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Die Bewahrer haben Recht behalten
"Presse"-Leitartikel vom 15.04.2006 von Michael Fleischhacker
Wien (OTS) - Die Bewahrer
haben Recht behalten
LEITARTIKEL von Michael Fleischhacker
In der katholischen Kirche herrscht Stillstand. Das ist in Zeiten wie
diesen eine nicht zu unterschätzende Stärke.
Eine Handvoll ostösterreichischer Pfarrer äußerte dieser Tage ihre
Unzufriedenheit darüber, "wie die Leitungsverantwortlichen in den
Ortskirche und in der Weltkirche derzeit mit den großen offenen
Fragen und Problemen in unserer Kirche umgehen". Die
Grundsatzerklärung, in der die guten alten "heißen Eisen" vom
Priestermangel über das Eherecht bis zur "Krise des Bußsakramentes"
angesprochen werden, trägt den Titel "Mit drängender Sorge". Die
Initiative wird von der kirchlichen Obrigkeit vermutlich ähnlich
unspektakulär zu Tode gestreichelt werden wie das seinerzeitige
"Kirchenvolks-Begehren" und seine Proponenten.
Der Titel immerhin könnte die Aufmerksamkeit des einen oder anderen
Kirchenoberen erwecken: Schließlich ist die kaum versteckte
Anspielung auf die Enzyklika "Mit brennender Sorge", mit der sich
Pius XI. 1937 gegen die Unterdrückung der katholischen Kirche im
Deutschen Reich wandte, entweder eine ziemliche Gedankenlosigkeit
oder aber eine eher elefantöse Entgleisung.
Andererseits müsste das kirchliche Establishment, auf lokaler wie auf
römischer Ebene, den ostösterreichischen Revoluzzern fast dankbar
sein: Ein ausführlicherer Blick in das Schreiben, das der bereits
schwer kranke Papst am Passionssonntag im März 1937 veröffentlichte,
lohnt sich vor allem aus der Sicht der Bewahrer. Denn die
Verteidigung des reinen Christenglaubens gegen die
nationalsozialistischen Verirrungen, die Pius XI. darin vornimmt,
erinnert in nicht wenigen Passagen an jene Anti-Zeitgeist-Predigten,
die der brillante Theologe Joseph Ratzinger, der seit einem Jahr als
Papst Benedikt XVI. die Geschicke der Kirche leitet, im Laufe seiner
kirchlichen Karriere vorgetragen hat. Zum Beispiel dort, wo Pius über
die Abgefallenen schreibt:
Mögen manche von ihnen, sich den Gepflogenheiten ihrer neuen Umgebung
anpassend, für das verlassene Vaterhaus und den Vater selbst nur
Worte der Untreue, des Undanks oder gar der Unbill haben, mögen sie
vergessen, was sie hinter sich geworfen haben _ der Tag wird kommen,
wo das Grauen der Gottesferne und der seelischen Verwahrlosung über
diesen heute verlorenen Söhnen zusammenschlägt, wo das Heimweh sie
zurücktreiben wird zu dem ,Gott, der ihre Jugend erfreute`, und zu
der Kirche, deren Mutterhand sie den Weg zum himmlischen Vater
gelehrt hat."
Vielleicht ist es mehr als nur eine kleine, nette Ironie, dass sich
die überzogene Anspielung gegen die Proponenten der Erhebung wendet.
Man muss kein Kurienkardinal sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass
sich gegen die Zumutungen und Herausforderungen des globalen
Zeitgeistes die kleinen Alltagssorgen des alpinen Katholizismus ein
wenig kleinwüchsig ausnehmen. Und man ist bei der Lektüre des bald
sechzig Jahre alten Textes doch sehr erstaunt, wie sehr die
Bedrohungsbilder von damals und heute einander gleichen, wenn man vom
nationalsozialistischen Spezifikum des Rassenwahns absieht.
Die innerkirchlichen Reformer, das lässt sich gefahrlos
prognostizieren, befinden sich bis auf Weiteres auf verlorenem
Posten. Denn die katholische Kirche steht heute _ nicht trotz,
sondern gerade wegen des so genannten "Stillstandes" _ so hoch im
gesellschaftlichen Kurs wie schon seit Jahrzehnten nicht. In fast
allen drängenden europäischen Gegenwartsfragen _ demografische Krise,
gesellschaftliche Zersplitterung und Vereinzelung, Umgang mit dem
Islam _ bietet die traditionelle katholische Lehre immerhin etwas an,
das sonst derzeit niemand zu bieten hat: ein schlüssiges Konzept. In
einer Situation, in der die Welt gerettet werden will, muss jeder,
der sich mit pastoral-ortskirchlichen Sonderwehwehchen zu Wort melden
will, weit hinten anstellen.
Auch wenn man aus persönlicher Betroffenheit _ sei es als Seelsorger,
sei es etwa als aktiver Katholik, der unter den Folgen des
lateinischen Eherechts leidet _ anderer Ansicht sein mag: Müsste man
an diesem Osterfest 2006 die Auseinandersetzungen zwischen Reformern
und Bewahrern bilanzieren, die seit dem Ende des Zweiten Vatikanums
im Gange sind, so käme man nicht darum herum, den Bewahrern zu
gratulieren. Hätte sich die katholische Kirche nach 1965 noch stärker
an den Zeitgeist angepasst, als sie es ohnehin tat, dann stünde sie
heute nicht mehr als Alternativmodell zu einer Gesellschaft zur
Verfügung, die sich zunehmend _ und aus guten Gründen _ als Opfer
ihrer eigenen Errungenschaften empfindet.
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