• 26.04.2006, 17:55:18
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Die Opfer der Penthouse-Ethik" von Eric Frey

Die jüngsten Nachrichten könnten für Bawag, ÖGB und SPÖ gar nicht schlimmer sein - Ausgabe vom 27.4.2006

Wien (OTS) - Ewald Nowotny dürfte derzeit nicht nur das
amerikanische Zivilrecht, sondern auch "Murphy’s Law" studieren. Bei
der Bawag P.S.K. ist seit seinem Amtsantritt trotz all seiner Bemühen
um Normalität alles schief gegangen, was schief gehen kann. Und die
Schläge kommen in Größenordnungen, die das Vorstellungsvermögen
normaler Bürger übersteigt: 400 Millionen Euro Verlust durch den
Refco- Kredit im Herbst, eine Milliarde Miese in der Karibik, und nun
eine Milliarde, die Refco- Gläubiger vor einem US-Gericht von der
Bawag fordern.
Eine Klage ist noch kein Urteil, und die Bawag muss die New Yorker
Streitsumme noch lange nicht in den Rauchfang schreiben. Aber die
Klagsschrift hat eine Qualität, die Nowotny schlaflose Nächte
bereiten sollte: Sie klingt äußerst plausibel.
Denn wenn die Bawag P.S.K. unter Helmut Elsner und Johann Zwettler
tatsächlich über Jahre hinweg der Brokerfirma Refco geholfen hat,
ihre maroden Bilanzen durch kurzfristige Kredite zu verschönern, dann
erklärt sich auch, warum der Bawag-Vorstand an einem Sonntag im
Oktober Refco-Chef Philipp Bennett einen 350-Millionen- Kredit
nachgeworfen hat, obwohl ein kurzer Anruf in New York ausgereicht
hätte, um alles über dessen massiven Probleme zu erfahren.
Hatte Bennett vielleicht bestimmte Druckmittel gegen die Bawag in der
Hand? Wenn die Klage der Refco-Gläubiger stimmt, dann ja. Vieles
deutet auch darauf hin, dass Bennett der Bawag beim Verstecken ihrer
Karibik-Verluste geholfen hat - und damit auch ÖGB- Chef Fritz
Verzetnitsch gedeckt hat. In einer solchen Lage fragt man nicht lange
nach, wenn der Partner plötzlich dringend Geld fordert.
All das sind derzeit nur Vermutungen, die sich alle in Luft auflösen
können. Aber der Ausgang von US-Gerichtsverfahren ist auch für viel
größere Konzerne unberechenbar. Und dass selbst der
Gewerkschaftsbewegung gewogene Beobachter den Ex-Managern Elsner,
Zwettler und Co jede Schandtat zutrauen, sollte nicht überraschend.
Eine in der Karibik verzockte Milliarde ist eine abstrakte Summe,
aber ein Luxus-Penthouse in der Wiener Innenstadt, das ein Bankenchef
seinem Vorgänger auf Kosten der Bank um einen Bruchteil des Werts
verkauft, nachdem dieser die Bank fast ruiniert hat und bereits mit
Millionen abgefertigt worden ist - das kann sich jeder Mensch
vorstellen, der je verzweifelt eine günstige Wohnung gesucht hat.
Was immer in diesen Affären am Ende juristisch herauskommt - die
Penthouse-Ethik hat die Bawag-Chefs offensichtlich auch in ihren
Auslandsgeschäften geleitet. Dies führt - wenn nicht ins Kriminal -
zumindest ins finanzielle Verderben. Nowotny ist da von einem ganz
anderen Schlag, aber er muss die vergiftete Suppe nun auslöffeln.
Denn angesichts des konkret gewordenen US-Prozessrisikos drohen
Bankenpartner nervös zu werden, Gläubiger höhere Zinsen zu verlangen
und die bisher treuen Kunden davonzulaufen.
Das Pech ist auch dem Tandem ÖGB-SPÖ treu: Eine unerprobte und
zerstrittene Gewerkschaftsführung muss zusehen, wie ihre finanziellen
wie politischen Strategien zerbröseln. In der jetzigen Situation ist
die Bawag unverkäuflich, und das bedeutet, dass der einst legendäre
Streikfonds praktisch leer ist. Und statt die Bawag-Affäre durch
einen Verkauf noch vor den Nationalratswahlen zu bereinigen, muss
SPÖ-Chef Gusenbauer damit rechnen, dass die Bank den ganzen Wahlkampf
hindurch Schlagzeilen produzieren wird.
Dass die Nationalbank und andere inländische Großbanken bereits einen
Krisenplan für den Fall vorbereiten, dass die Bawag in eine echte
finanzielle Schieflage gerät, wird den Eigentümern nicht helfen. Den
Bankern geht es um den Ruf und die Stabilität des heimischen
Finanzmarkts. Ob der ÖGB einen Rest seines Vermögens und die SPÖ ihre
Wahlchancen retten kann, ist ihnen kein Anliegen - und inzwischen
auch immer mehr Bürgern egal. Die Opfer der Penthouse-Ethik sind vor
allem die eigenen Genossen.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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