt, 37 Prozent sind neutral, 24 Prozent
haben Bedenken, nur 16 Prozent äußern eine betont negative Haltung.
90 Prozent der am Telefon befragten tausend Österreicher sagen, sie
würden zwischen dem Islam als Ganzes und seinem Missbrauch durch
Extremisten unterscheiden.
Da die Studie in ihrer Conclusio "gute Voraussetzungen für gelingende
Integration" auf beiden Seiten ortet, haben die Behauptungen der
Ministerin in der Tiroler Tageszeitung schweren Schaden angerichtet.
Bei den Muslimen, weil sie so "unwillig" nicht sind. Bei den von
Vorurteilen gesteuerten Österreichern, die sich bestätigt fühlen. Die
von Prokop darüber hinaus in den rechten Wind geblasene Angstparole
von einer "drohenden Fundamentalisierung Österreichs" ist nichts als
vorgezogener Wahlkampf.
Ähnlich dem Schüssel-Vergleich vom Jahrhundert-Hochwasser, das der
Bawag "bis zum Hals" steht. Die Taktik ist, eine Ungeheuerlichkeit in
den medialen Raum zu stellen, sie bei scharfem Gegenwind zwar zu
korrigieren, aber politisch von der Demagogie weiterzuleben. Denn so
wie offenbar Prokop selbst liest auch eine Mehrheit der Österreicher
die kleinformatigen Überschriften in der U-Bahn oder im Pendlerzug.
Das kleiner Gedruckte wird aus Zeitmangel oder Desinteresse nicht
mehr konsumiert.
Bis zum Wahltermin werden wir weitere Schlammschlachten dieser und
anderer Art erleben. Auch deshalb, weil sich die Schüssel-Partie und
die Gusenbauer-Crew möglicherweise gegen ein Dreigestirn
unterschiedlich radikaler Yuppies wehren wollen: Strache,
Westenthaler und Martin. Also schürt man die Vorurteile gleich selbst
und früh genug. Wobei man der SPÖ attestieren muss, dass sie sich
(selbst in der Frage Eurofighter) momentan zurückhält.
In der Sache selbst ist eine Koalition der Vernünftigen zu wünschen.
Die Vertreter der Muslime haben zwar gegen Prokops Aussagen teils
heftig protestiert, aber sie haben gleichzeitig zu verstehen gegeben,
dass die Beachtung der österreichischen Verfassung und die Kenntnis
der Landessprache zu den Voraussetzungen einer erfolgreichen
Integration gehören.
Vielleicht sollten die staatlich anerkannten Kirchen in einer
gemeinsamen Initiative Politiker und Experten zusammenbringen, die
über einige vorrangige integrative Maßnahmen beraten. Eine
Möglichkeit. Die andere: Aktionen der Kirchen selbst, bei denen
Toleranz und aufeinander Zugehen demonstriert werden.
Dies ist umso wichtiger, wenn man die Warntafeln am Ende der Studie
bedenkt: "Das größte Gefahrenpotenzial dürfte dort liegen, wo
wirtschaftliche Probleme . . . und intensive Einbindung in eine
ethnisch und religiös ausgerichtete Infrastruktur zusammentreffen."
Deshalb sollte auch unter den Muslimen selbst solchen Entwicklungen
vorgebeugt werden.
Damit es nicht zur Bildung einer "Gegengesellschaft" kommt.
Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445
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