• 10.03.2006, 09:37:47
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Kreisky-Preis: Gusenbauer würdigt Habermas' "epochale Leistungen"

Habermas - Plädoyer für handlungsfähiges Europa - "Geistige Verwandtschaft mit Kreisky"

Wien (SK) - Jürgen Habermas habe "epochale Leistungen auf
philosophischem Gebiet" vollbracht, betonte SPÖ-Vorsitzender Alfred
Gusenbauer Donnerstagabend anlässlich der
Bruno-Kreisky-Preisverleihung für das politische Buch 2005 an den
deutschen Philosophen Jürgen Habermas für sein literarisches und
publizistisches Gesamtwerk. Der SPÖ-EU-Abgeordnete und Vorsitzende
der Jury, Hannes Swoboda, hob in seiner Laudatio Habermas' klares
"Bekenntnis zum Sozial- und Wohlfahrtsstaat" und "wissenschaftliche
Redlichkeit" hervor. Jürgen Habermas unterstrich in seiner
Dankesrede, die großteils ein Plädoyer für ein starkes und
handlungsfähiges Europa darstellte, dass er eine "gewisse
Verwandtschaft im Geiste mit Bruno Kreisky verspürt", und warnte
davor, dass "die Zukunft der Europäischen Union im Sinne der
neoliberalen Orthodoxie entschieden" werde, wenn es nicht gelingt,
die Frage nach dem "Worumwillen" der europäischen Erweiterung "zum
Gegenstand eines europaweiten Referendums zu machen". Durch den Abend
führte der Direktor des Renner-Instituts, Karl Duffek. ****

Gusenbauer über Habermas - "Ohne Dünkel des Meisterdenkers,
rigoros im intellektuellen Anspruch"

Jürgen Habermas spiele eine "bedeutende Rolle in der politischen
Öffentlichkeit" und sei ohne "Dünkel und Attitüde des
Meisterdenkers", jedoch "rigoros in seinem intellektuellen Anspruch",
so SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer in seiner Laudatio. Habermas
sei ein Intellektueller, der "klar und pointiert an die
Öffentlichkeit" trete, ohne seinen "Ruf und seine Qualitätsstandards
zu verraten", erinnerte der SPÖ-Vorsitzende etwa an Habermas'
Auseinandersetzung mit Fragen von Religion und Aufklärung,
Kosovo-Krieg und Gentechnik. Gusenbauer verwies auf die Einhelligkeit
des Jury-Entscheids für Jürgen Habermas und zeigte sich erfreut
darüber, dass der seit 1993 vergebene Bruno-Kreisky-Preis "weit über
die Grenzen des Landes hinaus stetig an Reputation" gewinne.

Swoboda würdigt Habermas' "wissenschaftliche Redlichkeit"

Jürgen Habermas "gibt nichts von seiner wissenschaftlichen
Redlichkeit auf", wenn er diskursiv in das öffentliche Leben
eingreife, unterstrich SPÖ-EU-Abgeordneter Hannes Swoboda in seiner
Laudatio. Zudem seien Habermas' "tagespolitische Äußerungen von
Stringenz und wissenschaftlicher Exaktheit" geprägt. Mit ein
wichtiger Grund dafür, dass der Kreisky-Preis für das politische Buch
2005 an Habermas gegangen ist, sei dessen "differenzierte Betrachtung
von Moderne, Aufklärung und Religion" - eine angesichts des
Karikaturen-Streits wichtige Frage, in der sich der deutsche
Philosoph für "Lernfähigkeit und selbstkritisches Selbstbewusstsein"
der verschiedenen System ausspreche. Swoboda erinnerte daran, dass
Habermas überzeugt sei, dass Europa eine Verfassung brauche, um mit
den deregulierten Märkten zurande zu kommen.

Habermas - Denkanstöße von Persönlichkeiten aus der
Sozialdemokratie

Er habe wichtige Denkanstöße aus dem Wirken und den Schriften von
Persönlichkeiten aus der Sozialdemokratie (Karl Renner, Otto Bauer,
Bruno Kreisky) bezogen, so Jürgen Habermas in seiner Dankesrede. Die
Transformation von der Klassengesellschaft hin zur Bürgergesellschaft
sei das Verdienst von zurückgekehrten Emigranten, die aus der
Sozialdemokratie stammten, machte Habermas klar, der sich in seiner
Rede mit der schwieriger werdenden Rolle des Intellektuellen
auseinandersetzte, der sich einem "Strukturwandel innerhalb der
Mediengesellschaft" und daraus resultierend einer "Fragmentierung von
Kommunikationsabläufen" gegenübersieht.

Habermas setzte sich weiters mit der Zukunft Europas auseinander -
eine Frage, die ihn "heute am meisten aufregt" und "alles andere als
blass oder langweilig ist". Vor allem die Frage nach dem "Worumwillen
der europäischen Einigung" gelte es spätestens bis zu den
Europawahlen 2009 zu klären, so Habermas, der vor einer Auslieferung
an die "Dynamik der entfesselten freien Märkte" warnte. "Europa muss
sich zu einer Reform aufrappeln", so Habermas, der abschließend für
eine "außenpolitisch handlungsfähige Union" plädierte, was sie dazu
befähige, ihren "eigenen Vorstellungen von Völkerrecht, Folterverbot
und Kriegsstrafrecht treu zu bleiben". (Schluss) mb

Rückfragehinweis:
Pressedienst der SPÖ
Tel.: 01/53427-275
http://www.spoe.at

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