- 30.12.2005, 18:34:18
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"Die Presse" Leitartikel: "Ein wenig Gelassenheit könnte nicht schaden" (von Michael Fleischhacker)
Ausgabe vom 31.12.2005
Wien (OTS) - Auf Österreich kommt 2006 einiges zu. Ein Grund, zur
alten Tradition der guten Vorsätze zurückzukehren.
Die Zeiten, in denen der Jahreswechsel zum Anlass genommen wurde,
sich gute Vorsätze zu machen, scheinen endgültig vorbei zu sein.
Heute trifft man kaum noch jemanden, der dieser alten Tradition
folgt. Man nennt das Enttäuschungsprophylaxe: Warum soll man sich in
guten Vorsätzen verkrampfen, wenn man ohnehin schon ahnt, dass man in
der Regel nicht in der Lage sein wird, sie auch zur Gänze umzusetzen?
Die Erfahrung, es nicht geschafft zu haben, ruft Selbstzweifel
hervor, die sich bei entsprechender Veranlagung und Witterung schnell
einmal zur Depression auswachsen können. Zumindest muss man damit
rechnen, dass eine schlechte Angewohnheit, von der man um jeden Preis
lassen will, sich mit der Erfahrung des Scheiterns eher noch
verschlimmert.
Jeder, der mehrmals versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören, kann
das bestätigen: Kaum jemand, der nicht nach einem gescheiterten
Versuch, es jetzt aber wirklich endgültig zu lassen, hinterher mehr
geraucht hätte als zuvor. Wie man hört, funktionieren Entzugsversuche
auch bei härteren Drogen nach einem ähnlichen, dann gelegentlich
sogar tödlichen Muster. Und sogar im Bereich der politischen
Suchtmittel verhält es sich nicht anders, wie etwa der Fall des
Populismus-Junkies Jörg Haider zeigt: Oft genug hat er sich
öffentlich vorgenommen, von der Droge zu lassen, und nach jedem
Rückfall ist es schlimmer geworden, mit dem Ergebnis, dass das
politische Lebenslicht des ehemaligen Politwunders immer schwächer
wird.
Weil es also nicht leicht ist, mit der Erfahrung des eigenen
Scheiterns umzugehen, hat man sich darauf verlegt, die offensichtlich
unvermeidlichen Besserungserwartungen, die mit einem neuen Jahr
verbunden sind, nicht an sich selbst zu richten, sondern an die
anderen. Es ist eben doch um Einiges leichter, das Versagen der
anderen zu ertragen als das eigene.
Der Trend, sich Verbesserungen der Lage nicht von sich selbst,
sondern von den anderen zu erwarten, ist naturgemäß unter Politikern,
die ohnehin nicht zu Exzessen der Selbstkritik neigen, besonders
ausgeprägt. Dass Politiker oder gar politische Gruppierungen sich zum
Jahreswechsel gute Vorsätze machen, scheint undenkbar geworden zu
sein, weil es das Eingeständnis einschlösse, dass man derzeit unter
seinen Möglichkeiten bleibt, und ein solches Eingeständnis hat in der
politischen Kultur unserer Tage keinen Platz. Das hat zur Folge, dass
es auch in Österreich zwischen der Jubelprosa der Regierenden und der
Weltuntergangslyrik der Opposition nichts zu geben scheint als das
Buchstabenvalium, das der gütige Herr Bundespräsident gelegentlich
austeilt.
Wenn die politische Groteske um die umstrittenen EU-Plakate, die zum
Jahreswechsel die österreichischen Gemüter erhitzt, der Gradmesser
für die Gelassenheit und Selbstdistanz der politischen Akteure in den
kommenden Monaten sein sollte, steht uns ein wirkliches
Katastrophenjahr ins Haus. Wie sollen Politiker, die nicht in der
Lage sind, ihre Meinung zu einem Kunstwerk im öffentlichen Raum zu
äußern, ohne seine Existenz zu einem Skandal galaktischen Ausmaßes
hochzustilisieren, eine EU-Präsidentschaft und einen
Nationalratswahlkampf über die Bühne zu bringen, ohne das Land jede
Woche der internationalen Lächerlichkeit preiszugeben?
Gerade an der Wende zum besonders herausfordernden Jahr 2006 sollten
alle Spieler auf dem Feld der politischen Öffentlichkeit in
Österreich zur Tradition der Neujahrsvorsätze zurückkehren. Am
besten, es fassen alle den selben: nämlich, auf die leichtfertige
Aktivierung der in diesem Land besonders hohen
Hysterisierungsbereitschaft zu verzichten. An konkreten Anlässen,
diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, wird es nicht mangeln, weder
während der EU-Präsidentschaft noch während des
Nationalratswahlkampfes. Würden sich alle daran halten, könnte das
beispielsweise für die Zeit der EU-Präsidentschaft bedeuten, dass die
Regierung der Versuchung widersteht, jede Kritik der Opposition an
der konkreten Vorsitzführung zum Vaterlandsverrat hochzustilisieren.
Oder dass im Nationalratswahlkampf darauf verzichtet wird, angesichts
der zu erwartenden Anti-Ausländer-Kampagne der Freiheitlichen die
Nazi-Keule aus der Mottenkiste zu holen.
Ja, und natürlich sind auch wir Medienleute gefragt, wenn es darum
geht, nicht aus jedem österreichischen Küchenbrand einen europäischen
Weltuntergang zu machen. Wir wollen unser Bestes versuchen. Und so
dazu beitragen, dass es für uns alle ein gutes Jahr wird.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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Tel.: (01) 514 14-445
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